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Augustinus (354-430) - Ausgewählte Briefe (Erster Teil)
Zweites Buch. Briefe von Augustins Erhe­bung zur Bischofswürde bis zu seiner Disputa­tion mit den Donatisten und der Entdeckung der pelagianischen Irrlehre in Afrika (396—410).
XXXVII. (Nr. 73.) An Hieronymus

10.

Meiner Meinung nach hättest du überhaupt nicht zürnen können, wenn ich nicht etwas Unrechtes gesagt oder etwas Rechtes in unrechter Weise gesagt hätte. Denn ich wundere mich nicht, wenn wir uns selbst weniger kennen, als uns unsere innigsten und besten Freunde kennen. Ihrer Liebe übergebe ich mich, ich gestehe es, mit Leichtigkeit ganz und gar, besonders da die Ärgernisse der Welt mich ermüdet haben, und ohne jede Sorge beruhige ich mich hierbei: Denn ich fühle, daß Gott hier wohnt, dem ich mich mit Sicherheit überlasse und bei dem ich sicher ruhe. Auch fürchte ich bei dieser Sicherheit keineswegs jenen Ungewissen morgigen Tag, über den ich vorhin geseufzt habe1. Denn wenn ich weiß, daß ein Mensch von der Liebe Christi erglüht und mir durch sie ein treuer Freund geworden ist, so vertraue ich, was immer ich ihm von meinen Absichten und Gedanken mitteile, nicht ihm direkt an, insofern er ein Mensch ist, sondern dem, in dem er bleibt und durch den er das ist, was er ist. Denn „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“2. Hat jemand diese verloren, dann muß er ebensoviel Schmerz bereiten, als er Freude verursacht hatte, so lange er in ihr geblieben war. Wer aus einem Busenfreunde Feind geworden ist, mag immerhin sich manches mit Schlauheit zu erdichten suchen; nur darf er nichts finden, was er in seinem Zorne verraten könnte. Dahin kann es aber leicht ein jeder bringen, nicht dadurch, daß er verhehlt, was er begangen hat, sondern daß er nicht tut, was er verschwiegen haben möchte. Die Barmherzigkeit Gottes verleiht es den Guten und Frommen, daß sie unbeengt und sicher mit ihren Feinden, wer sie auch sein mögen, verkehren, die ihnen anvertrauten fremden Sünden nicht verraten und selbst nichts begehen, dessen Veröffentlichung sie zu scheuen hätten. Ersinnt dann ein Lästerer eine Lüge, so wird sie entweder gar nicht geglaubt, oder man leidet allein an der Meinung der Leute, während das Seelenheil durchaus ungefährdet bleibt. Geschieht aber etwas Böses, so haben wir den Feind im eigenen Busen, auch wenn es nicht durch die Schwatzhaftigkeit oder Streitsucht eines Busenfreundes ans Licht gezogen wird. Wer also sollte nicht einsehen, wenn er klug ist, wie geduldig du, von deinem guten Gewissen getröstet, die unerhörte Feindseligkeit deines einstigen besten Freundes und Genossen erträgst und sein Gerede und die etwa vorhandene üble Meinung einiger Leute mit den Waffen des linken Armes abwehrest, mit denen nicht weniger als mit den Waffen des rechten Armes gegen den Teufel gekämpft wird3. Jedoch würde ich es lieber sehen, wenn jener sich in seinen Worten mäßigte, als wenn du noch stärkere Waffen jener Art gebrauchtest. Es ist ein großes und trauriges Wunder, daß eine solche Freundschaft sich bis zu dieser Feindschaft entwickelt hat; ein freudiges und noch viel größeres Wunder wird es sein, wenn ihr von solcher Feindschaft wieder zur früheren Eintracht zurückkehrt.

1: Kapitel 6 gegen Ende.
2: 1 Joh. 4, 16.
3: Nach 2 Kor. 6, 7. wo Paulus von den Waffen der Gerechtigkeit zur rechten und linken Seite spricht Der hl. Augustinus versteht unter den Waffen zur linken Seite, auf welcher der Schild getragen wird, die Abwehr ungerechter Angriffe.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger