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Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Teppiche (Stromateis).
Siebtes Buch
VII. Kapitel

46.

1. Verständigerweise begehrt er also nichts von dem, was im Leben zu den notwendigen Bedürfnissen gehört; denn er ist überzeugt, daß der allwissende Gott den Guten [S. 52] das, was ihnen zuträglich ist, schenkt, auch wenn sie nicht darum bitten.1

2. Denn wie dem Kunstverständigen alle Dinge in einer der Kunst entsprechenden Weise und dem Heiden in einer dem Heidentum entsprechenden Weise zugeteilt werden, so wird, meine ich, auch dem Gnostiker alles in gnostischer Weise zugeteilt.

3. Und wer sich aus dem Heidentum bekehrt, der wird um den Glauben, wer aber noch weiter zur Erkenntnis emporsteigt, der wird um "die Vollkommenheit der Liebe"2 beten.

4. Und wenn der Gnostiker endlich den Gipfel erreicht hat, dann bittet er, daß die Fähigkeit vollkommenen Schauens sich bei ihm mehren und dauernd bei ihm bleiben möge, ebenso wie der gewöhnliche Mensch sich beständige Gesundheit wünscht.3

5. Indessen wird er auch darum bitten, daß er nie aus dem Stand der Tugend falle, wobei er mit aller Kraft mit dazu hilft, so zu werden, daß er nicht ins Wanken kommen kann.

6. Denn er weiß, daß es auch einigen der Engel, die infolge ihres leichtfertigen Sinns wieder auf die Erde herabgefallen waren,4 nicht mehr völlig gelang, sich aus einem Zustand, in dem sie sich ebensogut nach der einen wie nach der anderen Seite entscheiden konnten, wieder zu jener früheren, nur eine Richtung kennenden Haltung5 emporzuarbeiten.

7. Aber für den, der sich von hier unten durch Übung zu der höchsten Stufe der Erkenntnis und zu der noch darüber stehenden Höhe vollkommener Mannesreife6 aufgeschwungen hat, ist alles Zeitliche und Räumliche zum Vorteil; denn infolge der durchaus nur auf ein einziges Ziel gerichteten Festigkeit seiner Gesinnung hat er sich entschlossen, sein Leben ohne jede Veränderung zu führen, und übt sich darin.

8. Aber bei allen, bei denen noch ein sie belastendes Eck7 zurückgeblieben ist, das sie durch sein Gewicht herabdrückt,8 wird auch das, was durch den [S. 53] Glauben zur Höhe emporstrebt, mitherabgezogen.

9. Wer sich also durch gnostische Übung die Tugend zu einem unverlierbaren Besitz gemacht hat, dem wird sein Verhalten zu Natur, und wie für den Stein die Schwere, so wird für ihn das Wissen zu einer unverlierbaren Eigenschaft, und zwar nicht ohne seinen Willen, sondern auf Grund seines eigenen freien Entschlusses, durch die Macht des Denkens, der Erkenntnis und der sorgsamen Vorsicht.

1: Vgl. Mt 6,25-34.
2: Vgl. 1Joh 4,17.
3: Vgl. Strom. IV 23,3 mit Anm.
4: Vgl. Jud 6.
5: Vgl. Strom. VI 73,5.
6: Vgl. Eph 4,13.
7: Das Wort (xxx), das hier mit "Eck" übersetzt ist, hat zu manchen Änderungsvorschlägen Anlaß gegeben. Aber das Wort ist, wie Postgate gezeigt hat, richtig. Nach stoischer Auffassung gehört zu der Vollkommenheit der Welt das Kugelförmige, während das Eck oder jeder Winkel stört; vgl. besonders die Verse Ovid. Fast. 6,271 f.:
Ipsa volubilitas libratum sustinet orbem
Quique premat partes angulus omnis abest.
8: Vgl. Platon, Phaidros p. 247 B.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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