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Augustinus (354-430) - Ausgewählte Briefe (Erster Teil)
Zweites Buch. Briefe von Augustins Erhe­bung zur Bischofswürde bis zu seiner Disputa­tion mit den Donatisten und der Entdeckung der pelagianischen Irrlehre in Afrika (396—410).
XLIII. (Nr. 95.) An Paulinus und Therasia

4.

Werden denn nicht selbst die Aussprüche Gottes von uns mehr obenhin berührt als von Grund aus erfaßt? Fragen wir denn nicht bei der weit größeren Anzahl von ihnen mehr nach ihrem Sinne, als daß wir etwas Bestimmtes und Zuverlässiges wissen? Und so wenig Beruhigendes auch diese vorsichtige Unbestimmtheit hat, so ist sie doch weit besser als verwegene Behauptung. Wird nicht bei der Auslegung vieler Stellen ein Mann, der nicht mehr nach dem Fleische, was der Apostel als den Tod bezeichnet1, sein Urteil einrichtet, dem großes Ärgernis geben, der noch nach dem Fleische urteilt? Da ist es also höchst gefährlich, seine Ansicht zu sagen, „höchst beschwerlich, sie zu verschweigen, und ganz und gar verderblich, anders zu sprechen, als man denkt. Wenn uns nun an den Reden oder Schriften solcher, die der Kirche angehören, einiges nicht gefällt und wir im Glauben, dies gehöre zur Freiheit der brüderlichen Liebe, unser Urteil nicht verhehlen, wie schwer sündigt man dann gegen uns, wenn man glaubt, dies geschehe von uns nicht aus Wohlwollen, sondern aus Mißgunst! Und umgekehrt: wenn wir den Verdacht haben, daß die Tadler unserer Ansichten eher beleidigen als berichtigen wollen, wie schwer sündigen wir da gegen andere!2 Daraus entstehen ja bekanntlich öfter Feindschaften unter den vertrautesten und befreundetsten Personen, indem „sich einer für den anderen über das vorgeschriebene Maß gegen einen dritten wichtig macht“3; während sie sich so gegenseitig beißen und verspeisen, ist zu fürchten, daß sie sich einander noch ganz aufzehren. „Wer wird mir also Flügel geben gleich der Taube, auf daß ich fliege und ruhe?“4 Vielleicht weil die Gefahren, in denen man sich gerade befindet, schwerer drücken als diejenigen, von denen man keine Erfahrung hat, vielleicht aber weil es sich wirklich so verhält, scheint mir jede Kleinmütigkeit und jeder Sturm in der Wüste weniger lästig zu sein als das, was wir unter den Leuten erdulden oder fürchten.

1: Röm. 8, 5 und 6.
2: Offenbar denkt der hl. Augustinus hier an den Streit des hl. Hieronvmus mit Rufinus.
3: 1 Kor. 4, 6.
4: Ps. 54, 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger