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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Buße (De paenitentia)
Zweites Buch

Cap. 11

Um die Buße ist es also etwas Gutes: bestände sie nicht, so würden wohl Alle, die Taufgnade zu empfangen, bis ins hohe Alter zögern. Denen, welche so denken, mag ein Wort zur Erwiderung dienen: es ist doch besser ein Kleidungsstück zu haben, das man flicken, als überhaupt Nichts zu haben, womit man sich bekleiden kann. Freilich wird nur das einmal Geflickte wieder haltbar, während das wiederholt Geflickte zerreißt.

Diejenigen aber, welche ihre Buße verschieben, hat der Herr selbst deutlich genug gemahnt mit den Worten: „Thuet Buße, denn das Himmelreich hat sich genahet.“ Wir wissen ja nicht, zu welcher Stunde der Dieb kommt; wir wissen nicht, ob nicht in der nächsten Nacht unsere Seele von uns gefordert wird. Den Adam verjagte Gott unmittelbar nach der Sünde aus dem Paradiese, ohne damit zu warten: aber er trennte ihn und Eva von dem Lustgarten, damit sie eben Buße übten. Darum bekleidete er sie auch sogleich mit einem Gewande von Thierfellen, nicht von Seide.

[S. 315] Warum verschiebst du also die Buße? Etwa, um noch weitere Sünden zu begehen? Also weil Gott gut ist, darum bist du böse und verachtest den Reichthum der Güte und Langmuth Gottes? Und doch sollte die Güte des Herrn dich nur noch mehr zur Buße führen! Deßhalb sagt auch David zu Allen: „Kommt, wir wollen anbeten und niederfallen vor dem Herrn, weinen vor ihm, der uns geschaffen hat.“ Daß aber hinsichtlich des Sünders, der ohne Buße gestorben ist, nur noch tiefes Klagen und Weinen Platz greift, das zeigt uns David, da er weint und klagt: „Mein Sohn Absalon, mein Sohn Absalon!“ Wer eben völlig todt ist, der wird ohne jede Hoffnung beweint.

Von Jenen aber, welche verbannt und den väterlichen Grenzen, die das heilige Gesetz dem Moses vorzeichnete, entrissen in die Irrungen der Welt sollten verwickelt werden, hörst du den Psalmisten singen: „An den Flüssen Babylons, da saßen wir und weinten, wenn wir Sions gedachten.“ Die Seufzer der Gefallenen zeigen ja, daß diejenigen zurückkehren müssen, welche noch in dem Zustande der laufenden Zeit, der schwindenden Welt sich befinden: nach dem Beispiele Jener, welche eben zur Sühne ihrer Vergehen in die Schmach der Gefangenschaft geführt waren.

Nichts aber ist so sehr schmerzlich, als wenn Jemand unter der Herrschaft der Sünde sich erinnert, wie er zum Falle gekommen ist; weil er damals von der erhabenen reinen Richtung auf die göttliche Erkenntniß sich zum Irdischen und Vergänglichen hat abwenden lassen.

So siehst du, wie Adam sich verbirgt, sobald er erkannt hat, daß der Herr zugegen ist. Er wollte sich verbergen, da er gesucht, da er gerufen ward von dem Herrn mit jenem Worte, welches das Gemüth des Verstockten verwundete. „Adam, wo bist du?“ rief der Herr, das heißt: Warum verbirgst du dich? warum fliehest du denjenigen, den du sonst zu schauen verlangtest? So groß ist das Schuldbewußtsein des Gewissens, daß es auch ohne Richter sich [S. 316] selbst straft und sich zu verbergen wünscht, während es freilich vor Gott offen daliegt.

Deßbalb darf denn auch Jemand, der noch in der Leidenschaft haftet, in keinem Falle die Theilnahme an den Gnadengeheinmissen für sich in Anspruch nehmen. Es steht ja das Wort geschrieben: „Du hast gesündigt, stehe also ab.“1 So sagt auch David: „An den Weidenbäumen hingen wir auf unsere Harfen“; und bald darnach: „Wie sollten wir singen des Herrn Gesang im fremden Lande?“ Wenn nämlich das Fleisch dem Geiste widerstreitet und dem Steuer der Seele, der Herrschaft des Geistes nicht unterthan ist, so ist das „fremdes Land“, noch nicht bewältigt durch das Mühen des Bebauers, und darum kann es denn auch die Früchte der Liebe, Geduld und des Friedens nicht hervorbringen. Es ist also dann besser, abzustehen, weil du die Werke der Buße nicht üben kannst, damit nicht während der Buße selbst etwas geschieht, was nachher wiederum der Buße bedürfte. Ist die Buße einmal angemaßt und nicht rechtlich gefeiert, dann erzielt sie nicht die Frucht der früheren und hindert gleichzeitig den Gebrauch der späteren.

Wenn nun das Fleisch widerstreitet, dann muß der Geist auf Gott gerichtet sein, und wenn die Werke nicht folgen, dann soll doch der Glaube nicht weichen. Wenn des Fleisches Lüste oder feindliche Mächte uns anfechten, muß der Geist ergeben bleiben; denn am meisten werden wir dann bedrängt, wenn das Fleisch unterliegt; und es [S. 317] gibt Solche, die mit aller Gewalt sich auf die arme Seele werfen, bestrebt, ihr allen Schutz zu entziehen. Da gilt also das Wort: „Vernichtet, vernichtet sie bis auf den Grund!“2

Wie mitleidvoll sagt David: „Arme Tochter Babylons!“ In der That „arm“, weil die Tochter Babylons jene ist, welche aufgehört hat, Gottes Tochter zu sein. Gleichwohl ladet er für sie den Arzt, da er sagt: „Wohl dem, der deine Kinder nimmt und zerschmettert am Felsen!“3 Das will sagen: Wohl dem, der deine schlechten schlüpfrigen Gedanken vertreibt und dein Denken auf Christus richtet, der alle unzulässigen Bewegungen deines Geistes durch die Ehrfurcht, die er einflößt, und durch seinen Zuspruch niederdrückt. So sehr ist das der Fall, daß, wenn Jemand in ehebrecherischer Liebe entbrannt ist, er dann die Gluth dämpft, die Bande der Lust zerreißt und sich selbst seinen früheren Bestrebungen entzieht, damit er Christus gewinne.

So haben wir denn erkannt, daß einerseits Buße geübt, daß sie andererseits aber zu einer Zeit geübt werden muß, [S. 318] wann die Lust der Leidenschaft schwindet; wir haben erkannt, daß wir während der Herrschaft der Sünde eben ehrfurchtsvoller im Enthalten, als anmaßend im widerrechtlichen Begehren sein müßten. Wenn schon dem Moses, der näher hinzutreten wollte, um die Erkenniß des himmlischen Geheimnisses zu schöpfen, von dem Herrn das Wort zugerufen wurde: „Löse die Schuhe von deinen Füßen“: wie viel mehr müssen wir dann die geistigen Füße von den körperlichen Banden lösen und unsere Schritte von jedem Zusammenhange mit dieser Welt befreien!

1: Scriptum est: „Peccasti quiesce!“ schreibt Ambrosius in Anlehnung an den Zusatz der LXX zu den Worten, welche Jehovah zu Kain spricht I. Mos. 4, 7: „ἥμαρτες ἡσύχασον“ [hēmartes hēsychason]. Die Mauriner fassen den Sinn so, daß Jehovah den Kain mit Rücksicht auf seinen sündhaften Zustand mahnt, er möge vom Opfer abstehen. So mahnt der heil. Ambrosius nun auch diejenigen, welche wegen der Macht ihrer Leidenschaft noch nicht Buße gethan, daß sie von den heiligen Geheimnissen sich ferne halten sollen.
2: Ps. 136, 7 [Hebr. Ps. 137, 7]. Das ist das schadenfrohe Wort der Edomiter beim Falle Jerusalems.
3: Es bedarf nur eines Blickes auf den Urtext, um zu erkennen, daß der heilige Ambrosius hier eine Anwendung der Worte sich gestattet, die dem Verfasser des 136. Psalmes gänzlich fremd ist. Nachdem in V. 7 auf Edom der Zorn Jehovah’s herabgerufen ist, wendet der Psalm sich zu Babylon. „Tochter Babel’s, d. h. Bevölkerung Babels,“ heißt die Anrede, kann also auf die Tochter Gottes, Jerusalem, sich nicht beziehen. Ambrosius hat mit der Vulgata „Filia Babylonis misera“ als Uebersetzung der LXX: „θυγάτηρ Βαβυλῶνος ἡ ταλαίπωρος“ [thygatēr Babylōnos hē talaipōros]; das letzte Wort gibt aber das הַשְּׁדוּדָה [haschedudah] des Textes nicht wieder; richtig προνενομευμένη [pronenomeumenē] des Aquil., vastata des Hieron.: „du verwüstete“. Der Verfasser des Psalmes sieht das künftige Geschick Babylons als schon vollzogen. Daran schließt sich die weitere Verwünschung: „Heil dem, der dir dein Verdienst vergilt, das du verdient um uns. Heil dem, der erfaßt und hinschmettert deine Knäblein an den Felsen.“

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger