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Gerhard Rauschen, Einleitung zur Apologie des Aristides. In: Frühchristliche Apologeten und Märtyrerakten Band I. Aus dem Griechischen und Lateinischen übersetzt von Dr. Kaspar Julius (Aristides); Dr. Gerhard Rauschen (Justin, Diognet); Dr. R.C. Kukula (Tatian); P. Anselm Eberhard (Athenagoras). (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 12) München 1913.
Einleitung zur Apologie des Aristides

3.

Bei dem Preisgesang auf Aristides, der von Hieronymus angestimmt immer voller durch die Jahrhunderte erschallte, ist es begreiflich, daß der, wie es schien, endgültige Verlust seiner Apologie von den Freunden altchristlicher Literatur schmerzlich empfunden wurde. Ihnen sollte jedoch eine freudige Überraschung werden an der Neige des neunzehnten Jahrhunderts, das schon so viele kostbare Denkmäler des Altertums ans Licht gefördert. Im Jahre 1878 veröffentlichten nämlich die verdienten Mechitaristen von San Lazzaro aus einer Handschrift des zehnten Jahrhunderts das armenische Bruchstück einer Apologie mit der Überschrift: „An den Imperator Adrianus Caesar von dem athenischen Philosophen Aristides“ (A1), und von demselben Autor aus einem Kodex des zwölften Jahrhunderts eine Homilie: „Zum Rufe des Schächers und zu des Gekreuzigten Antwort“ (Luk.23, 42 f.), beiderlei Texte mit einer, allerdings wenig getreuen, lateinischen Übersetzung versehen 1. Etwas revidiert fügte diese P. Martin 2 seiner Neuausgabe der armenischen Stücke bei, die bereits von Fr. Sasse 3 und F. v. Himpel 4 verdeutscht worden waren. Martin konnte dazu aus einer Pariser Handschrift vom Jahre 1704 noch ein Bruchstück „Aus einem Briefe des Philosophen Aristides an alle Philosophen“ mitteilen 5. Das apologetische Fragment (mit unmittelbar folgender Homilie) entdeckte F. C. Conybeare auch in einem Kodex des elften [S. 8] Jahrhunderts zu Edschmiatzin (A2) 6; eine weitere Rezension desselben (A3) wurde von N. O. Emin ans Licht gezogen 7. Während nun Alter und Charakter der schwungvollen Homilie, wie des kurzen Brieffragments, bis heute umstritten sind 8, ist die Echtheit des apologetischen Stückes kaum je ernstlich bezweifelt worden.

Diese sollte alsbald eine glänzende Bestätigung erfahren, Im Frühjahr 1889 fand nämlich R. Harris in einer syrischen Handschrift (aus der Wende des sechsten zum siebten Jahrhundert) im Katharinenkloster auf dem Sinai die, wie es scheint, vollständige Apologie (S) unseres Philosophen und veröffentlichte sie erstmals im Jahre 1891 samt dem inzwischen von J. A. Robinson großenteils wieder entdeckten griechischen Urtext (G) 9. Robinson war nämlich zufällig darauf gekommen, daß der Verfasser 10 des im Mittelalter [S. 9] vielgelesenen „ Lebens des Barlaam und Joasaph 11 unsere Apologie als Rede des alten Nachor 12 verwendet hat. Dabei zeigte es sich, daß das armenische Stück (A) nur den grundlegenden und programmatischen Teil (K. I/II) der Aristides-Apologie bildet.

Indes sollte die erste Freude an den neuen Funden auch nicht ungetrübt bleiben. Zwar brauchte S (in den beiden Eingangskapiteln) den Vergleich mit A durchaus nicht zu scheuen, gab aber mit G verglichen genug der Rätsel auf. Schon der verschiedene Umfang beider Textzeugen mußte in die Augen springen, verhält sich doch S zu G etwa wie 3 : 2. Dazu die zahlreichen Verschiedenheiten im einzelnen! Vor allem mußte die Wahrnehmung verblüffen, daß zwar der Syrer in der einführenden literarischen Notiz unsere Apologie mit Eusebius und seinen Nachbetern an Kaiser Hadrian (117-38) gerichtet sein läßt, daß dann aber sofort Antoninus Pius (138-61) als Adressat erscheint 13. Als große Schwierigkeit stellte sich ferner die abweichende Disposition des Hauptteils heraus. Während nämlich S (mit A) in K.II 2 die Menschheit bezüglich ihrer Religion in vier Gattungen: Barbaren und Griechen, Juden und Christen einteilt, um dann (K. XII) auf die griechischen Göttersagen unerwartet die ägyptischen Heiligtümer folgen zu lassen, bietet G gleich anfangs eine doppelte, sachgemäße Dreiteilung: die Menschheit zerfällt in Heiden, Juden und Christen, von denen die erstgenannten sich wieder in Chaldäer, Griechen und Ägypter scheiden. Auch der Stoff ist mehrfach anders verteilt: die Abkunft der Juden beschreibt S in K. II 5, die Herkunft der Christen in K. II 6-8, während G [S. 10] damit K. XIV bezw. XV einleitet. Am meisten tritt jedoch, wie erwähnt, der Unterschied beider Rezensionen im Stoffumfang hervor. Der scheinbaren Wiederholungen überdrüssig unterdrückt allerdings zweimal auch S längere Abschnitte, so vor IV 2 den über den Himmel und nach IV 2 den über den Mond. Doch ist solche Bequemlichkeit entschuldbar gegenüber den vielen Zusammenziehungen und Auslassungen von seiten des Griechen. So weiß gerade dieser nichts von der Abstammung der Hellenen (II 4), nichts von Rhea und Kore (XI 5-6). Ja K. XIV und XV sind großenteils, K. XVI und XVII fast ausschließlich Sondergut des Syrers.

1: S. Aristidis philosophi Atheniensis Sermones duo, Venetiis 1878.
2: In J. B. Pitra's Analecta sacra IV (Parisiis 1883), 6-10, resp, 282- 286.
3: Zeitschr. f. kath. Theologie III (1879), S. 612-618.
4: Theol. Quartalschr. LXII (1880), S. 110-122.
5: Analecta, l.c., p. 11 resp. 286. Von mir wörtlich wiedergegeben zu Aristides II 6, etwas abweichend von Karapet in der Theol. Litztg. XIX (1894), S. 444.
6: Englisch in den Texts and Studies ed. by J. A. Robinson, Vol. I, 7, p. 30-33. Danach erscheint A2 wesentlich identisch mit A1.
7: Übersetzungen und Aufsätze zur armenischen geistlichen Literatur (Moskau 1897), S. 249-255 (russ.). Auch diese Rezension bietet für unsere Zwecke nichts Bemerkenswertes, abgesehen etwa von II 10.
8: Sind nämlich Th. Zahn (Forsch. zur Gesch. des ntl. Kanons etc. V 2 (1893), 415-487: Eine Predigt und ein apoleget. Sendschreiben des Aristides) und R. Seeberg (Der Apologet Aristides. Der Text seiner uns erhaltenen Schriften nebst einleitenden Untersuchungen über dieselben, Erl. u. Lpz. 1894, S. 8-25) für die Echtheit beider Stücke eingetreten, so hat im Anschluß an A. Harnack (Gesch. der altchristl. Literatur I (1898). S. 99) P. Pape (Die Predigt und das Brieffragment des Aristides auf ihre Echtheit untersucht = Texte und Untersuchungen zur Gsch. der altchristl. Lit. XII 2 (1895)) den Nachweis versucht, daß sie antinestorianisch-monophysitische Fälschungen des 6. Jahrh. sind. Ihm scheinen sich die meisten Forscher angeschlossen zu haben.
9: Texts and Studies I 1: The Apology of Aristides on hehalf of the Christians from a Syriac MS. preserved on Mount Sinai ed. with an Introduction and Translation by J. Rendel Harris. With an Appendix containing the main Portion of the original Greek Text by J. Armitage Robinson, 2d ed., Cambridge 1898.
10: Nicht der hl, Johannes von Damaskus (+ um 750), sondern ein Mönch Johannes im Sabbaskloster bei Jerusalem in der ersten Hälfte des 7. Jahrh.; vgl. K. Krumbacher, Gesch. der byzantin. Litt. 2 (München 1897), S. 887 f.
11: Migne, P. gr. 96, 859-1240.
12: Migne, ibd. 1108-24 (c. 26-27); ein zu Aristides VIII 2 gehöriger Satz ist allerdings in Barlaam u, Joasaph c. 7 (Migne 909) verwertet.
13: Mit dem Herausgeber des Syrers (p. 17) lassen darum jetzt so ziemlich alle Forscher unsere Apologie in den ersten Regierungsjahren dieses Kaisers, also um 140 entstanden sein.

 

 

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Einleitung zu:
Apologie (Aristides v. Athen (2. Jhd.))

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger