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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Buße (De paenitentia)
Zweites Buch

Cap. 7

Wir wollen also weinen in der Zeit, damit wir dereinst jubeln in der Ewigkeit. Wir wollen den Herrn fürchten, wir wollen ihm zuvorkommen, indem wir unsere Sünden bekennen; wir wollen unsere Fehler bessern, unsere Verirrungen gut machen, damit nicht auch von uns das Wort gilt: „Weh’ mir, meine Seele! Verschwunden ist von der Erde der Fromme, und der sich besserte, findet sich nicht unter den Menschen.“

Was scheuest du dich denn nun, bei dem milden guten Herrn deine Missethaten zu bekennen? „Bekenne“, sagt doch der Prophet, „deine Missethaten, damit du gerechtfertigt werdest.“1 So wird dem Schuldbeladenen der Lohn der Rechtfertigung in Aussicht gestellt; denn derjenige wird gerechtfertigt, der das eigene Vergehen freiwillig anerkennt: [S. 299] und zudem „ist der Gerechte zuerst, beim Beginne des Redens sein eigener Ankläger.“2

Der Herr weiß freilich Alles, aber er erwartet gleichwohl das Wort deiner Anklage, nicht um dich zu strafen, sondern um dir zu verzeihen: er will eben nicht, daß der Teufel dir Schmach zufügt und dich anklagt, da du deine Vergehen verheimlichst. Komme diesem Ankläger zuvor: wenn du dich selbst anklagst, brauchst du keinen Ankläger zu fürchten; gibst du selbst dich an, so wirst du das getödtete Leben der Seele zurückerlangen.

Christus wird zu deinem Grabe kommen: wenn er dann sieht, daß Martha, das Weib des treuen Dienstes, um deinetwillen weint; wenn er Maria weinen sieht, die voll Aufmerksamkeit dem Worte des Herrn lauschte und so, der Kirche vergleichbar, den besten Theil erwählte: dann wird er, im Anblick so vieler Thränen, die um deinen Hingang fließen, von Mitleid bewegt werden und fragen: „Wo habt ihr ihn hingelegt?“ d. h. in welcher Klasse der Schuldigen, auf welcher Stufe der Büßenden befindet er sich? Ich will den sehen, um welchen ihr weinet, auf daß er selbst durch seine Thränen mich rühre; ich will sehen, ob er der Sünde, für welche Verzeihung erfleht wird, schon gestorben ist.

Dann wird das Volk ihm antworten: „Komm und siehe!“ Was soll das Wort: „Komme“? Das heißt: kommen soll die Verzeihung der Sünden, das Leben der Gestorbenen, die Auferstehung der Todten, kommen soll auch zu diesem Sünder dein Reich.

Er wird kommen und dann befehlen, daß der Stein gehoben werde, den die Fehltritte dem Nacken des Sünders aufgelegt haben. Er konnte den Stein entfernen mit dem Machtworte seines Mundes: es weiß ja auch die fühllose Natur dem Gebote Christi Folge zu geben. Es hätte selbst mit der lautlosen Macht unsichtbarer Willensthätigkeit [S. 300] Derjenige den Stein des Grabes entfernen können, bei dessen Leiden plötzlich die Grabsteine sich hoben und die Gräber vieler Todten sich öffneten. Gleichwohl befahl er den Umstehenden, den Stein wegzuwälzen, in Wirklichkeit um die Ungläubigen zum Glauben zu bringen, wenn sie den Gestorbenen erstehen sähen; vorbildlich aber, weil er uns auftragen wollte, die Lasten der Sünden, welche wie schwere Steine auf den Büßern liegen, zu erleichtern. So ist es denn unseres Amtes, die Lasten zu heben; sein Werk wird es sein, zu erwecken, die ihrer Todesfesseln Entledigten aus dem Grabe herauszuführen.

Im Anblicke der schweren Sündenlast weint dann auch der Herr Jesus: er erträgt es nicht, daß die Kirche allein weint. Er fühlt Mitleid mit seiner geliebten Braut und ruft dem Gestorbenen zu: „Komme heraus!“ d. h. du, der du in der Finsterniß deines schuldbeladenen Gewissens, in dem Schmutz deiner Sünden — das ist ja gleichsam der Kerker des Schuldigen — wie begraben liegst, komme heraus, gib kund deine Schuld, damit du die Rechtfertigung erlangest: „denn mit dem Munde geschieht das Bekenntniß zum Heile.“

Wenn du, von Christus gerufen, das Bekenntniß abgelegt hast, dann zerbrechen die Bande, dann lösen sich die Fesseln, wäre die Verwesung auch schon weit vorgeschritten. Lazarus hatte vier Tage im Grabe gelegen und das Fleisch verbreitete bereits den Geruch der Verwesung. Er aber, dessen Fleisch die Verwesung nicht schaute, lag nur bis zum dritten Tage im Grabe: ihm war fremd die Gebrechlichkeit des Fleisches, das aus Theilen der vier Elemente besteht. Wie durchdringend aber der Geruch der Verwesung auch sein mag, er verschwindet ganz, sobald der Duft heiliger Salbung sich ergießt. Dann erhebt sich der Todte: auf Befehl des Herrn werden die Bande desjenigen gelöset, der bislang in der Sünde begraben lag; von seinem Antlitze wird die Hülle genommen, welche die Gnade, die er in Wahrheit empfangen hatte, verschleierte. Da er aber jetzt mit der Verzeihung beschenkt ist, so erfolgt der Befehl, die [S. 301] Hülle zu entfernen, das Antlitz offen zu legen: der hat ja keinen Grund mehr zu erröthen, dem die Sünde erlassen ist.

Bei einer solchen Gnadenergießung, bei einem so erhabenen Wunder göttlicher Huld sollten doch Alle von Freude erfüllt werden; aber die Gottlosen werden zornig und halten einen Rath wider Christus, wie einstmals, da sie sogar den Lazarus zu tödten suchten. Erkennet ihr Novatianer aber nicht, daß ihr die Nachfolger jener Pharisäer seid, da ihr als die Erben ihrer Härte euch bewährt? Auch ihr seid ingrimmig und haltet einen Rath wider die Kirche, weil ihr sehet, daß in der Kirche die Todten wieder aufleben und durch die verliehene Verzeihung der Sünden wieder erweckt werden. So viel an euch liegt, möchtet ihr durch eure neidische Bosheit die Erstandenen wieder tödten.

Jesus aber widerruft seine Wohlthaten nicht, er erweitert sie vielmehr durch neuen Erguß seiner Freigebigkeit. Voll zarter Sorge betrachtet er den Erweckten, und hocherfreut über die gnadenvolle Auferstehung kommt er zu dem Mahle, das seine heilige Kirche bereitet hat, bei dem der Gestorbene zugleich mit den anderen Gästen bei Christus gefunden wird.

Dann sind voll freudigen Erstaunens Alle, welche mit reinem Geistesauge auf ihn sehen, welche den scheelen Blick des Neides nicht kennen: denn solche Kinder hat die Kirche: sie sind erstaunt, daß Jener, der gestern und vorgestern noch im Grabe lag, nun unter den anderen Geladenen mit dem Herrn Jesus zum Mahle niedersitzt.

Maria selbst gießt Salböl auf die Füße des Herrn Jesus: auf die Füße wohl um deßwillen, weil Einer aus den Geringsten dem Tode entrissen ist; wir Alle sind zwar der Leib Christi, aber Einige sind doch wohl erhabenere Glieder. So war der Apostel nach seinen eigenen Worten der Mund des Herrn. „Verlanget ihr einen Beweis, sagt er, für den aus mir redenden Christus?“3 Auch die [S. 302] Propheten, durch welche der Herr die Zukunft verkündete, waren sein Mund: ach ich wünschte nur, wie der Fuß des Herrn zu sein. Wenn dann Maria doch ihr Salböl auch über mich ausgöße und so die Sünden tilgte!

Was wir nun von Lazarus lesen, das müssen wir von jedem bekehrten Sünder annehmen: wie häßlich auch der Geruch seiner Sünden sein mag, so wird er doch durch das kostbare Salböl des Glaubens gereinigt. Solch’ große Kraft hat der Glaube, daß, wo Tags zuvor noch Todtengeruch sich verbreitete, jetzt das ganze Haus mit dem Geruche der Heiligkeit erfüllt wird.

Häßlicher Sündengeruch lag auf jenem Hause in Korinth, als der Apostel schrieb: „Man hört von Unzucht unter euch und zwar von einer solchen Unzucht, dergleichen selbst unter Heiden nicht vorkommt.“ So hatte der Sauerteig des einen Sünders die ganze Masse verdorben. Bald aber stieg wiederum Wohlgeruch empor, als der Apostel sagte: „Wem ihr etwas verziehen habt, dem habe auch ich verziehen: denn was ich vergeben habe, das geschah euretwillen an Christi Statt.“ So herrschte denn um des bekehrten Sünders willen große Freude, und das ganze Haus duftete von dem Wohlgeruche der Gnade. Deßhalb konnte denn auch der Apostel, überzeugt, daß auf Alle das Salböl apostolischer Verzeihung sich ergieße, sagen: „Nun sind wir ein guter Geruch Christi vor Gott in denjenigen, welche gerettet werden.“

Als Maria das Salböl ausgoß, da freuten sich Alle; nur Judas widersprach. So widerspricht auch jetzt derjenige, der ein Verbrecher ist; es tadelt derjenige, der ein Verräther ist: von Christus aber wird er selbst getadelt, weil er das Heilmittel, das dem Tode des Herrn entquillt, verkennt, weil er das Geheimniß solchen Begrabens nicht faßt. Deßhalb hat ja Christus gelitten und ist gestorben, daß er uns von dem Tode erlösete. Das ist der erhabene Preis seines Todes, durch welchen der Sünder losgesprochen und zu neuer Gnade aufgenommen wird, damit Alle kommen und staunen, wenn er mit dem Herrn zu [S. 303] Tische sitzt. Dann preisen sie Gott und sagen: „Nun wollen wir essen und trinken: denn dieser war todt und lebet wieder: er war verloren und ist wieder gefunden.“ Sollte dann aber Jemand ungläubigen, widerspänstigen Herzens einwenden, warum doch der Herr mit Zöllnern und Sündern speise, dann wird ihm die Antwort werden: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.“

1: Mich. 7, 2.
2: Sprüchw. 18, 17.
3: II. Kor. 13, 3.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger