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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Buße (De paenitentia)
Zweites Buch

Cap. 4

Es ist aber ferner zu unserer Kunde gekommen, daß ihr auch aus jenem Worte des Heilandes einen Einwurf [S. 286] nehmet: „Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen nachgelassen; aber die Lästerung wider den heiligen Geist wird nicht nachgelassen werden. Und wer ein Wort wider des Menschen Sohn redet, dem wird vergeben werden: wer aber wider den heiligen Geist redet, dem wird weder in dieser, noch in der künftigen Welt vergeben werden.“1 Mit dieser Anführung wird indeß euere ganze Behauptung umgestoßen und vernichtet. Es heißt ja: „Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden.“ Warum vergebet ihr denn nicht? Warum ziehet ihr Bande, die ihr nicht löset? Warum schlinget ihr Knoten, die ihr nicht lockert? Oder gewähret doch den Uebrigen Verzeihung und beschränket euch auf diejenigen, von denen ihr unter Berufung auf das Evangelium annehmet, daß sie als Sünder wider den heiligen Geist für immer gebunden sind.

Beachten wir dabei aber, welche Menschen der Heiland so belastet. Rufen wir uns, um das besser zu erkennen, ins Gedächtniß zurück, was jenem Worte des Herrn vorausgeht. Die Juden hatten erklärt: „Er treibt durch Beelzebub, den Obersten der Teufel, die Teufel aus.“ Jesus antwortete ihnen: „Ein jedes Reich, das wider sich selbst uneins ist, wird verwüstet werden, und eine jede Stadt und ein jedes Haus, das wider sich selbst uneins ist, wird nicht bestehen. Wenn nun ein Teufel den andern austreibt, so ist er wider sich selbst entzweit; wie wird dann sein Reich bestehen? Und wenn ich durch Beelzebub die Teufel austreibe, durch wen treiben dann eure Kinder sie aus?“

Von denen also ist hier, wie wir sehen, ausdrücklich die Rede, welche behaupten, der Herr Jesus treibe die Teufel durch Beelzebub aus. Ihnen antwortete der Herr so, weil das Erbe des Satan in ihnen wucherte, da sie den Erlöser der ganzen Welt mit dem Satan verglichen und die Gnadenerweise Christi in das Reich des Teufels verwiesen. Um es uns zweifellos zu machen, daß er von dieser [S. 287] Lästerung rede, fügt er hinzu: „Ihr Schlangengezücht, wie könnet ihr Gutes reden, da ihr böse seid?“ Daß ihnen also, die so reden, Verzeihung zu Theil werde, das leugnet er.

Als ferner Simon, durch die längst geübte Zauberei verdorben, glaubte, er könne die Gnadengabe Christi, welche durch Handauflegung und Eingießung des heiligen Geistes ertheilt wird, um Geld erkaufen, da sprach Petrus zu ihm: „Du hast keinen Antheil noch Erbe an dieser Lehre; denn dein Herz ist nicht aufrichtig vor Gott. Darum thue Buße über diese deine Bosheit und bitte Gott, daß dir etwa dieser Anschlag deines Herzens vergeben werde. Denn ich sehe dich voll bitterer Galle und von den Banden der Ungerechtigkeit umstrickt.“2 Du siehst hier, daß Petrus kraft apostolischen Ansehens den Simon, der in thörichtem Zauberglauben befangen gegen den hl. Geist lästerte, verurtheilt und zwar mit um so größerem Rechte, weil jener das reine Bewußtsein des Glaubens nicht hatte. Gleichwohl verschloß er ihm nicht die Hoffnung auf Verzeihung, da er ihn ausdrücklich zur Buße einlud.

Der Herr hat also auf die Lästerung der Pharisäer die Antwort ertheilt. Er verweigerte denjenigen den Gnadenerweis seiner Macht, wie sie in der Nachlassung der Sünden sich offenbart, welche ihrerseits diese göttliche Macht der Hilfe und Stütze des Satan zuschrieben. Damit erklärt der Herr aber auch, daß diejenigen dem höllischen Geiste dienen, welche die Kirche des Herrn zertheilen, und so hat er die Häretiker und Schismatiker aller Zeiten zu denen gezählt, welchen er die Verzeihung versagt, weil jede andere Sünde gegen Einzelne gerichtet ist, während diese die Gesammtheit trifft. Diese Menschen allein sind es, welche die Gnade Christi entkräften wollen, welche die Glieder der Kirche zerreissen, um deretwillen der Herr Jesus gelitten, der er den heiligen Geist verliehen hat.

[S. 288] Damit ihr ferner nicht im Unklaren sein möchtet, daß er wirklich von den Zerstörern der Einheit redet, ist das weitere Wort gesprochen: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreuet.“ Und dann fügt der Herr zur Erläuterung, von wem dieses Wort gilt, hinzu: „Darum sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Lästerung wider den heiligen Geist wird ihnen nicht vergeben werden.“ Die Betonung der Worte: „Darum sage ich euch,“ zeigt uns deutlich genug, daß gerade die folgenden Worte vor den übrigen von uns sollen besonders beachtet werden. Mit vollem Rechte setzte der Herr dann hinzu: „Ein guter Baum bringt gute Früchte, ein schlechter Baum aber bringt schlechte Früchte;“ also kann auch eine schlechte Genossenschaft keine guten Früchte bringen. Der Baum deutet auf eine Genossenschaft, die guten Früchte des Baumes aber sind die Kinder der Kirche.

So kehret denn zur Kirche zurück, die ihr euch gottloser Weise von ihr getrennt habt. Allen, die sich bekehren, wird Verzeihung zugesagt, wie geschrieben steht: „Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.“3 Um nur ein Beispiel anzuführen: das Volk der Juden, das von dem Herrn gesagt: „er hat einen Teufel“; das gelästert hat: „er treibt durch Beelzebub die Teufel aus“; dieses Volk, das den Herrn Jesus kreuzigte, wurde doch durch die Predigt des Apostels Petrus zur Taufe berufen, damit es die Schuld so schwerer Verbrechen ablege.

Was braucht es uns aber Wunder zu nehmen, wenn ihr das Heil Anderen verweigert, da ihr ja euer eigenes zurückweiset. Dabei geht dann freilich Jenen nichts verloren, welche von euch die Buße sich erbitten. Ich glaube in der That, daß auch Judas durch die unermeßliche Barmherzigkeit Gottes nicht von der Verzeihung ausgeschlossen wäre; nur hätte er die Buße nicht bei den Juden, sondern [S. 289] bei Christus übernehmen müssen. „Ich habe gesündigt,“ rief er, „weil ich unschuldiges Blut verrathen habe.“ Die Juden antworteten: „Was geht das uns an? da siehe du zu.“ Lautet eure Sprache vielleicht anders, wenn Jemand, der auch nur eines geringeren Vergehens schuldig ist, seine eigene That euch bekennt? Was antwortet ihr denn anders, als: „Was geht das uns an? da siehe du zu.“ Jenem Worte folgte dann der Strick der Verzweiflung: um so furchtbarer aber ist die Strafe, je kleiner die Schuld ist.

Wenn aber nun Jene sich nicht bekehren, so bekehret ihr wenigstens euch, die ihr Fall um Fall von der erhabenen Höhe der Unschuld und des Glaubens herabgestürzt seid. Wir haben einen guten, milden Herrn, der Allen verzeihen will, der auch dich durch den Propheten ruft: „Ich bin es“, sagt er, „ich allein bin es, der deine Übertretungen tilgt; und deiner Sünden gedenke ich nicht; du aber sei eingedenk und wir wollen rechten mit einander.“4

1: Matth. 12, 31.
2: Apostelg. 8, 21 ff.
3: Joel 2, 32.
4: Isa. 43, 25. Nach dem Citate des Ambrosius (nach den LXX) könnte es scheinen, als liege der Gegensatz in dem Worte: „Du aber sei eingedenk deiner Sünden, ich will ihrer nicht gedenken.“ Der Text bietet aber einen anderen Gegensatz. „Ich will deiner Sünden nicht gedenken, denn ich tilge sie aus lauter Gnade; rufe du doch mir in das Gedächtniß, welche Verdienste du hast, wir wollen mit einander rechten; erzähle doch, damit du gerecht erscheinest.“ Jehovah will eben dem Volke zur Erkenntniß bringen, daß seine Liebe größer und umfassender in ihrer Wirkung ist, als seine Gerechtigkeit. Ambrosius gebraucht das Citat darnach lediglich im Anschlusse an den Wortklang. Schärfer tritt das noch unten Kap. 6 hervor.

 

 

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Einleitung zur Schrift über die Busse
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger