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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Buße (De paenitentia)
Zweites Buch

Cap. 2

Obwohl aber die Irrgläubigen durch das offene Verfahren des Apostels und durch die klaren Worte seiner Sendschreiben widerlegt werden, so wollen sie gleichwohl auf ihn sich stützen und behaupten, daß seine Auctorität ihre Meinung begünstige. Sie berufen sich auf jenes an die Hebräer gerichtete Wort: „Es ist unmöglich, Solche, die einmal erleuchtet wurden und die himmlische Gabe gekostet haben, die des heiligen Geistes theilhaftig geworden sind und das köstliche Gotteswort und die Kräfte der neuen Welt gekostet haben, und die doch abgefallen sind, wiederum zur Sinnesumkehr zu erneuern, da sie den Sohn Gottes wiederum kreuzigen und ihn der Schmach preisgeben.“1

Konnte denn nun Paulus wohl etwas lehren, was im vollen Gegensatze zu seiner eigenen Handlungsweise stünde? Er erließ dem Sünder in Korinth seine Vergehen auf Grund der Buße; wie sollte er denn nun selbst seinen eigenen Richterspruch vernichten können? Da er nicht [S. 280] niederreissen kann, was er selbst aufgebaut, so nehmen wir an, daß er hier nicht etwas Entgegengesetztes, sondern nur etwas Verschiedenes gesagt habe. Was entgegengesetzt ist, das widerstreitet sich selbst; was aber verschieden ist, das pflegt nur eine besondere Weise zu haben. Das Entgegengesetzte ist nicht so beschaffen, daß das Eine das Andere stützt. Da nun der Apostel von dem Nachlasse der Buße gepredigt hatte, so durfte er auch nicht von denjenigen schweigen, welche glauben, die Taufe sei zu wiederholen. Zuerst mußte uns die bange Sorge genommen werden, auf daß wir wüßten, auch diejenigen, welche nach der Taufe gesündigt, können Verzeihung ihrer Sünden erlangen, damit nicht etwa die der Hoffnung auf Verzeihung Beraubten von der nichtigen Meinung, als könnte die Taufe wiederholt werden, sich bethören ließen. Dann mußte er in begründeter Auslegung darthun, daß die Taufe in keinem Falle wiederholt werden könne.

Daß aber der Apostel hier von der Taufe gesprochen, das beweisen die Worte selbst, indem er sagt, „es sei unmöglich, daß die Gefallenen zur Buße erneuert würden“. Erneuert werden wir ja gerade durch das Bad der Wiedergeburt, wie der Apostel selbst sagt: „Denn wir sind mit ihm durch die Taufe zum Tode begraben, damit, gleichwie Christus auferstanden ist von den Todten durch die Herrlichkeit des Vaters, also auch wir in der Neuheit des Lebens wandeln.“2 Anderswo sagt er: „Erneuert euch im Geiste eures Gemüthes, und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist.“3 Bei dem Psalmisten aber heißt es: „Deine Jugend wird sich, wie die des Adlers, erneuern.“4 Es ersteht ja der Adler, nachdem er gestorben, aus seiner Asche, wie wir, in der Sünde erstorben, durch das Sakrament der Taufe für Gott wiedergeboren und umgeschaffen werden. Der Apostel [S. 281] lehrt also an der obigen Stelle Eine Taufe, wie er das auch anderswo sagt: „Ein Glaube, Eine Taufe.“5

Auch das ist offenbar, daß in dem, der getauft wird, das Bild des Gekreuzigten abgeprägt wird; denn das Fleisch kann die Sünde nicht abthun. wenn es nicht in Christo Jesu gekreuzigt ist. So ist denn ja auch geschrieben, daß alle diejenigen, welche in Christo Jesu getauft sind, auf seinen Tod getauft sind. Wenn wir nun mit ihm zusammengepflanzt sind zur Ähnlichkeit seines Todes, so werden wir es auch zur Aehnlichkeit der Auferstehung sein; denn das wissen wir, daß unser alter Mensch mit angeheftet ist ans Kreuz.6 An die Kolosser schreibt der Apostel: „Mit dem seid ihr in der Taufe begraben, in welchem ihr auch auferstanden seid.“ Er schreibt so, damit wir glauben, daß er selbst in uns gekreuzigt wird, wie durch ihn unsere Sünden getilgt werden, daß er, der allein die Sünden nachlassen konnte, den Schuldbrief, der gegen uns lautete, an das Kreuz heftet. Ja in uns triumphirt er über die Gewalten und Mächte nach dem Worte des Apostels: „Er entwaffnete die Oberherrschaften und die Gewalten, führte sie einher und triumphirte über sie öffentlich durch sich selbst.“7

Wenn der Apostel nun in dem an die Hebräer gerichteten Briefe sagt, „es sei unmöglich, die Gefallenen zur Sinnesumkehr zu erneuern, da sie den Sohn Gottes wiederum kreuzigen und ihn der Schmach preisgeben“, so meint er das so, daß wir annehmen müssen, er spreche von der Taufe, in welcher wir den Sohn Gottes in uns gekreuzigt darstellen, damit durch ihn die Welt auch uns gekreuzigt werde, die wir in einem gewissen Sinne triumphiren, indem wir die Aehnlichkeit des Todes desjenigen annehmen, der die Oberherrschaften und Gewalten am Kreuze siegreich entwaffnete und über sie triumphirte. Indem wir, eintretend in die Aehnlichkeit seines Todes, ihr Joch abwerfen, [S. 282] triumphiren auch wir über diese Mächte. Nun ist aber Christus nur einmal gekreuzigt, nur einmal der Sünde gestorben: und deßhalb gibt es nur eine, nicht mehrere Taufen.

Aber wie verhält es sich damit, daß er vorher „die Lehre von den verschiedenen Taufen“8 vorausgeschickt hat? Da es im Gesetze viele Taufen gab, so tadelt der Apostel mit Recht diejenigen, welche das Vollkommene verlassen und zu den Anfangsgründen zurückkehren. Er lehrt uns, daß wir wissen müssen, wie die Taufen des alten Bundes alle zumal ihre Geltung verloren haben, und wie es unter den Geheimnissen der Kirche nur eine Taufe gibt. Er ermahnt uns aber auch, daß wir die Anfangsgründe der Lehre übergehen und zum Vollkommenen eilen. „Ja, dieses wollen wir thun“, sagt er, „wenn anders Gott es zuläßt“, denn ohne Gottes Hilfe kann Niemand vollkommen sein.

Uebrigens könnte ich demjenigen, der die Worte des Apostels von der Buße versteht, auch antworten, daß das, was bei den Menschen unmöglich, doch möglich ist bei Gott. Der Herr kann, wenn er will, die Sünden nachlassen auch da, wo uns die Nachlassung unmöglich scheinen möchte. Schien es doch auch unmöglich, daß das Wasser die Sünde abwaschen könnte, und ebenso glaubte auch Naaman der Syrer nicht, daß sein Aussatz durch das Wasser könnte hinweggenommen werden. Was aber in der That unmöglich war, das hat Gott, der uns so wunderbare Gnade verliehen, möglich gemacht. So schien es denn auch unmöglich, daß in der Buße die Sünden nachgelassen würden. Christus aber verlieh den Aposteln diese Gewalt, die von ihnen auf das priesterliche Amt übergegangen ist. Was also unmöglich schien, ist möglich geworden. — Gleichwohl überzeugt uns die richtige, begründete Auslegung, daß der Apostel hier von der Taufe spricht, daß sie nämlich nicht wiederholt werden soll.9

1: Hebr. 6, 4 ff. Der Umstand, daß die Novatianer sich, anscheinend mit gutem Grunde, auf die oben citirte Stelle des Hebräerbriefes als unwiderleglichen Beweis für die Richtigkeit ihrer Lehrmeinung beriefen, hat wesentlich dazu beigetragen, daß der Hebräerbrief in der abendländischen Kirche erst spät zur Geltung eines kanonischen Buches kam. So sagt Philastrius ausdrücklich: „Epistola ad Hebraeos non legitur propter Novatianos.“ In dem Streite mit den Novatianern hat, wie Hug bemerkt, die abendländische Kirche in einer Zeit, wo der Kanon noch nicht förmlich festgesetzt war und die Tradition über diesen Brief noch schwankte, auf die Aechtheit des Briefes ganz Verzicht geleistet, um so die schärfsten Waffen der Feinde unschädlich zu machen. Der heil. Ambrosius nimmt den Brief als zweifellos Paulinisch und sucht durch die Erklärung die Gegner zu widerlegen.
2: Röm. 6, 4.
3: Ephes. 4, 23.
4: Ps 102, 5 [Hebr. Ps. 103, 5].
5: Ephes. 4, 5.
6: Röm. 6, 3 ff.
7: Kol. 2, 12.
8: Hebr. 6, 2.
9: Die von Ambrosius hier vertretene Meinung, daß der Apostel in der angeführten Stelle von der Unmöglichkeit, die Taufe zu wiederholen, spreche, ist die von den Vätern zumeist vertretene Ansicht, der auch Estius, In omnes D. Pauli epist. comment., ed. Holzammer tom. III. pag. 119 folgt, ohne jedoch die Schwierigkeiten zu verkennen, welche sich dieser Auffassung entgegenstellen. Um denselben zu entgehen, glaubt Estius annehmen zu dürfen, daß nicht von der Wiederholung der äußeren Taufhandlung, sondern von der Wiederholung der Taufwirkung die Rede sei; der Apostel sage deßhalb auch nicht: „impossibile est eos rursum baptizari sed rursum renovari.“ Damit dürfte aber die Hauptschwierigkeit nicht gelöst, sondern nur umgangen sein. Das renovare in poenitentiam (πάλιν ἀνακαινίζειν εἰς μετάνοιαν) [palin anakainizein eis metanoian] kann doch nur von einer wirklichen Sinnesänderung gemeint sein. Der Apostel spricht hier wohl nur von derselben Gattung von Sündern, von denen der Herr sagt, daß sie gegen den heiligen Geist lästerten. Ein solcher Sünder bleibt eben gegen besseres Erkennen und Wissen mit freiwilliger Herzensverhärtung in der Sünde, und gerade die Herzensverhärtung bildet den Charakter dieser Sünde. Dann ist es aber selbstverständlich unmöglich, daß eine Besserung somit eine neue Begnadigung eintrete. Wird die Stelle so gefaßt, so bleibt den Novatianern kein Anhaltspunkt für ihre Meinung.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger