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Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Teppiche (Stromateis).
Siebtes Buch
VI. Kapitel

33.

1. Von einer solchen Anschauung aus enthalten sich auch vor allem die Juden des Schweinefleisches in der Überzeugung, daß dieses Tier verabscheuenswert ist, weil es am meisten von allen Tieren die Getreidesaaten aufwühlt und verdirbt.1 Wenn man aber einwendet, daß die Tiere den Menschen gegeben seien, so stimmen auch wir dem zu, aber sie sind nicht durchweg zum Essen gegeben und auch nicht alle, sondern nur die, die keine Arbeit verrichten.

2. Deshalb sagt der Lustspieldichter Platon in seinem Stück "Die Feste" nicht übel:
"Von den Vierfüßlern sollten wir in Zukunft keins
Mehr schlachten als nur Schweine; denn das Schweinefleisch
Schmeckt ausgezeichnet, und nichts liefert uns das Schwein
Als Schweineborsten und den Mist und sein Gegrunz."2

3. Deshalb sagte auch Aisopos nicht unrichtig, daß die Schweine am lautesten schreien, wenn sie fortgeschleppt werden; denn sie seien sich bewußt, daß sie zu nichts anderem brauchbar seien als zum Geschlachtetwerden.3 Deshalb sagt auch Kleanthes, daß sie die Seele an Stelle von Salz in sich hätten, damit ihr Fleisch nicht verderbe.4

4. Die einen essen also das Schwein, weil es sonst keinen Nutzen bringt, die andern aber essen es nicht, weil es die Saaten verwüstet, und wieder andere, weil dieses Tier leidenschaftlich auf Begattung aus ist.5 Deshalb läßt das Gesetz auch den Bock nicht als Opfer verwenden, außer [S. 40] bei der Wegsendung der Sünden;6 denn die Mutterstadt des Lasters ist die Lust.7 Außerdem soll das Essen von Bockfleisch auch Fallsucht verursachen.

5. Man sagt aber, daß Schweinefleisch am leichtesten vollständig verdaut werde; deshalb ist es für die nützlich, die ihren Körper kräftigen wollen; dagegen ist es für die, welche sich um das Wachstum der Seele selbst bemühen, wegen der Trägheit, die die Folge der Fleischnahrung ist, nicht mehr nützlich.8

6. Vielleicht wird sich auch ein Gnostiker des Fleischgenusses enthalten, um sich in der Selbstbeherrschung zu üben und um sein Fleisch nicht lüstern auf Liebesgenuß werden zu lassen.

7. Denn "Wein und Überladung mit Fleisch", sagt Androkydes, "machen zwar den Körper stark, aber die Seele gar träge."9 Eine solche Nahrung ist daher ungeeignet, wenn man zu der Fähigkeit, scharf zu denken, gelangen will.

8. Deshalb gestatten auch die Ägypter bei ihren heiligen Handlungen den Priestern nicht, Fleisch zu essen, und genießen Hühnerfleisch, weil es am leichtesten verdaulich ist, essen aber keine Fische, einmal wegen gewisser von ihnen erzählten Sagen, vor allem aber, weil eine solche Speise das Fleisch schwammig mache.10

1: Vgl. Ovid. Fast. I 349 ff.; Metam. 15,122 f.
2: Vgl. Platon, Feste Fr. 28 CAF I p. 607 f.
3: Vgl. Aelian, Var. Hist. X 5.
4: Kleanthes Fr. 516 v. Arnim (Stoic. vet. fragm. I p. 116); vgl. Strom. II 105,2 mit Anm.
5: Vgl. Plut. Quaest. conviv. IV 5 p. 669 ff.
6: Vgl. Lev 16,10, wo die Septuaginta Asasel (Bezeichnung eines bösen Geistes) mit (xxx) übersetzt.
7: Sacra Par. 264 Holl; vgl. Paid. II 39,3 mit Anm.
8: Vgl. Plut. Moral. p. 995 D; 996 A.
9: Über Androkydes vgl. Hölk, De acusm. sive symbol. Pyth. p. 43; Freudenthal bei Pauly-Wissowa I 2149,49 ff. – Das gleiche Zitat steht ohne den Namen des Verfassers bei Plut. Moral. p. 472 B (= Stob. Flor. 21,16) und 995 E, ein Satz des Androkydes mit ähnlichem Inhalt auch bei Plinius, Nat. Hist. 14,58; vgl. auch ebd. 17,240; ferner Theopompos (FGH I 286) bei Athen. IV p. 157 D.
10: Vgl. Herodotos II 37; Plut. Moral. p. 353 D.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger