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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Buße (De paenitentia)
Erstes Buch

Cap. 3

[S. 236] Die Novatianer sagen nun, daß sie, mit Ausschluß freilich der schwereren Verbrechen, den leichteren Verzeihung gewähren. In diesem Punkte kann aber Novatian, der bekanntlich annahm, daß Niemand zur Bußübung zuzulassen sei, nicht als Urheber des Irrthums gelten, antworte ich ihnen. Er ging von der Betrachtung aus, daß er da nicht binden dürfe, wo er nicht lösen könne, um es zu vermeiden, daß Jemand eben wegen der Zulassung zur Buße auch die Lossprechung von ihm zu erlangen hoffe. Darin also verurtheilt ihr eueren Vater durch euere eigene Meinung, nach welcher ein Unterschied der Sünden derart zulässig erscheint, daß ihr die einen nachlassen zu dürfen glaubt, während ihr die anderen keines Heilmittels fähig erachtet. Gott aber, der seine Erbarmung Allen erweiset, und der den Priestern die Macht, Sünden nachzulassen, ohne jede Einschränkung gegeben hat, — Gott macht keinen derartigen Unterschied bei den Sünden. Wer freilich die Sünden anhäuft, der muß auch die Buße mehren, und größere Vergehen werden auch durch reichere Ströme der Bußthränen abgewaschen. So findet weder Novatian Bestätigung, der Allen die Verzeihung verschließt; noch findet ihr, die ihr seine Nachfolger und Verurtheiler zugleich seid, Zustimmung: denn ihr vermindert den Bußeifer, wo er müßte vermehrt werden, da Christi Barmherzigkeit es so geordnet hat, daß schwerere Sünden auch härter gebüßt werden.

Was ist das aber doch für eine Verkehrtheit, daß ihr für euch dasjenige herausnehmt, was vergeben, und daß ihr Gott das belasset, was nicht vergeben werden kann? Das heißt ja, für sich die Gegenstände des Erbarmens vorwegnehmen und Gott die Rolle des strengen Bestrafers [S. 237] überlassen. Und wie verhält es sich denn mit jenem Worte der Schrift: „Gott ist wahrhaftig, jeder Mensch aber ein Lügner, wie geschrieben steht: Auf daß du gerecht befunden werdest in deinen Worten und den Sieg erhaltest, wenn du gerichtet wirst?“1 Damit wir selbst wohl erkennen, daß Gott mehr zum Erbarmen neigt, als er an der Strenge festhält, hat er gesagt: „Barmherzigkeit will ich lieber als Brandopfer.“2 Wie kann denn nun euer Opfer Gott wohlgefällig sein, da ihr seine Barmherzigkeit leugnet; während er doch selbst sagt, daß er nicht den Tod des Sünders, sondern seine Bekehrung wolle?

Der Apostel erklärt uns das: „Gott sandte seinen Sohn in der Aehnlichkeit des Fleisches der Sünde und zwar wegen der Sünde, und so verurtheilte er die Sünde im Fleische, damit die Rechtfertigung des Gesetzes in uns erfüllt würde.“3 Er sagt nicht: „in der Aehnlichkeit des Fleisches“, weil Christus die Wirklichkeit, nicht bloß die Aehnlichkeit des menschlichen Fleisches angenommen hat; er sagt auch nicht, „in der Aehnlichkeit der Sünde“, weil der Herr nie eine Sünde begangen hat, sondern zur Sünde für uns geworden ist. Nein, er kam „in der Aehnlichkeit des Fleisches der Sünde“, d. h. er nahm die Aehnlichkeit des sündigen Fleisches an: die „Aehnlichkeit“ aber, weil geschrieben steht: „Es ist ein Mensch, und wer wird ihn erkennen?“4 Er war Mensch im Fleische nach [S. 238] Menschenart, so daß er erkannt wurde. Aber er war an Kraft weit über den Menschen hinaus, so daß er nicht erkannt wurde. So hat er also hier unser Fleisch angenommen, aber die Sünden dieses Fleisches hat er nicht angenommen.

Nicht wie jeder andere Mensch ist ja der Herr geworden; nein, er ist geboren vom heiligen Geiste aus der Jungfrau Maria, und so hatte er einen makellosen Leib empfangen, den nie eine Sünde befleckt hat, der auch in seinem Entstehen nicht von der leisesten Makel des Fleisches berührt ist. Alle Menschen werden sonst unter dem Gesetze der Sünde geboren, wie David gesagt hat: „Siehe in Ungerechtigkeit bin ich empfangen, in Sünden hat mich geboren meine Mutter.“ Deßhalb spricht Paulus von dem Leibe des Todes, wenn er sagt: „Wer wird mich retten aus dem Leibe dieses Todes?“ Christi schuldloses Fleisch hat also die Sünde verurtheilt, die bei der Geburt ihn nicht berührte, die er sterbend gekreuzigt hat, so daß nun in unserem Fleische die Rechtfertigung durch die Gnade war, während vorher der Augenblick unseres Werdens nicht ohne Schuld war.5

Was anders sollen wir nun dazu sagen, als was der Apostel gesagt hat: „Wenn Gott für uns ist, wer ist wider uns? Er, der selbst seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat; wie sollte er uns nicht Alles mit ihm geschenkt haben? Wer wird die Auserwählten Gottes anklagen? Gott, der gerecht macht? Wer wird verurtheilen? Christus Jesus, der gestorben ist, ja, der auch auferstanden ist, der zur rechten Hand Gottes sitzet, der auch fürbittet für uns?“6 Diejenigen, für welche [S. 239] Christus Fürbitte einlegt, klagt also Novatian an. Diejenigen, welche Christus zum Leben erlöst hat, die verurtheilt Novatian zum Tode. Denjenigen, zu welchen Jesus gesagt hat: „Nehmet mein Joch auf euch, und lernet von mir, denn ich bin sanftmüthig,“ ruft Novatian zu: „Ich bin ohne Erbarmen, ohne Sanftmuth.“ Denjenigen, zu welchen Christus sagt: „Ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen, denn mein Joch ist sanft und meine Bürde ist leicht,“ legt Novatian ein schweres und hartes Joch auf.

1: Röm. 3, 4.
2: Ose. 6, 6.
3: Röm. 8, 3. Die obige Uebersetzung hat das doppelte verbum finitum nehmen müssen, weil das Citat unvollständig ist: „Nam quod impossibile erat legi, in quo infirmabatur per carnem, Deus filium suum mittens in similitudinem carnis peccati et de peccato, damnavit peccatum in carne“ (scil. Christi). Das ‚et de peccato‘ ist nicht mit Estius zu ‚damnavit‘, sondern dem griechischen Texte: „ὁ θεὸς. . . . . πέμψας τὸν ἑαυτοῦ υἱὸν ἐν ὁμοιώματι σαρκὸς ἁμαρτίας καὶ περὶ ἁμαρτίας, κατέκρινε“ . . [ho theos . . . pempsas ton heautou hyion en homoiōmati sarkos hamartias kai peri hamartias, katekrine] entsprechend zu ‚mittens‘ zu ziehen.
4: Jerem. 17, 9. Das Citat paßt nach dem Context freilich gar nicht; es ist ein willkürlich abgerissenes Wort aus der Uebersetzung der LXX: „Βαθεῖα ἡ καρδία παρὰ πάντα, καὶ ἄνθρωπός ἐστιν καὶ τίς γνώσεται αὐτόν;“ [Batheia hē kardia para panta, kai anthrōpos estin kai tis gnōsetai auton]. Die Unergründlichkeit des menschlichen Herzens und dessen Schwäche soll damit bekundet werden.
5: „Ubi erat ante colluvio per culpam“. Das läßt sich übrigens nicht als so ganz absolut gewiß hinstellen.
6: Röm. 8, 31 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger