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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Drittes Buch: Vom Verhältnis des Nützlichen zum Sittlichguten

VI. Kapitel

Fort mit Preistreiberei und Lebensmittelhinterziehung in der Zeit der Teuerung! Zurückweisung von Einwendungen und Beschönigungen (37—41). Wie straft sie der Patriarch Joseph durch sein Verhalten (42), Christus durch seine Parabel (43), Salomo durch sein Urteil Lügen (44)!

37. Nicht soll das Nützliche über das Sittlichgute, sondern das Sittlichgute über das Nützliche den Sieg davontragen. Ich meine unter dem Nützlichen das, was nach der gewöhnlichen Auffassung darunter verstanden wird. Habsucht soll ertötet werden, Begehrlichkeit ersterben. Ein Heiliger bekennt, sich deshalb nicht mit Handel befaßt zu haben, weil die höheren Preise, die man erstrebt, nicht die Frucht der Ehrlichkeit, sondern der Geriebenheit sind1. Und ein anderer spricht: „Wer [S. 223] nach Getreidepreisen Jagd macht, ist beim Volke verflucht“2.

38. Der Sinn steht fest. Er läßt für Wortstreit keinen Raum. Eine solche Art Wortgezänk pflegen die Sprüche zu sein, die der eine macht: der Ackerbau gelte doch bei allen für löblich; die Früchte der Erde wüchsen sonder Falsch; je mehr Mühe einer auf die Aussaat verwende, um so mehr Lob verdiene er; der fleißigeren Bewirtschaftung mangle es nicht an reichlicheren Erträgnissen; man pflege doch mehr die Nachlässigkeit und Sorglosigkeit, mit der man ein Land unbebaut lasse, zu tadeln.

39. Ich habe, macht man geltend, mit besonderem Fleiß gepflügt, mit besonderem Eifer angebaut und guten Ertrag geerntet, mit besonderer Sorgfalt ihn in die Scheuer gebracht, treu aufbewahrt, umsichtig behütet. Jetzt zur Zeit der Hungersnot verkaufe ich ihn, komme den Hungernden zu Hilfe; verkaufe nicht fremdes, sondern mein Getreide, nicht teurer als die übrigen, sondern sogar billiger. Wie kann da von Trug die Rede sein, da doch viele in Gefahr kommen könnten, wenn sie nichts zu kaufen hätten? Will man eifriges Wirtschaften zum Verbrechen stempeln? Will man die Rührigkeit tadeln? Will man die Fürsorglichkeit schelten? Vielleicht mag er einwenden: Auch Joseph sammelte Getreide in Fülle, verkaufte es in der Zeit der Teuerung. Will man einen zu noch teuererem Einkauf zwingen? Will man gegen den Käufer Gewalt anwenden? Jedem wird Gelegenheit zum Kaufe geboten, keinem geschieht Unrecht.

40. Gegen diese Ausführungen nun, wie sie jeder nach seiner Art vorbringt, erhebt sich ein anderer und spricht: Ja, gut ist der Ackerbau, der allen seine Früchte darbietet; der mit redlichem Fleiß die Fruchtbarkeit der Gefilde mehrt, ohne Trügerisches, ohne Falsches darein zu säen. Unstatthaftes irgendwelcher Art [S. 224] würde denn auch mehr Nachteil stiften. Denn nur wer die Saat gut bestellt, wird eine bessere Ernte erzielen; und wenn er lauteres Weizenkorn sät, wird er auch reinere, lautere Frucht einheimsen. Nur ein fruchtbarer Boden gibt vielfältig zurück, was er aufgenommen hat; nur ein tüchtiger Acker pflegt seine Erzeugnisse mit Zinseszins heimzuzahlen.

41. Du darfst nun vom Ertrag der ergiebigen Scholle deiner Mühe Lohn erwarten, von der Fruchtbarkeit des fetten Bodens die gebührenden Einkünfte erhoffen. Warum willst du das rege Schaffen der Natur in Trug kehren? Warum ihre Erzeugnisse, die für alle da sind, neidisch dem menschlichen Gebrauch entziehen? Warum deren Fülle dem Volk verringern? Warum heuchlerisch Mangel vorschützen? Warum bewirken, daß die Armen sich lieber Unfruchtbarkeit wünschten? Denn wenn sie wegen deiner Preistreiberei, wegen deiner Getreidehinterziehung vom Segen der Fruchtbarkeit nichts spüren, wünschen sie sich lieber keine Erzeugnisse als die Geschäfte, die du mit der allgemeinen Teuerung machst. Dir kommt die Getreidenot und der Lebensmittelmangel erwünscht, du bedauerst reichliche Bodenerzeugnisse, klagst über allgemeine Fruchtbarkeit, trauerst über volle Getreideschuppen, hältst dich auf der Lauer, so oft ein dürftigerer Ertrag, ein spärlicheres Wachstum einfällt. Freudig begrüßt du den Fluch, der deinen Wünschen lächelte, daß niemand die geringsten Erzeugnisse erzielte. Da ist deine Ernte gekommen, dir zur Wonne; da raffst du dir aus dem allgemeinen Elend deine Schätze zusammen. Und das heißt du wirtschaften, das nennst du Rührigkeit, was nur geriebene Schlauheit, listige Gaunerei ist! Und das nennst du Hilfeleistung, was nur nichtsnutzige Berechnung ist! Soll ich das Raub oder Wucher nennen? Wie beim Raub werden nur die günstigen Augenblicke erspäht, um als hartherziger, hinterhältiger Mensch in den ureigenen Besitz der Leute einzudringen. Man treibt den Wucherpreis hinauf und gefährdet dadurch in noch höherem Grade das Leben. Dir aber erwächst hundertfacher Ertrag aus der heimlich hinterzogenen [S. 225] Erntefrucht. Du hältst wie ein Wucherer das Getreide zurück und schraubst als Verkäufer dessen Preis in die Höhe. Wozu gegen jedermann die schlimm gemeinte Versicherung, die Hungersnot werde künftig noch größer, weil es angeblich keine Früchte mehr gebe; weil ein noch größeres Mißjahr folge? Dein Gewinst geht zu Schaden der Allgemeinheit.

42. Der heilige Joseph öffnete jedermann die Scheune, verschloß sie nicht. Es war ihm auch nicht um wucherische Getreidepreise zu tun, sondern um die Erschließung einer nachhaltigen Hilfsquelle. Für sich erwarb er nichts, sondern traf in fürsorglicher Anordnung Vorkehrung, wie sich auch für künftig die Hungersnot überwinden ließe3.

43. Ihr habt gelesen, wie der Herr Jesus im Evangelium einen solchen Getreidepreiswucherer bloßstellt. Sein Besitz trug ihm reiche Früchte ein, und gleichwohl sprach er, als wäre er in Nöten: „Was soll ich tun? Ich habe keinen Raum mehr, um etwas unterzubringen. Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen“4. Und doch konnte er nicht wissen, ob nicht seine Seele schon in der folgenden Nacht von ihm abverlangt würde. Er wußte nicht, was er tun solle; er schwebte in der ungewissen Angst, es möchten ihm die Lebensmittel ausgehen; die Scheunen faßten das Getreide nicht — und er glaubte darben zu müssen.

44. Mit Recht nun urteilt Salomo: „Wer das Getreide zusammenhält, wird es (fremden) Völkern hinterlassen“5, nicht den Erben, weil der Ertrag der Habsucht nicht in den Rechtsbesitz von Nachfolgern übergeht. Was nicht rechtmäßig erworben wird, wird wie vom Winde unter fremde Besitzer zerstreut, die es an sich reißen. Und er fügte bei: „Wer wucherisch das Getreide aufkauft, ist verflucht beim Volke; der Segen desselben [S. 226] aber ruht auf dem Haupte dessen, der es verteilt“6. Es schickt sich wohl, wie du siehst, den Getreideverteiler, nicht den Preisjäger zu machen. Es ist das kein Nutzen, bei dem das Sittlichgute mehr Einbuße als das Nützliche Zuwachs erhält.

1: Vgl. Ps. 71, 14 (nach LXX. It.) [Hebr. Ps. 72]. Cf. Cic. l. c. 12, 50—57.
2: Sprichw. 11, 26.
3: Gen. 41, 56 f.; 47, 13 ff.
4: Luk. 12, 17 f.
5: Sprichw. 11, 26.
6: Sprichw. 11, 26.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger