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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Buße (De paenitentia)
Erstes Buch

Cap. 15

Das ist ein guter, treuer Lehrer, der Eins verspricht und Beides gewährt. Er kommt mit der Ruthe, sofern er [S. 269] den Gefallenen aus der heiligen Gemeinschaft entfernt. Mit Recht sagt er, daß der dem Satan überliefert wird, der vom Leibe Christi getrennt wird. Er kommt aber auch in Liebe und im Geiste der Milde, weil er den Sünder so ausschließt, daß er seine Seele rettet, oder auch weil er den, welchen er vorher ausgeschlossen, den heiligen Geheimnissen wieder zurückgibt.

Er muß ja auch den so tief Gefallenen ausschließen, damit dieser nicht, dem Sauerteig vergleichbar, die ganze Gemeinde verderbe. Der alte Sauerteig muß ausgefegt werden. Das gilt bei den Einzelnen von dem alten, dem äußerlichen Menschen mit seinen Handlungen, bei der Gemeinde von dem in Sünden und Lastern Verhärteten. Mit Recht spricht der Apostel vom „Ausfegen“ des alten Sauerteiges, weil es sich um eine Reinigung, nicht aber um gänzliche Verwerfung handelt. Es wird also nicht geradezu Alles als unnütz und schlecht bezeichnet; es soll vielmehr das als Zweck der Säuberung gelten, daß das Nützliche vom Unnützen geschieden wird; was aber verworfen wird, darin ist überhaupt nichts mehr nütze.

Gleich damals hat also der Apostel dafür gehalten, den Sünder zu den himmlischen Geheimnissen wieder zuzulassen, wenn dieser nur selbst den Wunsch hegte, gereinigt zu werden. Darum sagt er auch zutreffend: „Feget aus!“ An dem wird ja durch Vermittelung des Volkes, durch seine Werke und Thränen die Reinigung vollzogen, welcher durch Gebet und Seufzen des Volkes von der Sünde befreit und in seinem inneren Menschen gereinigt wird. Christus hat seiner Kirche verliehen, den Einen durch die Anderen zu retten, wie sie selbst der Ankunft des Herrn Jesus gewürdigt wurde, damit durch den Einen alle die Anderen erlöset würden.

Das ist der Sinn des Apostels, der freilich durch die Worte dunkel wird. Betrachten wir nur diese Worte selbst: „Feget aus den alten Sauerteig, damit ihr seid ein neuer Teig, da ihr ja ungesäuert seid.“ Darnach übernähme also die ganze Kirche die Sündenlast des Einzelnen, für den sie [S. 270] in Thränen, Gebet und Schmerz mitleiden muß; sie bedeckt sich selbst gewissermaßen mit dem Sauerteige der Sünde ihrer einzelnen Mitglieder, so zwar, daß durch Alle das, was in dem einzelnen Büßenden zu tilgen ist, gleichsam vermittelst eines gemeinschaftlichen Zusatzes von Erbarmen und Mitleiden, woran Männiglich Theil hat, gereinigt und ersetzt wird.1 Oder man kann die Worte so fassen, wie jenes Weib im Evangelium uns lehrt, welche ein Vorbild der Kirche ist, sofern sie nämlich den Sauerteig in der Masse des Mehles barg, bis Alles durchsäuert wäre; so soll Alles rein dargestellt werden.

Was aber unter dem Sauerteig sonst noch zu verstehen sei, hat der Herr selbst uns im Evangelium gelehrt. „Warum begreift ihr nicht“, sagte er zu seinen Jüngern, „daß ich nicht vom Brode zu euch redete, da ich sprach: Hütet euch vor dem Sauerteige der Pharisäer und Sadducäer?“ Da verstanden sie, — setzt der Evangelist hinzu, — daß er nicht gesagt hatte, sie sollten sich vor dem Sauerteige des Brodes, sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadducäer hüten. Diesen Sauerteig nun, d. h. die Lehre der Pharisäer, die anmaßenden Behauptungen der Sadducäer birgt die Kirche in ihrem geistigen Mehlvorrathe, wenn sie den strengen Buchstaben des Gesetzes durch ihre geistige Auslegung mildert. Man könnte sagen: sie durchbricht auf [S. 271] der Mühle ihrer Auslegung den harten Buchstaben, und wie jene aus den Getreidehülsen das Korn ausschält, so bringt sie aus der Hülle des Buchstabens den tiefen Sinn des Gnadengeheimnisses hervor, und so bekräftigt sie den Glauben an die Auferstehung, der Gottes Erbarmen verkündet, der uns lehrt, daß das Leben der Gestorbenen zurückerstattet wird.

Die Anziehung dieses Vergleiches an diesem Orte erscheint keineswegs thöricht und unberechtigt. Das Himmelreich ist ja die Erlösung der Sünder, und gerade deßhalb werden wir Alle — Gute wie Böse — mit dem Sauerteige der Kirche vermischt, damit wir ein neuer Teig werden. Damit aber Niemand fürchte, es möchte die Beimischung verdorbenen Sauerteiges die ganze Masse verderben, hat der Apostel hinzugefügt: „Damit ihr ein neuer Teig seid, da ihr ja ungesäuert seid,“ d. h. der Sauerteig der Kirche wird euch wieder herstellen, wie ihr vordem waret in der vollen Reinheit euerer Unschuld. Wenn wir in solcher Weise uns erbarmen, so werden wir durch fremde Sünde nicht befleckt; wir erwirken vielmehr die Rettung des Sünders noch zum eigenen Gnadenschmuck, so daß die Reinheit dauernd bleibt, wie sie war. Deßhalb sagt auch der Apostel ferner: „Denn als unser Osterlamm ist Christus geopfert worden,“ d. h. das Leiden des Herrn hat Allen genützt und den Sündern, die über ihre begangenen Fehler Reue fühlen, Errettung bereitet.

So laßt uns denn (um mit dem Apostel zu reden) das Mahl halten in reiner, guter Speise, bei aller Buße doch erfreut über die Rettung. Nun ist keine Speise besser, als Güte und Wohlwollen: darum soll unser Opfermahl und unsere Freude durch kein Gefühl des Neides über den geretteten Sünder getrübt werden, damit wir uns nicht, wie jener neidische Bruder im Evangelium, selbst vom Vaterhause ausschließen. Dieser empfand Schmerz über die Wiederaufnahme des Bruders; er hätte sich gefreut, wenn die Ausschließung für immer gegolten hätte.

Daß ihr ihm ähnlich seid, könnet ihr, Novatianer, nicht leugnen. Ihr wollet ja gerade deßhalb nach euerer eigenen [S. 272] Versicherung nicht zur Kirche ferner eingehen, weil denen, welche gefallen sind, die Hoffnung der Rückkehr gewährt ist. Uebrigens ist das nur zum Scheine vorgeschoben; sonst weiß Jeder, daß den Novatian der Schmerz über den Verlust der bischöflichen Würde zum Schisma getrieben hat.

Ihr wollet nicht einsehen, daß der Apostel jenes Wort auch von Euch zum Voraus gebraucht hat, welches er den Korinthern schrieb: „Und ihr seid aufgeblasen und nicht vielmehr in Trauer versetzt, damit der aus euerer Mitte geschieden werde, welcher diese That begangen hat?“ Immerhin wird er für solange vollständig beseitigt, als seine Sünde getilgt wird; keineswegs aber sagt der Apostel, daß derjenige gänzlich aus der Kirche ausgeschlossen werde, welcher nach seinem Rathe und Wunsche gereinigt werden soll.

1: Wegen ihrer in die Augen springenden Wichtigkeit für die Bezeugung der altkirchlichen Lehre von der Gemeinschaft der Heiligen und der Zulässigkeit der Genugthuung für Andere innerhalb der Kirche mag es gestattet sein, den Text, der auch wegen seiner sprachlichen Schwierigkeit nicht ohne Interesse ist, hier anzufügen: Consideremus ipsum Apostoli sermonem: „Expurgate vetus fermentum, ut sitis nova conspersio.“ Sive quod tota ecclesia suscipiat onus peccatoris, cui compatiendum et fletu et oratione et dolore est: et quasi fermento eius se totam conspergat; ut per universos ea quae superflua sunt in aliquo poenitentiam agente virilis misericordiae aut compassionis velut collativa quadam admixtione purgentur.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger