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Gerhard Rauschen, Einleitung zur Apologie des Aristides. In: Frühchristliche Apologeten und Märtyrerakten Band I. Aus dem Griechischen und Lateinischen übersetzt von Dr. Kaspar Julius (Aristides); Dr. Gerhard Rauschen (Justin, Diognet); Dr. R.C. Kukula (Tatian); P. Anselm Eberhard (Athenagoras). (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 12) München 1913.
Einleitung zur Apologie des Aristides

1.

„Selig seid ihr, wenn euch die Leute schmähen und verfolgen und euch alles üble nachreden meinethalben; freuet euch und frohlocket, denn euer Lohn ist groß im Himmel“ 1. Den Trost dieses Herrenworts sollten die Christen nur zu bald erfahren, zuerst auf palästinischer Erde und nach wenigen Jahrzehnten in fast allen Provinzen des Römerreichs, wohin die von der Synagoge bitter gehaßte „Nazarenersekte“ 2 sieghaft vorgedrungen war. Den Jüngern sollte es nicht besser ergehen als dem Meister 3. Das bestätigen uns namentlich die Schicksale des Völkerapostels, an dem sich buchstäblich die Mahnung Jesu bei Matth.10, 17 f. erfüllte. Dieser kühne Herold des Evangeliums hatte schon in Athen den wohlfeilen Spott epikureischer und stoischer Philosophen herausgefordert 4. Mehr als diese Weltweisen dürften aber von Anfang an die kynischen Sittenprediger gegen die zunehmenden Erfolge christlicher Propaganda geeifert haben, hatten es doch gerade auch sie auf die Gewinnung der unteren Volksschichten abgesehen 5. Ernstere literarische Bekämpfung des Christenglaubens scheint indes erst in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts eingesetzt zu haben; es sei weniger an den epikureischen Sophisten Lukian von Samosata als an seinen Freund, den eklektischen Platoniker Kelsos, erinnert. Neben etwaigen Schmähflugschriften mochten die Spott- und Lästerreden jüdischer Rabbis 6 und heidnischer Priester, verschmitzter Zauberer und Zeichendeuter, eingebildeter Philosophen und Rhetoren, [S. 4] gewinnsüchtiger Künstler und Händler 7 vollauf genügen, die öffentliche Meinung allmählich derart gegen die Christen einzunehmen, daß, wie Tacitus 8 berichtet, ein Nero es wagen durfte, sich an den ausgesuchten Todesqualen einer „Riesenzahl“ christlicher Opfer zu weiden. Von den „Schandtaten“ freilich, wodurch sich die Anhänger solch „verderblichen Aberglaubens“ 9 allgemein verhaßt machten, weiß der römische Geschichtsschreiber nur ihren „Haß gegen die menschliche Gesellschaft“ namhaft zu machen, ein Vorwurf, der sich aus der zurückgezogenen und schlichten Lebensart der Christen inmitten einer „im Bösen liegenden Welt“ 10 hinlänglich erklärt, der sich aber wohl auch gegen die Zurückhaltung der Christen von Staatsämtern und -handlungen wendet, die aufs engste mit dem Polytheismus verquickt waren. Jedenfalls erschienen seit Domitians 11 letzten Regierungsjahren die Christen, die als „wahrhaftige Anbeter Gottes in Geist und Wahrheit“ 12 die nationalen Götter als verderbliche Dämonen 13 verabscheuten, wie auch dem Kaiser als dem „gegenwärtigen Gott“ nicht opferten, als Gottesleugner 14, Reichsfeinde, Majestätsverbrecher 15. Dazu kommt, daß nicht nur die leichtgläubige, fanatisierte Menge, sondern auch Gebildete 16 die geheime eucharistische Feier für Ritualmord, die christlichen Liebesmahle für schamlose Orgien hielten. So konnte Athenagoras 17 zusammenfassend schreiben: „Drei Anklagepunkte bringt man wider uns vor: Atheismus, thyesteische Mahlzeiten, ödipodeische Vermischungen 18. Soll man sich da wundern, wenn schon der [S. 5] Name „Christ“ in weitesten Kreisen anrüchig ward und die bloße Zugehörigkeit zum Christentum als Staatsverbrechen betrachtet wurde, zumal da nach dem Briefe des jüngeren Plinius 19 an Kaiser Trajan „der verkehrte, maßlose Aberglaube“ bereits ums Jahr 112 eine ganz ungeahnte, die römischen Behörden allmählich beunruhigende Verbreitung gefunden hatte? In seinem Antwortschreiben untersagte der Kaiser allerdings das Aufspüren und die anonyme Anzeige der Christen und verfügte, daß wer immer den Glauben abschwöre und die heidnischen Götter anflehe, Verzeihung erlangen solle. War somit offiziell das christliche Bekenntnis auch nicht als gemeines Verbrechen gewertet, so mochte doch das treue Festhalten daran mit dem Tode bestraft werden, mit andern Worten: der standhafte Christ konnte rein um seines Namens 20 willen hingerichtet werden, während der feige Apostat begnadigt wurde. Diese Entscheidung blieb für die Folgezeit in Kraft, und auch Kaiser Hadrian verbot (um 125) in seinem Reskript an Minucius Fundanus 21 nur die falsche Anklage und tumultuarische Hinrichtung der Christen. So unsicher war also die Lage der Christenheit, als die ersten literarischen Kämpen für christliche Religion und Sitte auf den Plan traten.

1: Matth. 5, 11; vgl. Luk. 6, 22.
2: Apg. 24, 5. 14. 28. 22.
3: Matth. 10, 24 f. Joh. 15, 18 ff.
4: Apg. 17, 18.
5: So war der Kyniker Crescenz der grimmigste Gegner Justins (Apol. II 3); vgl. Tatian 19.
6: Vgl. Justin, Dial. 17. 108. 117.
7: Vgl. schon Apg. 19, 24ff.
8: Annal. XV 44.
9: Vgl. auch Sueton, Vita Neronis 1.
10: 1 Joh. 5, 19.
11: Dio Cassius, Hist. Rom. 67, 14.
12: Joh. 4, 23.
13: Vgl. Aristides IX 9.
14: Justin, Apol. 1 5 f.
15: Tertull., Apol. 10, 1.
16: So noch der Lehrer Mark Aurels, der afrikanische Rhetor Fronto; s, Minucius Felix, Oct. 9, 6.
17: Bittschr. 8.
18: Von Aristides XVII 2 nur angedeutet.
19: Epist. X 96.
20: Vgl. zu Aristides XV 8.
21: Justin, Apol. I 68, 6-10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger