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Gerhard Rauschen, Einleitung zur Apologie des Aristides. In: Frühchristliche Apologeten und Märtyrerakten Band I. Aus dem Griechischen und Lateinischen übersetzt von Dr. Kaspar Julius (Aristides); Dr. Gerhard Rauschen (Justin, Diognet); Dr. R.C. Kukula (Tatian); P. Anselm Eberhard (Athenagoras). (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 12) München 1913.
Einleitung zur Apologie des Aristides

8.

Zu umgehen ist auch nicht die Frage: wurde Aristides seinerseits von späteren Schriftstellern, Christen oder Nichtchristen, benutzt ? Wie dankbar wären wir, angesichts der mangelhaften Überlieferung, Freund wie Feind für reichliche Zitate! Solche besitzen wir aber leider nicht, sondern wieder nur Anklänge, die eine Kenntnis unserer Apologie bestenfalls nur wahrscheinlich machen. Durchweg mit Aristides verwandt erscheint der Brief an Diognet; vgl. nur 1 (XVI 4). 2,2.7 (III 2). 3,4 (I 4). 5 (I 6). 6, 7 (XVI 6). 8, 5 (XIII 3). Dagegen hat sich [S. 22] die Behauptung des Hieronymus 1, Justin habe den Aristides nachgeahmt, als unhaltbar erwiesen. Noch weniger lassen sich Spuren unseres Atheners bei späteren Apologeten entdecken 2. Ob insbesondere der syrische Pseudo-Meliton 3 auf die Apologie anspielt, dünkt mich ebenso zweifelhaft, wie deren Berücksichtigung durch den vielbelesenen Platoniker Kelsos in seinem „Wahren Wort“ 4. Scheint auch die schlichte Aristides Apologie alsbald durch die Werke eines Justin, Athenagoras u. a. in den Hintergrund gedrängt worden zu sein, so erregte sie doch noch im fünften Jahrhundert das Interesse der Syrer und Armenier und wurde etwa ein Jahrhundert später, wenn auch verstümmelt, der Aufnahme in ein elegant geschriebenes Volksbuch gewürdigt. Literarischen Feinschmeckern bot sie freilich nichts 5. Ist doch unser Athener allem Attizismus abhold und befleißigt sich lediglich einer besseren Koine 6. Auch trug seine Lieblingslektüre nicht gerade zur Verfeinerung seiner Sprachform bei. Ob wenigstens der Inhalt seiner Wehr- und Streitschrift die von Orosius 7 behauptete günstige Wirkung für die Christen hatte, ist weiter geschichtlich nicht zu erweisen. Dies Zeugnis aber dürfen wir unserm Erstlingsapologeten ausstellen, daß er sich redlich mühte, um den gegen seine Glaubensgenossen erhobenen dreifachen Vorwurf zu entkräften: den des Atheismus durch den Beweis dessen, daß die Christen vielmehr einzig die wahre Gottes-Idee und -Verehrung haben; den des „Hasses [S. 23] gegen die menschliche Gesellschaft“ durch den Hinweis auf die christliche Nächstenliebe; den des orgiastischen Kults 8 durch Hervorhebung der christlichen Sittenreinheit. Die Schranken der Arkandisziplin wagte er freilich nicht, wie bald darauf Justin 9, zu durchbrechen. Der Dogmatiker 10 mag ihm aber für die christologischen, bezw. soteriologischen Stellen in K. II, der Kirchenhistoriker für die lebendige Sittenschilderung in den K. XV-XVII Dank wissen.

„So ist uns denn diese älteste Apologie nicht nur ein wertvolles, sondern ein geradezu rührendes Dokument aus dem alten Christentum, das noch schwach und ungelenk und doch schon so zukunftsicher den Streit mit dem Gegner beginnt. Wer seinen Tertullian, seinen Augustin liest und sich von dem verhaltenen und nur in einzelnen Donnertönen hervorbrechenden Grimm des einen, von der überwältigenden Schöpferkraft des andern Afrikaners bis ins Mark erschüttern läßt, der soll nicht vergessen, wo dieses Wesens Wurzeln ruhen, und soll, wenn dies nicht zu seinem Gemüte spricht, doch in seinem Geiste den Anfängen der Apologetik und ihrer Bedeutung Gerechtigkeit widerfahren lassen“ 11.

Zum Schlusse sei mir noch ein Wort zu meiner Übersetzung gestattet. Sie beruht, wie schon erwähnt, wesentlich auf S; dabei habe ich aber nicht nur durchweg den überkommenen griechischen Text berücksichtigt, sondern auch sonst, freilich mit aller Vorsicht, versucht, zum Original durchzudringen. Bei aller Achtung vor dem überlieferten Wortlaut war ich aber bestrebt, eine wenigstens einigermaßen lesbare Verdeutschung 12 herzustellen. So oft etwas aus A und (von [S. 24] K. III an nur mehr aus) G Aufgenommenes in « » im Kontext erscheint, findet der Leser die syrische Entsprechung unterm Strich, so daß er also S ganz dargeboten erhält. In Fällen, wo ich es nicht wagte, bemerkenswerte griechische oder armenische Texte in die Rede aufzunehmen, sind diese in den Anmerkungen wiedergegeben 13. Verworfene Lesarten sind durch [ ], verdeutlichende Zusätze meinerseits durch ( ) gekennzeichnet. Die wenigen Sacherklärungen unterm Strich sollen fast ausschließlich nur meine Übersetzung rechtfertigen.

Alle wichtige Literatur ist schon im Laufe der Einleitung angeführt worden. Weitere s. etwa noch bei A. Ehrhard , Die altchristl. Literatur und ihre Erforschung von 1884-1900, I [Freib. i. B. 1900), S.203 ff.; O. Bardenhewer , Gesch. der altkirchl. Literatur I (ebd. 1902), S. 174 ff.; Dems., Patrologie 3. Aufl. (ebd. 1910), S. 37 f.

1: De vir. ill. 20; s, oben S. 6.
2: Die meist auf Justin beschränkten Hinweise im Folgenden sollen lediglich die oft recht dürftigen Ausführungen unseres ältesten Apologeten stützen bzw. illustrieren.
3: Oration to (M. Aurelius) Antoninus Caesar ed. W. Cureton: Spicilegium Syriacum (London 1855), p. 25. 42. 46. 50; s. Harris, l. c. p. 52 ff.
4: S. Harris, l. c. p. 20 ff., Robinson, ebd., p. 98 ff.
5: Hieronymus, a, a. 0., kann die glänzende Beredsamkeit des Aristides nur deshalb rühmen, weil er seine Apologie nicht gelesen hat.
6: S. Geffcken, a, a, 0., S. XXXVIII. 53.
7: S. oben, S. 6.
8: Vgl. die Andeutung XVII 2.
9: Apol. I 66.
10: Ein förmliches Glaubensbekenntnis des Aristides hat Harris (l. c., p. 25) abgefaßt.
11: Geffcken, a, a. 0., S. XXXIX.
12: Unter den bisher erschienenen Übersetzungen, die übrigens samt und sonders rein nach S gefertigt sind, scheint mir dieser Forderung am ehesten die von Raabe (s. oben S. 10) gerecht zu werden. Die von J. Schönfelder; für die Theol. Quartalschr. LXXIV (1892), 531 - 57, besorgte Übertragung ist zwar etwas ungleichmäßig, bietet aber in vielen Einzelheiten den treffendsten Ausdruck.
13: Dies schien mir vorerst der einzig gangbare Weg, obwohl, nach meinem subjektiven Empfinden, darunter manches, wie z. B. der Himmels- und der Mondabschnitt (zu IV 1 bezw. VI 6), Aufnahme verdiente.

 

 

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Einleitung zu:
Apologie (Aristides v. Athen (2. Jhd.))

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger