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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Buße (De paenitentia)
Erstes Buch

Cap. 13

Uebrigens lehrt der Apostel Paulus keineswegs, daß man diejenigen, welche eine Sünde zum Tode begangen haben, schlechtweg im Stich lassen dürfe: vielmehr soll man dieselben durch das Brod, das sie unter Trauer essen, durch den Trank, den sie mit Thränen trinken müssen, zur Umkehr [S. 260] zwingen, immer aber wieder so, daß auch die Traurigkeit das rechte Maß innehalte. Das besagen die Worte des Psalmisten: „Wie lange, Herr, willst du uns tränken mit Thränen im vollen Maße?“1 Auch die Traurigkeit soll ihr Maß haben, damit derjenige, welcher Buße thut, nicht in übermäßiger Trauer sich verzehre. So schreibt auch der Apostel an die Korinther: „Was wollet ihr? Soll ich mit der Ruthe zu euch kommen, oder mit Liebe und im Geiste der Sanftmuth?“2 Aber auch die Ruthe ist nicht verderbenbringend; denn der Apostel hatte ja gelesen im Buche der Sprüche: „Schlägst du ihn mit der Ruthe, so wirst du seine Seele von der Hölle befreien.“3

Was der Apostel unter dem Worte „mit der Ruthe kommen“ versteht, das zeigt der Tadel, den er über die Unlauterkeit ausspricht, die Anklage, die er gegen den Blutschänder erhebt, die scharfe Zurechtweisung, die er dem Stolze derjenigen zu Theil werden läßt, welche sich aufblähen, wo sie billig trauern sollten. Zumeist aber erhellt es aus der Verurtheilung des Schuldigen, der von der heiligen Gemeinschaft ausgeschlossen, dessen Seele dem Widersacher übergeben wurde, zum Verderben nicht des Geistes, sondern des Fleisches. Denn wie der Herr dem Satan nicht Macht gab über die Seele Job’s, sondern nur über seinen Leib: so wird auch dieser dem Widersacher zum Verderben des Fleisches übergeben, damit er, „wie die Schlange den Staub leckt“,4 so das Fleisch, nicht aber die Seele schädige.

So sterbe denn unser Fleisch den Gelüsten; es sei gefangen und unterthan und ohne Widerspruch gegen das Gesetz unseres Geistes; heiliger Knechtschaft ergeben möge es sterben. So war es bei Paulus, der seinen Leib züchtigte, damit er ihn in Dienstbarkeit brächte, um dadurch, wenn nämlich in ihm das Gesetz des Fleisches dem Gesetze des [S. 261] Geistes entspräche, zugleich seine Predigt zu bewähren. Es stirbt ja das Fleisch, wenn sein Wollen und Verlangen übergeht auf den Geist, so daß es nun nicht mehr darnach trachtet, was des Fleisches, sondern was des Geistes ist. Möchte ich nun an mir selbst erfahren, daß das Fleisch schwach wird; möchte es nur nicht gefangen werden unter das Gesetz der Sünde; möchte ich nur leben nicht im Fleische, sondern im Glauben Christi! So wird dann der Gnadenerweis Gottes größer in der Schwachheit des Fleisches, als in dessen Stärke. Deßhalb wollte ja der Herr auch seinen Apostel, den er doch so sehr liebte, nicht von der Armseligkeit des Fleisches befreien. „Es genügt dir“, antwortete er ihm, als er ihn um Befreiung von derselben bat, „es genügt dir meine Gnade; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollkommen.“ Und Paulus selbst hatte Wohlgefallen an seinen Schwachheiten: „Wenn ich schwach bin,“ sagt er. „dann bin ich stark.“ Die Stärke des Geistes kommt eben in den Armseligkeiten des Fleisches zur Vollendung.

Haben wir bis jetzt den Sinn des Paulinischen Wortes erörtert, so erübrigt noch, die Worte selbst zu betrachten, in wiefern der Apostel nämlich sagen kann, daß er den Sünder dem Satan übergebe zum Verderben des Fleisches, da doch der Teufel unser Versucher ist. Er thut einzelnen Gliedern Gebrechen an und pflegt auch wohl den ganzen Körper in Krankheit zu versenken. So schlug er Job mit bösem Geschwür von den Füßen bis zum Haupte, weil er Gewalt über den Leib des heiligen Dulders erhalten hatte durch das Wort des Herrn: „Siehe, ich gebe ihn in deine Hand, nur schone seines Lebens.“ Genau so handelte der Apostel, da er sagte, daß er den Sünder dem Satan übergebe zum Verderben des Fleisches, damit sein Geist gerettet würde auf den Tag unseres Herrn Jesu Christi.5

[S. 262] Das ist eine große Gewalt, eine mächtige Gnadengabe, dem Teufel gebieten zu können, sich selbst zu schädigen, sein eigen Werk zu vernichten. Das thut er ja wirklich, wenn er einen Menschen, den er zu unterjochen bemüht ist, gerade dadurch, daß er ihn quält, statt schwächer, stärker macht. Denn indem er das Fleisch mit Schwäche heimsucht, stärkt er den Geist. Die Krankheit des Fleisches vertreibt ja die Sünde, während die Ueppigkeit des Fleisches die Schuld auflodern läßt.

So wird der Teufel hintergangen, daß er sich selbst mit seinem Bisse verwundet und gegen sich denjenigen bewaffnet, den er zu schwächen glaubte. So hat er auch dem heiligen Dulder Job stärkere Waffen verliehen, da er ihn mit Wunden geschlagen. An seinem ganzen Leibe mit Wunden überdeckt, ertrug er allerdings den Biß der höllischen Schlange, aber ihr Gift hat er nicht in sich aufgenommen. Darum wurde ihm denn auch mit Fug gesagt: „Du wirst den Leviathan mit der Angel herausziehen, mit ihm spielen wie mit einem Vogel; du wirst ihn fesseln, wie der Knabe den Sperling bindet, auf ihn die Hand legend.“6

Du siehst nun, wie sehr der Satan von dem Apostel überlistet wird. Es wiederholt sich, was der Prophet sagt: „In die Höhle des Basilisken streckt das Kind seine Hand, und die Natter schadet ihm nicht.“ Ja, der Apostel zieht die alte Schlange heraus und aus ihrem Gifte bereitet er ein geistiges Gegengift: so wird das, was vordem Gift war, jetzt Heilmittel. Es ist Gift zum Verderben des [S. 263] Fleisches, aber Arznei zum Heile der Seele. Was dem Körper schadet, das rettet den Geist.

So möge denn die Schlange den Staub des Leibes verschlingen, ihren Zahn mag sie in das Fleisch einsenken! Immerhin mag sie den Leib verwunden nach dem Worte des Herrn: „Ich übergebe ihn dir, nur bewahre seine Seele.“ Wie groß ist doch die Gewalt Jesu Christi, daß er die Hut des Menschen selbst dem Satan aufzwingt, der doch ständig schädigen will. So versöhnen wir denn uns den Herrn Jesus; wenn Christus gebietet, dann wird selbst der Satan der Hüter seiner Beute, — ja wider seinen Willen muß er den himmlischen Geboten mithelfen: selbst grausam, muß er den milden Befehlen des Herrn gehorchen.

Aber will ich denn seine Folgsamkeit hier rühmen? Nein, er soll immer böse bleiben, damit Gott, der seine Bosheit in Gnade verkehrt, immer gut sei. Jener will schaden, aber er kann nicht, wenn Christus sich ihm entgegenstellt: er verwundet das Fleisch, aber er bewahrt die Seele; er weidet sich an dem Staube der Erde, aber er bewahrt den Geist. Das ist es, was der Prophet gesagt hat: „Dann wohnet der Wolf bei dem Lamme, Löwe und Stier weiden zusammen; die Schlange nimmt als Speise den Staub der Erde. Sie schaden nichts und tödten nichts auf meinem heiligen Berge, spricht der Herr.“7 Ist es ja das Verdammungsurtheil der Schlange: „Staub sollst du fressen.“ Was für Staub? Doch wohl den, von welchem gesagt ist: „Du bist Staub und sollst zum Staube wieder werden.“

1: Ps. 79, 6 [Hebr. Ps. 80, 6].
2: I. Kor. 4, 21.
3: Sprüchw. 23, 14.
4: Mich. 7, 17.
5: Es steht Nichts entgegen, die Sentenz des Apostels im strengen Wortsinne zu interpretieren. Die Excommunication zog in der ersten Zeit des Christenthums vielfach äußere böse Krankheitsfolgen nach sich, und da Krankheit und Tod als Folgen der Sünde immerhin auch als Wirkungen der durch die Sünde begründeten Herrschaft des Teufels erscheinen können, so ist auch der Ausdruck „das Fleisch dem Teufel übergeben,“ d. h. zu körperlichen Leiden, ganz gerechtfertigt. Uebrigens hat Paulinus in seiner Vita Ambrosii ein Beispiel aufbewahrt, wo ein von letzterem Excommunicirter sogleich vom Teufel besessen worden sei.
6: Job 40, 24.
7: Isai. 11, 6 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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