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Augustinus (354-430) - Ausgewählte Briefe (Erster Teil)
Erstes Buch. Briefe von Augustins Bekeh­rung (386) bis zu seiner Erhebung zum Bischof von Hippo (395).
XIV. (Nr. 23.) An Maximinus

1.

Bevor ich zur Sache selbst komme, wegen der ich deiner Wohlwollenheit zu schreiben beabsichtige, will ich in Kürze mich über die Aufschrift dieses Briefes aussprechen, damit weder du daran Anstoß nehmest noch sonst jemand „Herr“ habe ich dich genannt, weil geschrieben steht: „Zur Freiheit seid ihr berufen, o Brüder; doch soll die Freiheit nicht dem Fleische zum Anlasse dienen, sondern dienet einander durch Liebe!“1 Da ich nun gerade in diesem Briefe dir einen Liebesdienst erweise, so nenne ich dich nicht unpassend „Herr“ wegen unseres einen und wahren Herrn, der uns so befohlen hat. Wenn ich dich aber „geliebtester Herr“ genannt habe, so weiß Gott, daß ich dich nicht nur liebe, sondern so liebe wie mich selbst; denn ich bin mir wohl bewußt, daß ich dir ebenso Gutes wünsche wie mir selbst. Wenn ich dich auch „ehrwürdig“ genannt habe, so ist das nicht zu verstehen, als würde ich deine bischöfliche Gewalt anerkennen; denn für mich bist du kein Bischof. Doch fasse das bitte nicht als Beleidigung auf, sondern in dem Geiste der Wahrhaftigkeit, der in unserem Munde sein muß gemäß den Worten des Herrn, der verlangt hat, daß unsere Rede sei: „Ja, ja, nein, nein“2. Denn weder dir noch sonst einem Menschen, der uns kennt, ist es unbekannt, daß du so wenig mein Bischof bist als ich dein Priester. Ehrwürdig nenne ich dich also insofern, als ich weiß, daß du ein Mensch bist und daß der Mensch nach Gottes Bild und Gleichnis erschaffen und deshalb schon nach Recht und Ordnung der Natur ehrwürdig ist, vorausgesetzt, daß er durch Erkenntnis dessen, was zu erkennen ist, seine Ehre wahrt. Denn es steht geschrieben: „Der Mensch, da er in Ehre war, hat es nicht erkannt; er hat sich zu den unvernünftigen Tieren herabgewürdigt und ist ihnen ähnlich geworden“3. Warum sollte ich dich also nicht ehrwürdig nennen, besonders da ich an deinem Heile und an deiner Bekehrung nicht zu verzweifeln wage, so lange du noch am Leben bist? Wenn ich dich vollends Bruder nenne, so ist es uns, wie dir nicht unbekannt ist, von Gott geboten, auch zu denen, die uns nicht als Bruder betrachten, zu sprechen: „Ihr seid unsere Brüder.“ Und dies gilt besonders bei der Sache, wegen der ich an deine Brüderlichkeit schreiben wollte. Denn da ich nun über die Adresse meines Briefes Aufschluß gegeben, so höre freundlichst, was folgt.

1: Gal. 5, 13.
2: Matth. 5, 37 und Jak. 5, 12.
3: Ps. 48, 21.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger