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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Buße (De paenitentia)
Zweites Buch

Cap. 10

Sollte denn wohl Jemand billigen, daß du Gott zu bitten erröthest, während du Menschen zu bitten nicht erröthest? daß du dich schämst, vor Gott, dem du doch nicht verborgen bist, als Flehender zu stehen, während du dich nicht schämst, einem Menschen, der dich nicht kennt, deine Sünden zu bekennen?1 Du fliehest Zeugen deines Bußgebetes, während du doch, wo es sich um eine Leistung an Menschen handelt, gar Viele angehen und bitten mußt, daß sie für dich eintreten: da mußt du auf den Knieen liegen, den Staub ihrer Füße mußt du küssen, du mußt deine Kinder sogar, die deiner Schuld doch fremd sind, als Fürsprecher darbieten, um dem Vater die Verzeihung zu erwirken. In der Kirche Alles dieses zu thun: Gott flehentlich zu bitten, bei seinem heiligen Volke Schutz und Fürsprache nachzusuchen, — davor schreckst du zurück; — und doch ist hier gar keine Veranlassung zum Schämen, oder höchstens im Nichtbekennen gegeben, da wir ja Alle Sünder sind. Je demüthiger Jemand ist, desto mehr ist er des Lobes würdig; je verächtlicher er sich erscheint, desto gerechter ist er.

Laß nur die Kirche, unsere Mutter, für dich weinen, laß sie nur mit ihren Thränen deine Schuld abwaschen! Möchte nur Christus dich traurig sehen, damit er auch zu dir sagt: „Selig sind die Traurigen, denn sie werden sich [S. 312] freuen.“ Es ist ihm lieb, wenn Viele für Einen bitten. So hat er ja auch nach dem Evangelium, durch die Thränen der Wittwe bewegt, weil Viele für sie weinend baten, den Sohn derselben zum Leben erweckt. Aus demselben Grunde hat er auch schneller den Petrus erhört, so daß die Dorkas sich wieder erhob, weil eben die Armen den Tod derselben beweinten. Ebenso hat er dem Petrus verziehen, weil er so bitterlich weinte. Und wenn auch du so bitterlich weinest, dann wird Christus auf dich hinsehen, und die Schuld wird schwinden. Die Anwendung des Schmerzes vertreibt die Ueppigkeit des Lasters, die Lust der Sünde. Wenn wir demnach die begangenen Sünden betrauern, so schließen wir künftige aus, und so entsteht aus der Verurtheilung der Schuld eine Zuchtschule der Unschuld.

So laß dich denn durch Nichts von der Buße abziehen: sie ist dir ja mit den Heiligen gemein: wäre sie nur so nachzuahmen, wie sie in dem Weinen der Heiligen sich kundgab! David aß Asche wie Brod und mischte seinen Trank mit Thränen: darum freut er sich jetzt auch mehr, weil er mehr geweint hat: „Fluthen von Wasser, sagt er, rinnen nieder meine Augen.“2

Auch Johannes weinte sehr,3 und dann sagt er, daß ihm die Geheimnisse Christi offenbart seien. Jenes Weib aber, welches, während es hätte weinen sollen, weil es in Sünden war, sich freuete, mit Purpur und Scharlach sich bekleidete und mit Gold und kostbaren Steinen sich schmückte: dieses Weib beklagt nun das schreckliche Loos ewigen Weinens.4

Mit Recht werden deßhalb diejenigen getadelt, welche glauben, die Buße sei öfter zu üben; sie sündigen durch Leichtfertigkeit gegen Christus. Wenn sie aufrichtig die Buße übten, so würden sie nicht meinen, sie könnten diese [S. 313] Uebung wiederholen; denn wie es nur eine Taufe gibt, so gibt es auch nur eine Buße, sofern sie öffentlich geübt wird.5 Die täglichen Fehler freilich muß man immer wieder sühnen; solche Buße gilt aber den leichteren, jene öffentliche den schwereren Sünden.

Ich finde übrigens wohl leichter Menschen, welche ihre Unschuld bewahrt haben, als solche, welche in entsprechender Weise Buße geübt haben. Kann man da an Buße glauben, wo das Streben nach Würden fortbesteht, wo der Wein fließt, wo sogar der eheliche Umgang fortgesetzt wird? Nein, man muß den Genüssen der Welt entsagen: selbst dem Schlafe soll man weniger nachgeben, als die Natur fordert: mit Weinen muß man ihn stören, mit Seufzern unterbrechen, mit Gebeten zurückdrängen. So muß das Leben sich gestalten, daß wir der gewöhnlichen Lebensweise absterben; der Mensch muß sich verleugnen und ein ganz anderer werden. Es paßt eben die Geschichte von jenem Jünglinge, welcher, um den Banden einer buhlerischen Liebe zu entgehen, weit fortreiste und erst zurückkehrte, als die Liebe in seinem Herzen ertödtet war. Da begegnete er einst der früheren Geliebten, welche verwundert darüber, daß er sie nicht anredete, der Meinung war, sie sei von ihm nicht wieder erkannt. Ihm entgegeneilend rief sie deßhalb: „Ich bin es ja.“ Der Jüngling antwortete das kurze Wort: „Gewiß, aber ich bin nicht mehr Ich.“

Mit Recht sagt also der Herr: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Die gestorben und begraben sind in Christo, die dürfen (zum Leben zurückgekehrt) nicht wieder urtheilen, als lebten sie noch in der Welt; deßhalb setzt der Apostel hinzu:6 „Rühret nicht an, tastet nicht an, was Alles [S. 314] zum Verderben gereicht schon durch den Gebrauch“, weil schon die gewöhnliche Art, das Leben zu genießen, zum Verderben gereicht für die Unschuld.

1: Die katholischen Theologen finden in diesen Worten mit Recht ein gewichtiges Zeugniß für die Ohrenbeichte.
2: Ps. 118, 136 [Hebr. Ps. 119, 136]. Der Psalmist gibt aber als Grund an, „weil man deine Satzungen nicht beobachtet.“
3: Offenb. 5, 4.
4: Offenb. 17, 4.
5: Der heilige Ambrosius spricht diese Anschauung über die öffentliche Buße wiederholt mit allem Nachdrucke aus.
6: Kol. 2, 20 f. Das Citat verkehrt den Sinn der Paulinischen Worte in das gerade Gegentheil. Der Apostel warnt vor einer falschen, übertriebenen Ascese derjenigen, die eben in Aeußerlichkeiten das Heil suchten und deßhalb sagten: „Fasse nicht an, koste nicht, ja berühre nicht einmal!“ „Quae sunt omnia ad corruptelam (wie Ambrosius das „εἰς φθοράν“ [eis phthoran] übersetzt, während die Vulgata, ‚in iteritum‘ hat) ipso usu“ sagt der Apostel aus der Anschauung der falschen Lehrer. Diese behaupten eben zu Unrecht, daß die von Gott dem Menschen zum Gebrauche gegebenen Dinge schon durch den Gebrauch zum ewigen Verderben würden. Daß der Apostel sich solche Lehre nicht aneignen will, daß er sie vielmehr scharf tadelt, ergibt der Context. Der hl. Ambrosius legt dem Apostel die Aeußerungen der Irrlehrer — freilich in einem anderen Sinne — in den Mund.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger