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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Drittes Buch: Vom Verhältnis des Nützlichen zum Sittlichguten

V. Kapitel

[S. 218] Der wahre Weise handelt auch im geheimen recht (29). Zum Beweis dessen bedarf es nicht der Erdichtung der Gygessage (30—32), sondern genügt der Hinweis auf wahre Begebenheiten aus der Geschichte Davids (33—34) oder des Täufers (35). Der wahre Jünger Christi führt ein verborgenes Leben (36).

29. Doch um nun auch in diesem Buche ein Ziel uns zu setzen, gleichsam einen Endpunkt für unsere Abhandlung, auf den wir mit unserem Satz, nur das Sittlichgute sei erstrebenswert, hinauszielen: so handelt der Weise in allem voll Aufrichtigkeit, ohne Trug, und tut, auch wenn er verborgen bleiben kann, nichts, worin er sich irgendwie in Schuld verstricken würde1. Denn eher als vor anderen, fühlt er sich vor sich selbst schuldig; und schwerer wiegt bei ihm die Beschämung vor dem Gewissen als jene, welche das Offenkundigwerden einer Schandtat mit sich führt. Das können wir nicht nur an erdichteten Fabeln, wie die Philosophen es bei ihren Besprechungen tun2, sondern an völlig wahren Beispielen von gerechten Männern aufzeigen.

30. Ich brauche also keinen Erdspalt erdichten, indem die Erde auf angebliche heftige Regenschauer hin zerriß und auseinanderbarst. Gyges soll hier nach Plato hinabgestiegen und auf jenes fabelhafte Roß aus Erz gestoßen sein, das an seinen Seiten Türen hatte. Sogleich nach Öffnung derselben habe er einen goldenen Ring am Finger eines Toten bemerkt, dessen entseelter Leichnam daselbst lag, und aus Goldgier den Ring genommen. Da er sich aber zu des Königs Hirten, zu deren Zahl er selbst gehörte, zurückbegeben hatte, sah er, als er einmal zufällig die Fassung jenes Ringes nach der flachen Hand gedreht hatte, seinerseits alle, [S. 219] während er selbst niemand sichtbar war; sodann aber, als er den Ring an seinen Platz zurückgedreht hatte, ward er wiederum allen sichtbar. Mit diesem Wunder vertraut, nahte er mit Hilfe des Ringes der Königin und entehrte sie gewaltsam, tötete den König und ermordete die übrigen, die er töten zu müssen glaubte, um ihm nicht hinderlich im Wege zu stehen, und erlangte so das lydische Königreich.

31. Gib, so fordert man, diesen Ring einem Weisen, daß er im Fall eines Fehltrittes mit Hilfe desselben verborgen bleiben könne! Er wird die Befleckung der Sünde nicht weniger fliehen, als wenn er nicht verborgen bleiben könnte. Denn nicht der Schlupfwinkel, sondern die Schuldlosigkeit verbürgt dem Weisen die Zuversichtlichkeit seiner Straffreiheit. So ist denn auch „das Gesetz nicht dem Gerechten auferlegt, sondern dem Ungerechten“3. Denn der Gerechte hat zum Gesetz seinen Geist und zur Norm seine Rechtlichkeit und Gerechtigkeit. Darum hält er sich nicht aus Furcht vor Strafe, sondern kraft der Norm des Sittlichguten von Schuld fern.

32. So laßt uns denn, um auf unseren Gegenstand zurückzukommen, nicht fabelhafte Beispiele an Stelle wahrer, sondern wahre an Stelle fabelhafter vorführen! Wofür hätte ich denn vonnöten, einen Erdspalt, ein ehernes Roß und einen goldenen Ring zu erdichten, der am Finger eines Toten gefunden worden sei, einen Ring, dessen Kraft so groß sei, daß der, welcher ihn ansteckte, nach Belieben, wann er wolle, sichtbar erscheinen, wann er nicht wolle, dem Blick der Anwesenden sich entziehen könne, so daß er, obschon gegenwärtig, unsichtbar bleibe? Auf die Frage zielt doch die Fabel ab, ob der Weise auch dann, wenn ihm jener Ring zur Verfügung stünde, mit dem er seine Schandtaten verbergen und eine Krone gewinnen könnte, gleichwohl nicht sündigen wollte und die verbrecherische Befleckung für schlimmer halten würde als die qualvollen [S. 220] Strafen hierfür; oder aber ob er die Straflosigkeit, die in Aussicht stünde, zur Begehung eines Verbrechens ausnützen würde. Was hätte ich, so wiederhole ich, einen erdichteten Ring vonnöten, da ich aus der Geschichte zeigen kann, wie ein weiser Mann, da er sah, daß er im Fall der Versündigung die Möglichkeit nicht bloß zum Verborgenbleiben in der Sünde, sondern auch zur Erlangung der Herrschaft hatte, während er umgekehrt im Fall der Nichtbegehung des Verbrechens augenscheinlich für sein Leben Gefahr lief, lieber zur Meidung des Verbrechens die Lebensgefahr der Schandtat vorzog, mit der er sich die Herrschaft hätte verschaffen können?

33. David nämlich hat, als er vor König Saul floh, weil der König mit auserlesenen dreitausend Mann in der Wüste ihm nach dem Leben strebte, nicht bloß seinerseits dem Könige, als er in dessen Lager eindrang und ihn schlafend antraf, nichts zuleide getan, sondern ihn sogar geschützt, daß er von keinem anderen, der zugleich eingedrungen war, ums Leben gebracht würde4. Denn als Abisai zu ihm sprach: „Heute hat der Herr deinen Feind in deine Hände geliefert, und nun will ich ihn töten“5, erwiderte er: „Vernichte ihn nicht; denn wer wird an den Gesalbten des Herrn seine Hand legen und rein bleiben?“6 Und er fügte bei: „So wahr der Herr lebt, wenn der Herr ihn nicht schlägt, oder wenn seine Stunde nicht gekommen ist, daß er sterbe, oder wenn er nicht in den Kampf geht und mir sich gegenüberstellt, so bewahre mich der Herr, daß ich meine Hand an den Gesalbten des Herrn lege“7.

34. So ließ er denn nicht zu, daß man ihn tötete, sondern nahm nur die Lanze zu seinen Häupten und das Trinkgefäß hinweg. Während alle schliefen, verließ er das Lager, ging hinüber auf die Spitze eines [S. 221] Berges und begann die Trabanten des Königs und allen voran dessen Kriegsobersten Abner zu beschuldigen, daß er seinem König und Herrn so gar keine treue Wache angedeihen lasse; er möge ferner zeigen, wo die Lanze des Königs und das Trinkgefäß zu dessen Häupten wären. Und er gab sogar auf die Aufforderung des Königs die Lanze zurück8. „Und der Herr“, so fügte er hinzu, „vergelte jedem seine Gerechtigkeit und seine Treue, so wie der Herr dich heute in meine Hände gegeben hat, und ich meine Hand nicht an den Gesalbten des Herrn legen wollte“9. Während er dies sprach, mußte er doch dessen Nachstellungen fürchten, seinen Wohnsitz mit der Verbannung vertauschen und fliehen. Und dennoch ging ihm sein Wohl nicht über seine Schuldlosigkeit. Er hatte, obschon sich ihm bereits zum zweiten Mal die Möglichkeit bot, den König zu töten, die vorteilhafte Gelegenheit nicht benützen wollen, die ihm, dem Fürchtenden, die Sicherheit des Lebens, dem Verbannten die Königskrone bot.

35. Wo bedurfte Johannes des gygeischen Ringes? Hätte er geschwiegen, wäre er von Herodes nicht getötet worden10. Sein Schweigen hätte ihm den Vorteil gebracht, am sichtbaren Leben zu bleiben und nicht ermordet zu werden. Weil er aber nicht bloß keine persönliche Sünde zum Schutz seines Lebens zuließ, sondern nicht einmal eine fremde Sünde dulden und ertragen konnte, darum beschwor er selbst die Ursache zu seiner Ermordung herauf. Sie, die von jenem Gyges leugnen, daß er dank jenem Ringe verborgen bleiben konnte, können sicherlich nicht leugnen, daß jener die Möglichkeit hatte, zu schweigen.

36. Aber entspricht auch der Fabel keine Wirklichkeit, hat sie doch den Sinn, daß der Gerechte, ob er auch verborgen bleiben könnte, dennoch die Sünde meidet, als könnte er nicht verborgen bleiben; und daß er, [S. 222] wenn nicht mit dem Ringe angetan, seine Person, so doch, mit Christus angetan, sein Leben verborgen hält nach des Apostels Wort: „Unser Leben ist mit Christus verborgen in Gott“11. Niemand suche denn im Diesseits zu glänzen! Niemand maße sich etwas an! Niemand poche auf sich! Christus wollte hier keine Anerkennung, wollte nicht, daß sein Name im Evangelium gepriesen werde, solange er auf Erden weilte. Er kam, um vor dieser Welt sich zu verbergen12. So laßt denn auch uns nach dem Beispiel Christi unser Leben verborgen halten! Laßt uns Prahlerei fliehen, nicht nach Lob haschen! Besser ist es, hier in Niedrigkeit, dort in Herrlichkeit zu sein. „Wenn Christus erscheint“, so heißt es, „dann werdet auch ihr mit ihm erscheinen in Herrlichkeit“13.

1: Der gleiche Gedanke Cic. l. c. 8, 37.
2: Die folgende Gygessage, dem Plato entnommen, bei Cic. l. c. 9, 38.
3: 1 Tim. 1, 9.
4: 1 Kön. 26, 1 ff. [= 1 Samuel].
5: 1 Kön. 26, 8 [= 1 Samuel].
6: 1 Kön. 26, 9 [= 1 Samuel].
7: 1 Kön. 26, 10 f. [= 1 Samuel].
8: 1 Kön. 26, 12 ff. [= 1 Samuel].
9: 1 Kön. 26, 23 [= 1 Samuel].
10: Vgl. Matth. 14, 1 ff.
11: Kol. 3, 3.
12: Vgl. Matth. 8, 4; 9, 30; 12, 16 ff.; 17, 9. Joh. 6, 15.
13: Kol. 3, 4.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger