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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Buße (De paenitentia)
Erstes Buch

Cap. 8

Der Herr will, daß seine Jünger volle Gewalt haben; er will, daß in seinem Namen von seinen Jüngern alles [S. 248] das vollbracht werde, was er selbst gewirkt, so lange er auf der Erde weilte. Hat er ihnen ja sogar gesagt: „Ihr sollet noch Größeres thun, als dieses.“ Er gab ihnen die Macht, Todte zu erwecken. Obwohl er selbst dem Saulus das Augenlicht wieder herstellen konnte, sandte er ihn doch zu seinem Diener Ananias, damit durch dessen Segnung das geschwundene Augenlicht wieder erschlossen würde. So hieß er auch den Petrus auf dem Meere wandeln, und nur als er bange zitterte, da tadelte er ihn, daß er die Gnadengabe des Glaubens durch Kleingläubigkeit verminderte. So verlieh er auch den Jüngern, daß sie das Licht der Welt sein könnten, wie er selbst das Licht der Welt war. Da er aus dem Himmel auf die Erde herabsteigen und wieder zum Himmel zurückkehren wollte, hat er auch den Elias zum Himmel erhoben, um auch ihn zur gegebenen Zeit wieder auf die Erde herabzusenden. Da er selbst im Feuer und dem heiligen Geiste taufen wollte, hat er durch Johannes die Geheimnisse der Taufe zum Voraus angedeutet.

Ja, Alles hat er seinen Jüngern gegeben, da er zu ihnen sagt: „In meinem Namen werden sie Teufel austreiben, sie werden in neuen Sprachen reden, Schlangen aufbeben, und wenn sie Tödtliches trinken, wird es ihnen nicht schaden; den Kranken werden sie die Hände auflegen und diese werden genesen.“ Alles hat er ihnen also verliehen; aber da ist nicht von menschlicher Macht und Gewalt die Rede, wo nur die Gnade des göttlichen Geschenkes gilt.

Warum leget ihr denn nun die Hände auf und glaubet an den Erfolg der Segnung, ob etwa der Kranke doch vielleicht genese? Warum nehmt ihr an, daß Einige von dem Einfluß des Teufels durch euch könnten befreit werden? Warum taufet ihr. wenn durch Menschen überhaupt keine Sünden dürfen nachgelassen werden? In der Taufe findet doch auch der Nachlaß aller Sünden statt: was ist denn für ein Unterschied vorhanden, ob die Priester im Sakramente der Buße oder im Sakramente der Taufe dieses [S. 249] ihnen verliehene Recht für sich in Anspruch nehmen? Dasselbe Geheimniß ist hier, wie dort.

Du entgegnest mir, daß im Bade der Wiedergeburt die Gnade der Geheimnisse wirkt. Was wirkt denn in der Buße? Oder wirkt dort nicht auch der Name und die Kraft Gottes? Wie nun? laßt ihr die Gnade da eintreten, wo es euch gefällt, während ihr sie zurückweiset, wenn es euch beliebt? Aber das ist doch unerträgliche Anmaßung, nicht heilige Furcht, wenn euch diejenigen zuwider sind, welche Buße thun wollen. Ihr könnet wohl die Thränen der Büßenden nicht ertragen? Eure Augen werden wohl verletzt durch die Armuth der Bußgewänder, durch den Schmutz des Trauerkleides? Stolzen Auges, hochmüthigen Herzens saget ihr zarten Seelen mit unwilliger verächtlicher Stimme: „Rühre mich nicht an; denn ich bin rein.“

Der Herr sagt freilich zu Maria Magdalena: „Rühre mich nicht an;“ aber er, der doch ganz rein war, setzt nicht hinzu: „denn ich bin rein.“ Und du, Novatian, du wagst es, dich rein zu nennen? Wärest du rein in deinen Handlungen, dieses hochmüthige Wort allein machte dich unrein. Isaias rief einst: „Weh mir armen zerschlagenen Manne! ich bin ein Mensch, habe unreine Lippen und soll in der Mitte eines Volkes wohnen, das auch unreine Lippen hat.“ Du sagst: ich bin rein; und doch ist nach den Worten der Schrift nicht das Kind von einem einzigen Tage rein. David flehte: „Von meiner Missethat, Herr, reinige mich;“ und doch hat ihn, da er barmherzig war, die Gnade des Herrn so oft gerechtfertigt. Du willst rein sein und bist doch so ungerecht, daß du kein Erbarmen fühlst, daß du vielmehr den Splitter im Auge deines Bruders siehest, während du den Balken im eigenen Auge nicht beachtest? Jeder, der unbillig handelt, ist aber bei Gott unrein. Und was kann es Unbilligeres geben, als wenn man die Nachlassung der eigenen Sünde beansprucht, während man Anderen die Bitte abschlagen zu müssen glaubt. Was gibt es Ungerechteres, als dich selbst gerechtfertigt zu erachten, [S. 250] während du den Nächsten verurtheilst, obwohl du schwerere Verbrechen begehst.

Uebrigens wollte der Herr Jesus die Verzeihung unserer Sünden auch damals deutlich genug kundgeben, als er dem Johannes auf dessen Ausruf: „Ich sollte von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ antwortete: „Laß es nur geschehen, denn es geziemt uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ So kam der Herr zu einem Sünder, da er doch selbst ganz ohne Sünde war; er wollte getauft sein, obwohl er keiner Reinigung bedurfte. Wer kann denn nun euch ertragen, die ihr keiner Reinigung durch die Buße zu bedürfen glaubt, weil ihr durch die Taufgnade gereinigt zu sein behauptet, gleichsam als wenn es für euch unmöglich wäre, zu sündigen?

 

 

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Einleitung zur Schrift über die Busse
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger