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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Buße (De paenitentia)
Erstes Buch

Cap. 11

Da wir nun einmal des Briefes Johannis erwähnt haben, so wollen wir auch betrachten, was in seinem Evangelium geschrieben steht, um zu erkennen, ob das mit eurer Auslegung übereinstimmt. Hier erzählt er, daß der Herr gesagt habe: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingebornen Sohn dahin gab, so daß Jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe.“ Wenn du nun einen Gefallenen zurückzuführen wünschest, wirst du ihn ermahnen, daß er glaube, oder daß er nicht glaube? Sicher, daß er glaube. Aber wer glaubt, der hat nach dem Worte des Herrn das ewige Leben. Wie willst denn du nun wehren, für den bittend einzutreten, dem das ewige Leben zu Theil werden soll? da doch der [S. 255] Glaube ein Geschenk der göttlichen Gnade ist, wie das der Apostel, wo er von der Vertheilung der Gnadengaben spricht, ganz ausdrücklich lehrt. So flehen auch die Jünger: „Mehre uns den Glauben.“ Wer also den Glauben hat, der hat das Leben; wer aber das Leben hat, der ist doch wahrhaftig nicht ausgeschlossen von der Verzeihung. „Jeder, der an mich glaubt,“ sagt der Herr, „wird nicht verloren gehen.“ „Jeder" sagt er: so ist denn Keiner zurückgewiesen, Keiner ausgeschlossen. Der Herr schließt auch denjenigen nicht aus, der gefallen ist, wenn er nur nachher zum vollen Glauben gelangt.

Wir wissen aus eigener Erfahrung, daß gar Viele nach ihrem Falle sich wieder gebessert und für den Namen Gottes gelitten haben: Können wir nun diesen die Gemeinschaft der Martyrer verweigern, da der Herr Jesus selbst sie ihnen nicht weigert? Wagen wir zu behaupten, daß denen das Leben nicht zurückgegeben sei, denen Christus den Siegeskranz verliehen hat? Wie nun so Manchen, wenn sie nach dem Falle Martern ertragen, der Siegeskranz zu Theil wird, so erhalten sie auch, wenn sie vertrauensvoll zum Herrn sich wenden, die Gnade des Glaubens wieder. Dieser Glaube ist ja ein Geschenk Gottes. Denn so steht geschrieben: „Euch ist in Beziehung auf Christum gegeben, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden.“1 Kann nun der, welcher vom Herrn diese Gnadengabe besitzt, nicht auch Verzeihung erlangen?

Diese Gnadengabe ist aber eine doppelte: einmal an den Herrn Jesus zu glauben, dann für ihn zu leiden. Derjenige, welcher glaubt, besitzt die eine Gnade; die andere besitzt er, wenn sein Glaube durch Martern und Leiden verherrlicht wird. So war Petrus, ehe er litt, keineswegs ohne Gnade; aber in seinem Leiden ward er auch der anderen theilhaftig. Und gar Viele gibt es, die die Gnade, für [S. 256] Jesus zu leiden, nicht erlangten; gleichwohl hatten sie die Gnade, an ihn zu glauben.

Deßhalb heißt es auch: „Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht verloren gehen.“ „Jeder,“ d. h. in welchem Stande er sein mag, von welchem Falle er sich erheben muß, er darf nicht fürchten, verloren zu gehen, wenn er glaubt. Es kann ja geschehen, daß Jemand von Jerusalem nach Jericho wieder hinabsteigt, d. h. daß Jemand von dem Kampfe des Martyriums wieder in die Lust dieses Lebens, in die Freuden, die die Welt bietet, sich verliert, daß dieser von den Räubern, d. h. hier von den Verfolgern verwundet und halbtodt liegen gelassen wird. So findet ihn dann jener Samaritan des Evangeliums, welcher der Hüter unserer Seelen ist, — heißt ja doch Samaritan so viel als Wächter;2 — er geht nicht vorüber, nein, er sorgt für ihn und heilt ihn.

Wohl mir! deßhalb geht der Samaritan nicht vorüber, weil er noch Leben in dem Verwundeten erkennt, so zwar, daß er das volle Leben wieder erlangen kann. Scheint nun derjenige, welcher gefallen ist, nicht halbtodt, wenn der Glaube noch einen Lebensfunken bewahrt hat? Wer Gott gänzlich aus seinem Herzen vertreibt, nur der ist todt. Wer aber nur unter der Wucht der Martern zeitweise ihn verleugnet hat, der ist nur halbtodt. Oder aber, wenn er ganz todt ist, wie kannst du ihm, der nicht mehr geheilt werden kann, auflegen, Bußwerke zu übernehmen? Wenn [S. 257] er halbtodt ist, dann gieße Oel und Wein in seine Wunden; Oel und Wein zugleich: zum Heilen, aber zum schmerzhaften Heilen. Ja, lade ihn nur auf dein Lastthier, übergib ihn dem Wirthe, wende die beiden Münzen auf seine Heilung und beweise dich ihm als Nächster. Das kannst du aber nicht sein, wenn du nicht Barmherzigkeit an ihm übst: nur der kann als Nächster gelten, der nicht tödtet, sondern heilt. „Willst du sein Nächster sein,“ sagt Christus, „so gehe hin und thue deßgleichen.“

1: Philipp. 1, 29.
2: Die Samariter sind von der Landschaft, die sie bewohnen, so genannt (auch im hebräischen Texte einmal: IV. Kön. 17, 29 [= 2. Könige]). Sie selbst nannten sich aber שֹׁמְרִים (Schomrim) „Hüter, Bewahrer“ des Gesetzes nämlich. Dieser Deutung folgt Ambrosius, wie andere Väter. So sagt Epiphanius adv. haer. lib. 1 haer. 9 ausdrücklich: „der Name bedeute „φύλακες“ [phylakes] Wächter, entweder, weil die Samariter als Wächter des Landes bestellt seien, oder weil sie die Wächter der Ordnung nach dem Gesetze des Moses seien“.

 

 

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Einleitung zur Schrift über die Busse
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger