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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Buße (De paenitentia)
Zweites Buch

Cap. 5

Die Novatianer werfen aber auch noch eine Frage auf in Betreff der Worte des Apostels Petrus. Weil er zu Simon sagte: „ob vielleicht1 dir vergeben werde,“ [S. 290] glauben Jene, Petrus habe hier keineswegs behauptet, daß demjenigen, der Buße thue, die Sünden nachgelassen würden. Aber sie sollten doch bedenken, von wem der Apostel so redet: von Simon, dessen Glaube nicht in der treuen Hingabe wurzelte, der vielmehr nur auf falsche List sann. So sprach auch der Herr zu jenem Jünglinge, der ihm erklärte: „Ich will dir folgen“, — eben weil Jesus erkannte, daß seine Absichten nicht ganz rein seien —: „Die Füchse haben Höhlen.“ Wenn nun der Herr demjenigen, welchen er als nicht aufrichtig erkannte, vor der Taufe die Nachfolge verwehrte: wunderst du dich dann, wenn der Apostel denjenigen, welcher nach der Taufe so fehlte, nicht losspricht, da er ausdrücklich erklärt, jener werde in den Fesseln der Ungerechtigkeit verharren?

Diese Antwort mag den Gegnern genügen. Sonst behaupte ich aber, daß Petrus gar nicht gezweifelt hat, und ich glaube auch nicht, daß man den ganzen Vorgang mit der Ausdeutung eines einzigen Wortes — ich möchte sagen — erwürgen darf. Wenn sie behaupten, Petrus habe seinem Zweifel hier Ausdruck gegeben, hat dann vielleicht auch Gott gezweifelt? Aber er sagt doch beim Propheten Jeremias: „Stelle dich in den Vorhof am Hause des Herrn und sprich zu allen Städten Judas, aus denen man kommt, um anzubeten, alle Worte, die ich dir gebiete, zu ihnen zu reden; nimm kein Wort hinweg: vielleicht, daß sie hören und sich bekehren.“2 So mögen denn die Gegner auch behaupten, Gott sei gleichfalls die Zukunft unbekannt.

Keineswegs ist in diesem Worte die Unkenntniß der Zukunft ausgedrückt: es ist hier vielmehr der gewohnte einfache Sprachgebrauch der heil. Schrift beachtet. Sagt [S. 291] ja auch der Herr zum Propheten Ezechiel: „Menschensohn, ich sende dich zu den Söhnen Israels, zu abtrünnigen Völkern, die von mir abgewichen sind: sie und ihre Väter haben meinen Bund gebrochen bis auf diesen Tag. Du sollst nun zu ihnen sagen: So spricht Gott der Herr! Vielleicht, daß sie hören und erschrecken.“3 Wußte denn nun vielleicht Gott nicht, ob Jene sich bekehren könnten oder nicht? Die angeführte Ausdrucksweise ist also keineswegs immer die Bezeichnung des Zweifels.

Uebrigens gebrauchen auch die weltlichen Schriftsteller, die doch ihren ganzen Ruhm in die zutreffende Wahl der Worte setzen, das gedachte Wort nicht ständig für den Ausdruck des Zweifels. Das lateinische ‚forte‘ entspricht dem griechischen ‚τάχα‘ [tacha]. Der erste unter den griechischen Dichtern sagt nun: 4

. . . . . . . . ἥ τάχα χήρη
Σεῦ ἔσομαι· τάχα γάρ σε κατακτανέουσιν Ἀχαιοί,
Πάντες ἐφορμηθέντες
. . . . .
[hē tacha chērē seu esomai tacha gar se kataktaneousin Achaioi pantes ephormēthentes]

In diesen Worten sollte doch nicht der Zweifel daran Ausdruck finden, daß, wenn Alle anstürmten, leichtlich ein Einzelner von der ganzen Masse könnte niedergeworfen werden.

Wir bleiben indessen lieber bei den Beispielen aus unseren eigenen Schriftstellern, als daß wir zu fremden [S. 292] unsere Zuflucht nehmen. So lesen wir im Evangelium, daß der Vater, der seine Knechte bereits zu seinem Weinberge gesandt hatte, die aber getödtet waren, ausruft: „Ich will meinen geliebtesten Sohn senden; vielleicht daß sie vor ihm Ehrfurcht haben.“5 Und anderswo sagt der Sohn von seiner eigenen Person redend: „Ihr kennet weder mich noch meinen Vater; wenn ihr mich känntet, so würdet ihr wohl auch meinen Vater kennen.“6

Wenn nun Petrus Worte gebraucht, deren Gott sich bedient, ohne seinem Wissen irgend Eintrag zu thun: warum sollen wir nicht annehmen, daß Petrus dieselben Worte gebraucht, ohne seiner Ueberzeugung damit Abbruch thun zu wollen? Er konnte ja gar keinen Zweifel hegen hinsichtlich des Gnadengeschenkes Christi, der ihm die Gewalt, Sünden nachzulassen, gegeben hatte. Er konnte das um so weniger, als er doch den listigen Anschlägen der Häretiker keinen Spielraum gewähren durfte, die nur um deßwillen die Hoffnung des Menschen vernichten wollen, damit sie bei den Verzweifelnden um so leichter Eingang finden mit ihrer Lehre von der Wiederholung der Taufe.

Die Apostel aber, welche die Taufe festhalten, haben, der Unterweisung des Herrn folgend, auch die Buße verkündigt, haben Verzeihung verheißen, haben die Schuld nachgelassen. So hat auch David gelehrt, wenn er sagt: „Selig, deren Missethaten vergeben, deren Sünden bedeckt sind. Selig der Mann, dem der Herr die Sünde nicht angerechnet hat.“7 Beide preiset David selig, sowohl denjenigen, dessen Missethat durch das Bad der Wiedergeburt getilgt, als auch denjenigen, dessen Sünde durch gute Werke bedeckt wird. Wer nämlich Buße thut, der muß seine Sünde nicht bloß mit Thränen abwaschen, sondern er muß auch die früheren Vergehen mit gebesserten8 Werken [S. 293] verhüllen und bedecken, damit ihm die Sünde nicht angerechnet werde.

So bedecken wir denn unsere Fehltritte mit den nachfolgenden Werken, tilgen wir sie mit den Thränen der Reue. Dann wird der Herr auch unser Seufzen hören, wie er Ephraim einst klagen hörte. Es steht ja geschrieben, daß der Herr gesprochen: „Aufhorchend hörte ich Ephraim, da er weinend klagte.“ Und er gibt selbst die Worte an, in welchen Ephraim seinen Schmerz ergossen: „Du hast mich gestraft, und du hast mich gezüchtigt, wie ein ungebändigt Kalb.“ Das Kalb springt unbändig und enteilt dem Stalle: Ephraim aber ist ungebändigt wie das Kalb und weit von der Heerde entfernt, weil es die Hut des Herrn verlassen hat und Jeroboam nachfolgend die Kälber verehrt hat, wie schon Aaron prophetischen Geistes vorausgesagt hatte, daß das Volk der Juden so fallen würde. Darum spricht Ephraim auch in seiner Buße: „Bekehre mich, so werde ich bekehrt, denn du bist der Herr mein Gott; in den letzten Tagen meiner Gefangenschaft habe ich Buße gethan. Seit ich zur Erkenntniß gekommen, seufze ich über die Tage meiner Schmach und bin dir unterworfen; ich bin beschämt und erröthe; denn ich trage die Schmach meiner Jugend. Ich habe Schmach empfunden, dann aber dich (den Anderen) gezeigt.“9

Wir sehen hier, wie die Buße geübt werden, in welchen Worten und wie sie in Thränen Ausdruck finden muß; wir hören, daß die Tage der Sünde Tage der Schmach genannt werden und es ist in der That eine Schmach, wenn Christus verleugnet wird.

[S. 294] So unterwerfen wir uns denn Gott und seien wir nicht ferner unterthan der Sünde: wenn wir dann unserer Missethaten gedenken, so müssen wir über dieselben wie über eine tiefe Schmach erröthen. Wir dürfen sie nicht als Ehre ausgeben, wie manche Menschen, welche ihrer Sünden sich rühmen, nachdem sie freilich alle Scham vertrieben und das Gefühl der Gerechtigkeit gänzlich in sich erstickt haben. So vollkommen soll unsere Bekehrung werden, daß wir, die wir Gott vordem nicht erkannten, nun ihn sogar Anderen zur Erkenntniß bringen. Der Herr aber, durch unsere Umkehr bewegt, mag dann auch wohl zu uns sagen: „Von früher Zeit an ist Ephraim mir ein geliebter Sohn, ein zärtlich Kind; denn seit ich von ihm rede, gedenke ich sein auch; darum ist mein Inneres in Bewegung um seinetwillen, und ich erbarme mich sein, spricht der Herr.“

Welche Barmherzigkeit der Herr uns aber verspricht, das zeigt er uns mit den weiteren Worten: „Ich will trunken machen die erschöpften Seelen und sättigen jede hungernde. Darum bin ich, wie vom Schlafe erwacht und schaue, und mein Schlaf war mir angenehm.“10 Wir erkennen daraus, daß der Herr den Sündern seine Gnadengeheimnisse verheißt: so bekehren wir uns denn sämmtlich zum Herrn.

1: „Ne forte“ lies’t die ed. Maur. in Uebereinstimmung mit sämmtlichen Handschriften; im dritten Alinea des vorhergehenden Kapitels steht aber nach der Vulg. „si forte“. ‚Ne‘ als Fragepartikel für utrum, num ist übrigens den Juristen ganz geläufig.
2: Jerem. 26, 2.
3: Ezech. 2, 4.
4: Il[ias] 6, 408. Ambrosius geht bei diesem Citate von der Voraussetzung aus, daß ‚τάχα‘ [tacha] wie das lateinische ‚forte‘ auch bei Homer für „vielleicht“ gebraucht werde. Das trifft aber für Homer wie für die älteren Dichter überhaupt nicht zu, die ‚τάχα‘ [tacha] nur in der Bedeutung von „schnell, gleich, bald“ gebrauchen. Ambrosius übersetzt dem entsprechend auch das erste ‚τάχα‘ [tacha] mit ‚cito‘: „ich werde bald Wittwe sein“, während er das zweite ‚τάχα‘ [tacha] fälschlich als „vielleicht“ faßt, während Andromache mit aller Bestimmtheit sagt: „Alsdald werden dich tödten die anstürmenden Schaaren der Achäer.“
5: Matth. 21, 37.
6: Joh. 8, 19.
7: Ps. 31, 1 [Hebr. Ps. 32, 1].
8: „. . . debet . . . emendatioribus factis operire et tegere delicta superiora.“ Der heil. Ambrosius denkt dabei, wie der folgende Satz zeigt (wo er von ‚posterioribus factis‘ spricht), an die nachfolgenden Werke der Genugthuung. Sonst könnte aber auch die Lehre, daß die guten, durch eine schwere Sünde ertödteten Werke mit der Rückkehr der heiligmachenden Gnade wieder aufleben (deßhalb facta emendatiora), hier ausgesprochen sein.
9: Jerem. 31, 19 ff; nicht getreu angeführt.
10: Jerem. 31, 25.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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