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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Buße (De paenitentia)
Zweites Buch

Cap. 9

Nach dem Gesagten ist es also durchaus zutreffend, daß wir sowohl an die Nothwendigkeit der Buße, als an die Möglichkeit der Verzeihung glauben; freilich mit der Beschränkung, daß wir die Verzeihung nur auf dem Grunde des Glaubens, nicht als eine pflichtmäßige Leistung hoffen. Es ist ja doch ein Anderes, etwas verdienen, und etwas von vornherein in Anspruch nehmen. Der Glaube erbittet die Verzeihung gleichsam auf Grund eines Vertrages; die Verzeihung aber ohne Weiteres fordern, steht thörichter Anmaßung näher als demüthiger Bitte. Zahle du zuerst, was du schuldig bist; dann verdienst du vielleicht, daß du darum bitten mögest, was du gehofft hast. Biete dar die Gesinnung eines guten Schuldners, damit du nicht gezwungen wirst, deine Schuld mit einer neuen Anleihe zu decken, damit du vielmehr mit der Münze deines Glaubens die eingegangene schwere Verpflichtung lösest.

Derjenige, welcher Gott schuldet, hat übrigens reichere Hilfsmittel, zu zahlen, als derjenige, welcher einem Menschen [S. 309] schuldig ist. Der Mensch verlangt für das dargeliehene Geld eben Geld zurück, und das steht dem Schuldner nicht immer zur Verfügung: Gott verlangt die innere Gesinnung, und die liegt allezeit in deiner Willensmacht. Niemand, der Gott schuldet, ist arm, es sei denn, daß er sich selbst arm gemacht hat. Hat er nichts, was er verkaufen könnte, so hat er doch genug, womit er zahlen kann. Beten, Weinen, Fasten bildet für den willigen Schuldner einen Vermögensstand, der weit reicher ist, als wenn Jemand von dem Kaufpreise seiner Aecker das Geld darbietet ohne Glauben.

So war Ananias arm, als er nach dem Verkaufe seines Ackers das Geld zu den Aposteln trug: er konnte seine Schuld damit nicht tilgen, verwickelte sich vielmehr nur noch tiefer hinein. Reich aber war jene Wittwe, welche die beiden geringen Münzen in den Schatzkasten warf, von der gesagt wurde: Sie hat mehr als Alle hineingelegt. Was Gott heischt, ist nicht die Gabe an Geld, sondern der (treue) Glaube.

Uebrigens leugne auch ich keineswegs, daß durch Freigebigkeit gegen die Armen die Sünde vermindert wird; nur muß der Glaube die Gaben empfehlen. Oder was nützt die Hingabe des Vermögens ohne die Liebe?

Es gibt Menschen, die lediglich um des äußeren Ruhmes willen die Zierde der Freigebigkeit an den Tag legen, so zwar, daß sie für ganz besonders erprobt wollen angeschen sein, weil sie nichts für sich zurückbehalten. Da sie aber den Lohn dieser Welt suchen, so sichern sie sich den der zukünftigen Welt nicht: da sie hier den Lohn empfangen haben, so können sie weiteren nicht hoffen.

Es gibt aber auch Andere, welche in augenblicklicher, gewaltsamer Erregtheit, nicht nach ruhiger Ueberlegung ihre Mittel erst der Kirche schenkten und dann nachher glaubten, die Gabe widerrufen zu müssen. Diesen ist weder der erste noch der zweite Lohn bestimmt; die Gabe war ohne Ueberlegung gemacht und der Widerruf derselben ein Sacrilegium.

[S. 310] Es gibt endlich Menschen, welche es bereuten, daß sie ihr Vermögen den Armen gegeben hatten: aber diejenigen, welche Buße thun, dürfen das in keinem Falle bereuen, damit sie nicht etwa über ihre Buße selbst wieder Buße thun. Denn gar Viele erbitten sich die Buße im Bewußtsein ihrer Sünden aus Furcht vor der künftigen Strafe; haben sie dieselbe dann empfangen, so lassen sie sich abschrecken durch die Beschämung der öffentlichen Bitte. Solche scheinen die Buße allerdings für böse Handlungen erbeten zu haben, aber dann gerade für diese gute That zu verrichten.

Einige fordern geradezu deßbalb die Buße, um alsbald der kirchlichen Gemeinschaft wieder zurückgegeben zu werden. Sie wünschen eigentlich gar nicht sich zu lösen, sondern nur den Priester zu binden. Sie befreien ihr Gewissen nicht von der Schuld und belasten das Gewissen des Priesters, dem gesagt ist: „Gebet das Heilige nicht den Hunden und werfet die Perlen nicht vor die Säue:“ d. h. den unreinen Herzen ist die Zulassung zur heiligen Gemeinschaft nicht zu gewähren.

Dann magst du sie vielleicht sehen, wie sie in rasch gewechseltem Kleide einherschreiten, während sie trauern und seufzen sollten, weil sie das Kleid des Taufbades und der Gnade befleckt haben. Du kannst sehen, wie Frauen ihre Ohren mit Perlen belasten, und wie ihre Nacken sich krümmen, die sie wahrlich nicht für Christus mit Gold niederbeugen: und doch müßten sie sich selbst beweinen, weil sie die Perle, die vom Himmel stammt, verloren haben.

Andere glauben, darin bestehe die Buße, daß sie von den himmlischen Geheimnissen sich ferne halten. Die sind aber doch zu grausame Richter gegen sich selbst, welche sich eine Buße auflegen und das Heilmittel versagen; sie hätten wohl Grund, über ihre Buße selber Schmerz zu empfinden, weil sie um die himmlische Gnade betrogen wurden.

Wieder Andere glauben, die in Aussicht gestellte Hoffnung, Buße thun zu dürfen, erweitere ihnen die Freiheit zu sündigen, während doch die Buße das Heilmittel der Sünde, aber nicht das Reizmittel zum Sündigen ist. Für die Wunde [S. 311] ist das Heilmittel nothwendig, nicht aber umgekehrt für das Heilmittel die Wunde: denn jenes wird wegen dieser gesucht, aber keineswegs wird die Wunde um des Heilmittels willen begehrt. Schwach ist die Hoffnung, welche zukünftiger Zeit anvertraut wird; denn alle Zeit ist ungewiß und in keinem Fall überdauert die Hoffnung alle Zeit.

 

 

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Einleitung zur Schrift über die Busse
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger