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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Buße (De paenitentia)
Zweites Buch

Cap. 8

Zeige also dem Arzte deine Wunde, damit Heilung eintreten kann. Er kennt sie freilich, wenn du sie auch nicht aufdeckst: aber er will nun einmal von dir das Wort der Anklage hören. Wasche mit deinen Thränen die Wunden deiner Seele. So hat jenes Weib im Evangelium ihre Sünde und den bösen Geruch ihrer Verirrung getilgt und ihre Schuld gelöscht, als sie mit ihren Thränen die Füße des Herrn netzte.

Möchtest du doch, o mein Jesus, auch mir überlassen, deine heiligen Füße zu waschen, die befleckt sind, seit du in mir wandelst! Wenn du doch mir gestatten wolltest, den Schmutz zu tilgen, mit welchem ich durch mein Handeln deine Schritte verunehrt habe! Aber ach woher will ich lebendiges Wasser nehmen, womit ich deine Füße waschen könnte? Habe ich nicht solches Wasser, so habe ich doch Thränen, und während ich mit meinen Thränen deine Füße benetze, reinige ich wohl auch mich selbst. Woher, o mein Jesus, soll mir die Gnade kommen, daß du auch zu mir sagst: „Ihm sind viele Sünden vergeben, weil er viel geliebet hat“? Ich muß es bekennen, daß ich mehr (viel) schuldete und daß mehr mir erlassen wurde, da ich von dem Lärm der Gerichtshändel, von den Schrecknissen öffentlicher Verwaltung zum Priesterthume berufen bin. Gerade deßhalb aber fürchte ich auch undankbar befunden zu werden, wenn ich, dem mehr nachgelassen ist, weniger liebe.

[S. 304] Freilich nicht Alle können jenem Weibe gleich kommen, die auch dem Simon mit Recht vorgezogen wurde, der doch dem Herrn das Mahl bereitet hatte. Sie hat für Alle, welche Verzeihung verdienen wollen, das Lehramt übernommen, da sie die Füße des Herrn mit Küssen bedeckte, mit Thränen benetzte, mit ihren Haaren abtrocknete und mit kostbarem Oele salbte.

Im Kusse liegt das Zeichen der Liebe; und deßhalb sagt der Herr Jesus mit dem Bräutigam des hohen Liedes: „Sie möge mich küssen mit dem Kusse ihres Mundes.“ Was bedeuten die aufgelösten Haare anders, als die Verzichtleistung auf jede Würde, welche die Welt dem Schmucke der Kopfbinde beilegt, und die dringende Bitte um Verzeihung? So sollst du selbst dich unter Thränen zu Boden werfen, und da liegend das Erbarmen Gottes erwirken. Unter dem Salböl ist der Wohlgeruch aufrichtiger Bekehrung verstanden. David war König, als er sprach: „Allnächtlich wasche ich mein Bett mit Weinen und benetze mit meinen Thränen mein Lager.“1 Um deßwillen ist er aber auch des Gnadenvorzuges gewürdigt worden, daß aus seiner Familie die Jungfrau gewählt wurde, welche uns in ihrem Sohne den Messias geschenkt hat. Deßhalb wird denn auch dieses Weib im Evangelium selig gepriesen.

Wenn wir indessen jenes Weib in keiner Weise erreichen können, so weiß der Herr Jesus auch den Schwachen zu Hilfe zu kommen. Wo keine Maria vorhanden ist, das Mahl zu bereiten, das Salböl zu bringen, den Quell lebendigen Wassers mit sich zu tragen, da kommt er selbst zum Grabmale.

Ach Herr Jesus! wenn du dich doch herabließest, auch zu meinem Geistesgrabe zu kommen, um mich mit deinen Thränen zu baden! Ich berge in meinen nur zu sehr verschlossenen Augen keine Thränen, die meine Sünden tilgen könnten. Wenn du für mich Thränen vergossen hast, dann [S. 305] werde ich gerettet werden; werde ich deiner Thränen gewürdigt, dann tilge ich den bösen Geruch meiner Vergehen. Werde ich gewürdigt, daß du nur ein wenig über mich weinest, dann wirst du auch mich aus dem Grabe dieses Leibes rufen mit den Worten: „Komme heraus!“ Dann werden meine Gedanken nicht mehr in das enge Gefängniß der Leiblichkeit eingeschlossen bleiben; sie werden vielmehr herausgehen zu Christus, sie werden im Lichte sich bewegen: dann denke ich nicht mehr auf Werke der Finsterniß, sondern auf Werke des Lichtes. Wer auf Sünden denkt, der ist bestrebt, in seinem eigenen Bewußtsein sich einzuschließen.

Rufe denn deinen Knecht heraus! Gebunden zwar mit den Fesseln meiner Sünden, mit festumschlungenen Händen und Füßen, längst begraben in todten Gedanken und Werken, werde ich auf deinen Ruf doch fessellos, frei hervorgehen. Auch ich werde erfunden als Einer deiner Tischgenossen, und dein heiliges Haus wird mit kostbarem Salbenduft erfüllt werden: und wen du zu erlösen dich gewürdigt hast, den wirst du auch bewahren. Dann wird man sagen dürfen: „Siehe, er ist nicht von Kindheit an im Schooße der Kirche genährt und erzogen; er ist vielmehr vom Richterstuhle weggenommen, den Eitelkeiten dieser Welt entführt; er ist von dem Streiten des Gerichtssaales zum Psalmengesange gewöhnt: und bleibt jetzt im Priesterthume nicht um seiner Tugend willen, sondern lediglich durch die Gnade Jesu Christi und sitzt unter den Genossen des himmlischen Mahles!“

Behüte, Herr, dein Werk, schütze deine Gnadengabe, die du mir bereitet hast trotz meiner Flucht. Ich wußte ja, daß ich nicht würdig war, als Bischof berufen zu werden, weil ich der Welt mich ergeben hatte: aber durch deine Gnade bin ich nun, was ich bin. Ich bin zwar in Wahrheit der geringste und niedrigste unter allen Bischöfen; da ich aber doch irgendwelche Arbeit für deine heilige Kirche vollbracht habe, so schütze immerhin diese Frucht. Du hast mich als ein verloren Menschenkind zum Priesterthum berufen: laß jetzt nicht zu, daß ich als Priester verloren gehe! [S. 306] Vor Allem aber gib mir die Gnade, daß ich lerne, aus tiefstem Herzensgrunde Mitleid zu tragen mit den Sündern. Das ist ja die höchste Tugend, wie geschrieben steht: „Du hättest dich nicht freuen sollen über die Kinder Israels am Tage ihres Verderbens, nicht großsprechen am Tage ihrer Angst“2 Gib, daß ich, so oft mir die Sünde eines Gefallenen entgegentritt, Mitleid trage: daß ich nicht übermüthig tadele, sondern mit ihm weine und traure. Gib, daß ich, während ich den Nächsten beweine, auch mich selbst beweine, auf mich das Wort anwendend: „Thamar ist gerechter, als ich.“3

Sie hat wohl in ihrer Jugend gesündigt, bethört und hingerissen durch die Gelegenheiten — allzeit Herd und Ursprung der Sünden —: aber auch wir sündigen noch trotz unseres Alters.4 Es streitet in uns das Gesetz des Fleisches gegen das Gesetz unseres Geistes und führt uns gefangen unter die Botmäßigkeit der Sünde, daß wir thun, was wir nicht wollen. Dort liegt noch eine Entschuldigung in dem jugendlichen Alter, ich habe keine Entschuldigung: die Jugend muß lernen, wir müssen lehren. Darum sage auch ich: „Thamar ist gerechter, als ich.“

Wir beschuldigen Jemanden des Geizes: aber dann denken wir doch auch nach, ob wir selbst niemals dem Geize gefröhnt haben! Ist das der Fall, dann sagen wir, da der Geiz die Wurzel aller Uebel ist und verborgen, gleichsam unterirdisch in unseren Herzen fortschleicht, ja sagen wir Mann für Mann: „Thamar ist gerechter, als ich.“

Wenn wir gegen Jemanden heftig erregt sind, so ist es für den Laien eine geringere Sache, in der Aufregung etwas gethan zu haben, als für den Bischof. Erwägen wir das nur bei uns und dann sagen wir: „Derjenige, welcher der [S. 307] Erregtheit beschuldigt wird, ist wohl weniger schuldig als ich.“ Wenn wir so reden, dann bewahren wir uns selbst davor, daß der Herr oder einer seiner Jünger zu uns sagt: „Du siehst den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken im eigenen Auge siehest du nicht. Du Heuchler! ziehe zuerst den Balken aus dem eigenen Auge, und dann mögest du zusehen, auch den Splitter aus dem Auge des Nächsten zu ziehen.“

Schämen wir uns also nicht, zu gestehen, daß unsere Schuld schwerer ist, als die desjenigen, den wir glauben anklagen zu dürfen. So sprach auch Juda, da er die Thamar beschuldigte, aber zugleich an die eigene Schuld erinnert wurde: „Sie ist gerechter, als ich bin.“ Darin liegt aber ein tiefes Geheimniß und ein heiliges Gebot; und gerade deßhalb ist es seiner Schuld nicht zugerechnet, weil er sich eher selbst anklagte, als er von Anderen angeklagt wurde.

Freuen wir uns also nicht über die Sünden eines Anderen, trauern wir vielmehr, wie auch geschrieben steht beim Propheten: „Freue dich nicht über mich, meine Feindin; wenn ich gefallen, werde ich wieder auferstehen; wenn ich im Dunkel sitze, wird der Herr mein Licht sein. Den Grimm des Herrn will ich tragen, — denn ich sündigte wider ihn, — bis er meinen Handel schlichtet, und mir Recht schafft: er wird mich an’s Licht bringen, und ich werde seine Gerechtigkeit schauen. Sehen wird es meine Feindin, und Scham wird sie decken, die da sprach zu mir: Wo ist der Herr, dein Gott? Meine Augen werden sich an ihr letzen; bald wird sie zertreten sein, wie Koth der Gasse.“5 Nicht mit Unrecht geschieht das; denn derjenige, welcher sich am Falle des Nächsten ergötzt, freut sich über den Sieg des Teufels. So beklagen wir es denn tief, wenn wir hören, daß ein Mensch zu Grunde gegangen, für den Christus doch in den Tod [S. 308] gegangen ist: er, der auch des Halmes bei der Ernte nicht vergißt.

O daß er doch bei der Ernte auch diesen Halm, das heißt den tauben Haferhalm, der meine Frucht ausmacht, nicht wegwerfen, sondern sammeln möchte, wie Einer sagt: „Weh mir! ich bin geworden, wie einer, der Halmen sammelt zur Erntezeit, wie einer, der Trauben sammelt bei der Weinlese!“6 Vielleicht fände er doch wenigstens die Erstlinge seiner Gnade in mir genießbar, wenn er auch das Spätere nicht billigen könnte.

1: Ps. 6, 7 [Hebr. Ps. 6, 7].
2: Abbias 1, 12 [Proph. Obadja].
3: I. Mos. 38, 26.
4: Diese Worte, wie die unmittelbar vorausgehende Bezugnahme auf seine Berufung, bieten für den heil. Ambrosius als Verfasser des Buches die unwiderlegbarsten Zeugnisse.
5: Mich. 7, 8 ff.
6: Mich. 7, 1. Bei dem Propheten sind die Worte freilich klagender Ausruf über Israels Verfall; er sucht nach der Ernte, findet aber Nichts: „Keine Traube ist da zu essen; verschwunden sind Heilige von der Erde.“

 

 

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Einleitung zur Schrift über die Busse
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger