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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Buße (De paenitentia)
Erstes Buch

Cap. 9

Freilich wendest du ein, daß geschrieben steht: „Wenn Mensch gegen Mensch sündigt, so wird man Fürbitte für ihn einlegen bei Gott; wenn aber ein Mensch wider Jehovah sündigt, wer mag dann bittend für ihn eintreten?“1 Zunächst wiederhole ich, daß ich diesen Einwurf (von deinem Standpunkte aus) allenfalls würde hingehen lassen, wenn du lediglich die Abgefallenen von der Verzeihung ausschlössest. Dann aber frage ich: welche Bedenklichkeit bringt denn jene Frage? Es steht ja nicht geschrieben: „Niemand [S. 251] wird für ihn bitten,“ sondern: „Wer wird bittend eintreten?“ Damit wird nur die Frage aufgeworfen, wer in solchem Falle sich finden würde, der bittend eintreten könnte; keineswegs wird diese Möglichkeit ausgeschlossen.

So liesest du im vierzehnten Psalm [Hebr. Ps. 15]: „Herr, wer wird wohnen in deinem Zelte, oder wer wird ruhen auf deinem heiligen Berge?“ Damit ist nicht gesagt, daß Keinem dieses Loos zu Theil werde, sondern lediglich, daß nur der Bewährte, nur der Auserwählte dort wohnen und ruhen werde. Um zu beweisen, daß das der wahre Sinn der Worte ist, genügt es, die folgenden Worte des dreiundzwanzigsten Psalmes [Hebr. Ps. 24] anzuführen: „Wer wird hinaufsteigen den Berg des Herrn? oder wer wird stehen an seinem heiligen Orte?“ Der Psalmist will sagen: Nicht jeder gewöhnliche Mensch aus dem großen Haufen, sondern nur ein Mann von hervorragendem Lebenswandel und besonderem Verdienste wird hinaufsteigen. Das „Wer?“ ist nicht gleichbedeutend mit „Keiner,“ sondern mit „Irgend ein bestimmter.“ Darum antwortet David auf die Frage: „Wer wird hinaufsteigen?“ auch sofort: „Derjenige, welcher unschuldig an Händen und rein von Herzen ist.“ Anderswo heißt es: „Wer ist weise und versteht dieses?“ Soll denn damit gesagt werden, daß Keiner es verstehe? Im Evangelium aber heißt es: „Wer ist der treue und kluge Haushalter, den der Herr setzen wird über sein Gesinde, damit er zur rechten Zeit ihnen den angemessenen Unterhalt reiche?“ Und um zu zeigen, daß er hier von Jemanden rede, der allerdings vorhanden sei, fügt der Heiland hinzu: „Selig ist derselbe Knecht, den der Herr, wenn er kommt, also thun findet.“2 Dahin gehört, meines Erachtens, auch jenes Wort: „Wer, o Gott, ist dir gleich?“ Darauf ist nicht zu antworten: schlechthin Keiner; denn der Sohn ist ja der Abglanz des Vaters.

[S. 252] In gleicher Weise ist auch das Wort zu fassen: „Wer wird bittend für ihn eintreten?“ Es heißt: Jemand muß von besonders heiligmäßigem Lebenswandel sein, wenn er für den eintreten will, der gegen den Herrn gesündigt hat. Je größer die Schuld ist, desto würdigere Fürsprecher muß man suchen. Nicht irgend ein Beliebiger aus der Menge, sondern Moses selbst bat für das Volk der Juden, als sie uneingedenk des geschlossenen Bundes das goldene Kalb anbeteten. Befand sich nun Moses damals im Irrthum? Gewiß nicht, denn er hat das, um was er bat, verdient und erhalten. Was sollte auch eine solche Liebe nicht erlangen, die sich selbst für das Volk darbietet, mit den Worten: „Wenn du ihnen die Sünde verzeihest, wohl dann; wenn nicht, dann tilge mich aus dem Buche des Lebens.“ Da sehet ihr, daß er nicht als ein gezierter ängstlicher Fürsprecher mit sich zu Rathe geht, ob darin etwa eine Beleidigung liege: was Novatian zu fürchten behauptet. Er denkt an das ganze Volk, an sich denkt er nicht, und so fürchtet er auch nicht, Gott dadurch zu beleidigen, daß er das Volk von der Gefahr der Beleidigung Gottes befreit.

Mit Recht steht also geschrieben: „Wer wird bittend für ihn eintreten?“ d. h. Jemand, wie Moses, der sich selbst für die Schuldigen darbot; Jemand, wie der Prophet Jeremias, dem der Herr gesagt hatte: „Bitte nicht für jenes Volk,“ und der doch bat und Verzeihung erwirkte.3 Auf die Fürbitte des Propheten nämlich, und bewegt durch das Flehen des erhabenen Sehers, wendete sich der Herr wieder zu Jerusalem, das inzwischen auch Buße für seine Vergehungen gethan hatte, da es flehte: „Und nun, allmächtiger Herr, Gott Israels, eine Seele in Aengsten und ein beklommener Geist rufet zu dir! Höre, o Herr, und erbarme dich; du bist ja ein barmherziger Gott, erbarme dich unser, denn wir haben gesündigt.“ Der Herr befahl dann, die Trauergewande abzulegen und den Bußthränen zu wehren. [S. 253] So steht ja geschrieben das Wort des Herrn: „Zeuch aus, Jerusalem, das Kleid deiner Trauer und Qual und thue an die Zier und Ehr’ jener ewigen Herrlichkeit, die Gott dir verleiht.“4

1: I. Kön. 2, 25. Das Citat — nach den LXX — hat im Urtexte allerdings einen anderen Sinn. Heli mahnt seine beiden Söhne, von ihrem nichtswürdigen Treiben abzulassen und fügt hinzu, daß bei Versündigung eines Menschen gegen den anderen Gott den Streit durch die Obrigkeit schlichtet, während bei Versündigungen wider Gott Niemand als Schiedsrichter intercediren könne. Den masorethischen Text gibt man: „Wenn Mensch gegen Mensch sündigt, richtet ihn Gott (oder: richtet ihn der Richter), wenn aber ein Mensch wider Jehovah sündigt, wer mag für ihn bitten?“ Die LXX hatten einen vom masorethischen abweichenden, wie es scheint, besseren Text.
2: Luk. 12, 42 ff.
3: Jerem. 7, 18.
4: Baruch 3, 1―5, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger