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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Buße (De paenitentia)
Zweites Buch

Cap. 6

Wollen nun die Anderen sich nicht bekehren, dann kehret ihr wenigstens um, die ihr in wiederholtem Falle von der erhabenen Höhe der Unschuld und des Glaubens herabgefallen seid. Wir haben ja einen guten, milden Herrn, der Allen gerne verzeihen will, der durch den Propheten dich gerufen hat mit den Worten: „Ich bin es, ich allein, der deine Missethaten tilgt; und deiner Sünden gedenke ich nicht; du aber sei eingedenk und wir wollen [S. 295] rechten mit einander.“ „Ich gedenke nicht“, sagt der Herr; „du aber gedenke daran“, mit anderen Worten: „Ich rufe die Sünden, welche ich dir verziehen habe, nicht in mein Gedächtniß zurück; mit Vergessenheit sind sie bedeckt; du aber gedenke daran. Ich denke ihrer nicht um der Gnade willen, die ich dir verliehen; du aber denke daran um der Besserung willen, damit du dir bewußt bleibst, daß die Sünde dir nachgelassen ist; damit du dich nicht rühmest, als seiest du unschuldig, damit du, indem du dich selbst rechtfertigst, dich nicht ärger belastest. Willst du gerechtfertigt sein, dann bekenne vielmehr deine Missethat. Das Band der Verbrechen wird durch schamerfülltes Bekenntniß gelöst.“

Du siehst also, was Gott von dir fordert: du sollst der Gnade eingedenk sein, die du empfangen hast, und sollst dich nicht überheben, als hättest du nicht empfangen. Du siehst, wie er durch das Versprechen der Verzeihung dich zum Bekenntniß auffordert. Siehe aber auch zu, daß du nicht durch Widerstand gegen die himmlischen Gebote in die Unbotmäßigkeit der Juden verfällst, zu denen der Herr Jesus gesagt hat: „Wir haben euch gespielt, da habt ihr nicht getanzt; wir haben geklagt, und ihr habt nicht geweint.“1

Das scheint eine gewöhnliche Redensart, aber es birgt sich hier kein gewöhnliches Geheimniß. Deßhalb muß man vor Allem sich hüten, durch eine flache Auslegung dieser Worte getäuscht, anzunehmen, als würden hier die unzüchtigen Tänze des Theaters, die Thorheiten der Bühne empfohlen. Die bleiben auch für das jugendliche Alter sündhaft und verwerflich: es wird vielmehr ein heiliger Tanz empfohlen, wie David tanzte vor der Lade des Bundes. Das ziemt sich immer, was der Gottesverehrung gewidmet wird, und wir brauchen uns keines Dienstes, der sich auf die Verehrung Christi bezieht, zu schämen.

[S. 296] Der Tanz wird also nicht empfohlen, wie er als Genosse üppiger Lust auftritt, sondern in geistiger Uebertragung, wie er den Leib sich freudig erheben, wie er die Glieder nicht träge am Boden haften läßt, wie er die ausgetretenen Geleise zu verlassen zwingt. Es war ein geistiger Tanz des Apostels, als er nach seinen eigenen Worten „vergaß, was hinter ihm lag, und für uns nach dem sich ausstreckte, was vor ihm lag, als er dem Ziele zueilte, dem Siegespreise Jesu Christi.“2 So wirst auch du, wenn du zur Taufe kommst, gemahnt, deine Hände zu erheben, deine Füße auf dem Gange zur Ewigkeit zu schnellerem Schritte anzutreiben. So ist der Tanz Genosse des Glaubens und der Gnade.

Da also liegt das Geheimniß: „Wir haben euch gesungen“, den Gesang nämlich des neuen Testamentes; „ihr aber habt nicht getanzt“, d. h. ihr habt euren Geist nicht zu himmlischer Gnade erhoben. „Wir haben geklagt, und ihr habt nicht geweint“, d. h. ihr habt nicht Buße gethan. Darum aber gerade ist das Volk der Juden verworfen, weil es nicht Buße gethan, weil es die Gnade zurückgewiesen hat. Durch Johannes ward die Buße, durch Christus die Gnade geboten. Diese schenkt der Herr, jene verkündet der Diener. Beides beobachtet aber die Kirche, und so erlangt sie die Gnade, während sie die Buße nicht verwirft: denn die Gnade ist Geschenk des verzeihenden Gottes, die Buße ist das Heilmittel des sündigen Menschen.

So wußte Jeremias, welches Heilmittel in der Buße lag, die er in seinen Klageliedern für Jerusalem übernahm. Darum führt er Jerusalem büßend ein mit den Worten: „Sie weinet des Nachts ohne Aufhören, und die Thränen laufen ihr über die Wangen: keiner von allen ihren Lieben tröstet sie. Die Wege nach Sion trauern.“ Dann fügt er hinzu: „Darum weine ich, und meinen Augen entströmen die Thränen, weil der Tröster, der mich wieder belebet, fern [S. 297] ist von mir.“3 Das also war das herbste, bitterste Leid, daß der ferne war, welcher die Klagende tröstete. Wie könnet ihr nun selbst den Trost wegnehmen, indem ihr die Hoffnung auf Beendigung der Buße vorenthaltet?

Es mögen aber die, welche Buße thun, vernehmen, wie sie dieselbe üben sollen, mit welchem Eifer, mit welcher Gesinnung, mit welcher Absicht, mit welcher inneren Zerknirschung. „Siehe, Herr“, sagt der Prophet, „wie ich geängstet bin, mein Innerstes bebt, mein Herz wendet sich um in mir selbst.“

Das ist die innere Erschütterung der Seele: und wie ist die Treue der Gesinnung und die Haltung des Körpers? „Es sitzen auf dem Boden und schweigen die Aeltesten der Tochter Sions: sie bestreuen mit Asche ihre Häupter, gürten sich mit Trauergewand: zu Boden senken ihr Haupt die Jungfrauen Jerusalems, meine Augen vergehen vor Thränen; meine Eingeweide beben; ausgegossen auf die Erde ist mein Ruhm.“

So weinte auch das Volk Ninive’s und entging dadurch dem angedrohten Untergange der Stadt: so groß also ist die heilende Kraft der Buße, daß Gott um ihretwillen sogar seine Rathschlüsse zu ändern scheint. In dir ist es darnach gelegen, dem Urtheilsspruche zu entgehen; der Herr will gebeten sein, er will, daß du hoffnungsvoll zu ihm deine Zuflucht nimmst. Du bist ein Mensch und willst gebeten sein, ehe du verzeihest, und du glaubst, daß Gott dir verzeiht, ohne daß du ihn bittest?

Der Herr weinte einst selbst über Jerusalem, damit die heilige Stadt, selbst thränenlos, durch die Thränen des Herrn zur Verzeihung gelangen möchte. Er will aber, daß wir selbst weinen, damit wir dem Gerichte entgehen, wie er einst auch gesagt hat: „Ihr Töchter Jerusalems, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst!“

Auch David weinte einst und erwirkte dadurch, daß die göttliche Erbarmung dem Sterben des Volkes Einhalt [S. 298] that: unter dreien war ihm die Wahl gelassen, und er erwählte dasjenige, wobei die göttliche Barmherzigkeit in hellerem Lichte sich zeigen konnte.4 Was schämst du dich denn nun, über deine Sünden zu weinen, da doch Gott wollte, daß die Propheten weinten für die Völker?

So wurde auch Ezechiel geboten, über Jerusalem zu weinen, da er das Buch empfing, dessen Titel lautete: „Klagen, Gesang, Wehe!“5 Zwei Trauerbezeichnungen, eine Freudenbezeichnung, weil ja derjenige in der Ewigkeit selig wird, der in diesem Leben geweint hat: „Das Herz des Weisen,“ sagt der Prediger, „ist da, wo Traurigkeit ist, und das Herz der Thoren ist im Hause der Ueppigkeit.“6 Der Herr selbst aber sagt: „Selig, die ihr jetzt weinet: ihr werdet dereinst lachen.“

1: Luk. 7, 32.
2: Phil. 3, 13.
3: Klagel. Jer. 1, 2. 16. – 2, 10.
4: II. Kön. 24, 10 ff. [= 2. Samuel].
5: Ezech. 2, 9. Das Citat ist doch nicht zutreffend gefaßt, da ein Wort der Freude im Texte sich nicht findet.
6: Eccl. 7, 5 [= Ecclesiastes - Prediger; in Hebr. 7, 4].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger