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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Drittes Buch: Vom Verhältnis des Nützlichen zum Sittlichguten

IX. Kapitel

[S. 231] Die Kleriker sollen sich vor Habsucht (57), insbesonders vor Erbschleicherei hüten (58) und Vermittlungsdienste in Geldsachen ablehnen (59). Trotz Unrecht von seiten des Nächsten ist an der Norm des Sittlichguten gegen ihn festzuhalten. Beispiel Davids (60—62) und Naboths (63—65).

57. Das Häßlichste ist, wenn man keine Liebe zur Tugendhaftigkeit hat, gleichsam geschäftsmäßig sein Sinnen und Trachten voll Unruhe und Sorge auf niederen Erwerb aus gemeinem Handel richtet, im Herzen von Habsucht entbrennt, Tag und Nacht nach der Schädigung fremden Vermögens lechzt, seinen Geist nicht zum Glanz der Tugendhaftigkeit erhebt, seinen Sinn nicht auf die Schönheit wahren Lobes lenkt.

58. Daher die Erbschleichereien unter der Maske der Selbstlosigkeit und der Vornehmheit, doch im Widerspruch mit der christlichen Gesinnung. Denn alles, was künstlich herausgelockt und trügerisch ergattert wird, mangelt des Verdienstes der Ehrlichkeit. Selbst an denen, die keinen Kirchendienst übernommen haben, hält man Erbschleicherei für ungehörig1. Wer an seinem Lebensende steht, soll selbst die Entscheidung haben und frei nach Gutdünken seine letztwilligen Verfügungen treffen, indem er nachher nichts mehr gut machen kann. Wäre es doch sittlich unstatthaft, anderen die bezüglichen Beträge, die ihnen gebühren oder für sie ausgeworfen sind, zu hintertreiben; geziemt es doch einem Priester oder Kirchendiener, womöglich jedermann zu nützen, niemand zu schaden.

59. So empfiehlt es sich denn auch im Fall, daß man dem einen nicht nützen kann, ohne dem anderen zu schaden, lieber keinem zu helfen, als einem wehe zu tun. Es kann eben darum auch nicht Sache des Priesters sein, [S. 232] in Geldsachen die Mittlerrolle zu spielen. Es läßt sich nämlich dabei nicht vermeiden, daß häufig der Teil, der den kürzeren zieht, glaubt, er sei durch die Schuld des Mittlers unterlegen, und den Beleidigten spielt. Pflicht des Priesters ist es, keinem schaden, allen nützen zu wollen: das Können aber steht nur bei Gott. In einer Sache, in der das Leben auf dem Spiele steht, einem schaden, dem man in der Gefahr zu helfen verpflichtet ist, geht nicht ohne schwere Sünde ab. Dagegen in einer Geldsache sich Haß zuziehen wollen, wäre Unverstand. Für das Leben des Menschen sind schwere Opfer wohl am Platz; selbst einer Gefahr dafür sich zu unterziehen, ist ehrenvoll. An der eben aufgestellten Norm soll denn im Priesteramte festgehalten werden. Der Priester schade niemand, selbst wenn er gereizt und durch irgendein Unrecht gekränkt wurde! Ein edler Mensch, der da gesprochen hat: „Wenn ich denen, die mir Böses vergolten, wieder vergolten habe“2. Welcher Ruhm wäre es denn, einem nichts zuleid zu tun, der auch uns nichts zuleid getan hat?3 Das aber ist Tugend, wenn man als Beleidigter verzeiht.

60. Wie tugendhaft, daß David des Königs, seines Feindes, obwohl er ihm schaden konnte, lieber schonte!4 Wie vorteilhaft aber auch, weil es dem Nachfolger zugute kam, daß alle ihrem König Treue wahren, nicht anmaßend ihre Hand nach der Herrschaft ausstrecken, sondern sie achten lernten! So ward dem Sittlichguten der Vorrang vor dem Nützlichen, dem Nützlichen der Platz nach dem Sittlichguten eingeräumt.

61. Nicht genug, daß er desselben schonte. Er ging noch weiter und betrauerte und beweinte ihn bitterlich, da er im Kriege gefallen war, und klagte: „Ihr Berge von Gelboe, weder Tau noch Regen falle auf euch! Ihr Todesberge! Denn dort ward weggenommen die Schutzwehr der Helden, die Schutzwehr Sauls. Nicht mit Öl [S. 233] und dem Blute der Verwundeten und aus dem Fett der Kriegführenden wurde er gesalbt. Der Pfeil Jonathas kehrte nicht zurück und das Schwert Sauls nicht leer wieder. Saul und Jonathas, die Lieblichen und Liebsten, die Unzertrennlichen im Leben, wurden auch im Tode nicht getrennt. Leichter wie Adler, stärker wie Löwen waren sie. Töchter Israels, weinet über Saul, der euch zu eurem Schmuck hinzu mit Purpur kleidete; der eure Gewänder mit Gold besetzte! Wie fielen doch die Helden inmitten der Schlacht! Jonathas ward tödlich verwundet. Ich trauere über dich, Bruder Jonathas, ein Bild mir von unvergleichlicher Schönheit! Wie Frauenliebe war deine Liebe mir zuteil. Wie fielen die Helden und sind zunichte die Waffen, die begehrenswerten!“5

62. Welche Mutter würde ihr einziges Kind so beweinen, wie dieser seinen Feind beweinte? Wer würde einem Gönner so hohes Lob spenden, wie dieser es dem Gegner spendete, der nach seinem Haupte fahndete? Wie kindlich trauerte, wie innig seufzte er! Die Berge vertrockneten auf den Fluch des Propheten, und Gottes Kraft erfüllte des Fluchenden Spruch. So vollzogen die Elemente die Strafe für das Trauerspiel des Königsmordes.

63. Was aber soll man vom heiligen Naboth sagen? Was anders war die Ursache seines Todes als das Sittlichgute, das er im Auge behielt? Denn als der König von ihm den Weinberg forderte und Geld dafür anbot, wies er den Kaufpreis als eine Entehrung des väterlichen Erbes zurück und wollte einer solchen Schmach lieber mit dem Tode aus dem Wege gehen. „Das“, sprach er, „geschehe mir nicht vom Herrn, daß ich dir das Erbe meiner Väter gebe“6, das heißt: so große Schmach komme nicht über mich; Gott verhüte die Erpressung einer so großen Schandtat! Nicht von den Weinstöcken ist die Rede; denn nicht an den Weinstöcken liegt Gott [S. 234] und nicht an einem Stück Landes. Für das Recht der Väter tritt vielmehr sein Wort ein. Er hätte ja einen anderen Weinberg von denen des Königs nehmen und so dessen Freund bleiben können. In solcher Freundschaft pflegt man keinen geringen irdischen Gewinn zu erblicken. Doch was schändlich ist, so sagte er sich, ist offenbar nicht nutzbringend. Und er wollte lieber in Ehrenhaftigkeit Gefahr laufen, als einen Nutzen mit Schande erzielen. Den Nutzen im gewöhnlichen Sinn meine ich, nicht jenen, der zugleich den Vorzug des Sittlichguten in sich schließt.

64. Der König seinerseits hätte ja auch Erpressung üben können, aber er hielt sie für schamlos7. Aber auch den Getöteten bedauerte er8. Ebenso ließ der Herr ankündigen, daß sein unmenschliches Weib, das, des Sittlichguten vergessend, schändlichem Gewinn den Vorzug gab, die gebührende Strafe treffen sollte9.

65. Schändlich ist jeglicher Trug. So ist denn selbst im Kleinen falsches Gewicht und trügerisches Maß verabscheuungswürdig. Wenn man aber den Trug auf dem Verkaufsmarkte, bei Handelsgeschäften mit Strafe belegt, kann er im Tugenddienste als unsträflich erscheinen? Salomo ruft aus: „Zu großes und kleines Gewicht und doppeltes Maß sind unrein vor Gott“10. Auch im vorausgehenden warnte er: „Falsche Wage ist dem Herrn ein Greuel, das rechte Gewicht aber ist ihm genehm“11.

1: Vgl. Cic. l. c. 18, 74 f.
2: Ps. 7, 5 [Hebr. Ps. 7, 5].
3: Vgl. Matth. 5, 46 f.
4: 1 Kön. c. 24 [= 1 Samuel].
5: 2 Kön. 1, 21 ff. [= 2 Samuel].
6: 3 Kön. 21, 1 ff. [= 1 Könige].
7: 3 Kön. 21, 2 [= 1 Könige].
8: Vgl. 3 Kön. 21, 27 [= 1 Könige].
9: 3 Kön. 21, 23 [= 1 Könige]. Vgl. 4 Kön. 9, 33 ff. [= 2 Könige].
10: Sprichw. 20, 10.
11: Sprichw. 11, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger