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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Drittes Buch: Vom Verhältnis des Nützlichen zum Sittlichguten

IV. Kapitel

Jede Benachteiligung des Nächsten ist ein Verstoß gegen das natürliche (24—26) und christliche Sittengesetz (27—28). (Forts.)

24. Daraus folgt nun, daß der Mensch, der in seiner natürlichen Anlage die Weisung trägt, der Natur zu folgen, unmöglich dem Nächsten schaden darf; daß der Vorteil, den er zu erlangen glaubt, wenn er einen schädigt, die Natur verletzt und nicht so groß ist als der Nachteil, der ihm daraus ersteht. Welch schwerere Strafe gäbe es denn als ein wundes Gewissen im Innern? Welch strengeres Gericht als das eigene, kraft dessen jeder sich vor sich selbst schuldig weiß, sich selbst anklagt, daß er in unwürdigem Verhalten dem Bruder Unrecht getan hat? Die Schrift verurteilt das nicht wenig scharf mit den Worten: „Aus dem Munde der Toren dringt die Rute der Schmach“1. Der Torheit [S. 216] wird sonach der Mensch geziehen, der Schmach zufügt. Ist das nicht mehr zu fliehen als der Tod, als Verlust, als Not, als Verbannung, als schmerzliche Krankheit? Wer wollte denn ein Leibesgebrechen oder einen Vermögensverlust nicht geringer anschlagen als ein Gebrechen der Seele oder die Einbuße des guten Namens?

25. So hat denn, wie sich klar ergibt, jedermann darauf zu sehen und daran festzuhalten, daß nur das, was der Gesamtheit nützt, zugleich dem einzelnen frommt, und darf nichts für vorteilhaft erachten, was nicht gemeinnützig ist. Wie könnte denn auch das, was allen zum Schaden ist, dem einzelnen von Nutzen sein? Ich wenigstens glaube nicht, daß einer, der der Allgemeinheit nicht nützt, sich selbst nützen kann. Denn wenn es nur ein Naturgesetz für alle gibt, dann gibt es doch auch nur einen Nutzen für alle; dann sind wir durch das Naturgesetz zur Sorge für alle verpflichtet. Wer also für den Nächsten, wie es naturgemäß ist, gesorgt wissen will, dem liegt es fern, ihm wider das Naturgesetz zu schaden.

26. Wenn die Kämpfer, die in der Rennbahn laufen, wie es heißt, derart geschult und angeleitet werden, daß jeder durch Schnelligkeit, nicht durch Übervorteilung das Ziel anstreben und durch möglichst flinkes Laufen dem Ziel entgegeneilen soll, ohne sich zu erdreisten, dem anderen ein Bein zu stellen oder mit der Hand ihn zu Fall zu bringen2: wieviel mehr müssen wir in diesem unseren Lebenslaufe ohne Trug und Übervorteilung des Nächsten den Sieg anstreben?

27. Manche werfen die Frage auf, ob ein Weiser, wenn er bei einem Schiffbruch einem Nichtweisen ein Brett entreißen könnte, es müsse3. Ich nun pflichte, ob es auch für das Gemeinwohl zweckdienlicher [S. 217] erscheinen mag, daß lieber ein Weiser als ein Unweiser dem Schiffbruch entgehe, gleichwohl nicht der Meinung zu, daß ein gerechter und weiser Christ sich sein Leben um den Preis des Unterganges eines anderen sich zu erhalten suchen soll. Darf er doch selbst im Fall, daß er einem bewaffneten Räuber in die Hand fällt, dem Schlagenden den Schlag nicht zurückversetzen, um nicht bei der Verteidigung seines Lebens die Liebe zu verletzen. Hierüber steht in den Evangelienschriften der klare und deutliche Ausspruch: „Stecke dein Schwert ein! Denn jeder, der mit dem Schwerte schlägt, wird mit dem Schwerte geschlagen werden“4. Wer wäre ein verabscheuungswürdigerer Räuber als der Häscher, der gekommen war, Christus zu töten? Doch Christus wollte sich nicht um den Preis der Verwundung seiner Verfolger verteidigen lassen: er, der durch seine Wunden alle heilen wollte.

28. Warum wolltest du dich denn für besser halten als den Nächsten? Ist es doch Christenart, dem anderen den Vorzug vor sich zu geben, nichts sich anzumaßen, keine Ehre für sich in Anspruch zu nehmen, keinen Preis für sein Verdienst sich zu verlangen. Ferner warum wolltest du es dir nicht zur Gepflogenheit machen, lieber eigenen Nachteil zu erleiden, als fremden Vorteil an dich zu reißen? Was wäre so naturwidrig, als mit dem eigenen Besitz nicht zufrieden zu sein, nach fremdem Gut zu streben, schimpflich danach zu fahnden? Denn ist das Sittlichgute naturgemäß — alles hat ja Gott überaus gut gemacht —, so ist doch das Schändliche das Gegenteil davon. Es läßt sich darum zwischen dem Sittlichguten und dem Schandbaren kein Bund eingehen, da sie sich nach dem Naturgesetze gegenseitig ausschließen5.

1: Sprichw. 14, 3.
2: Bei Cic. l. c. 10, 42 wird der Wortlaut der bezüglichen Anleitung des Stoikers Chrysippus (3. Jahrh. v. Chr.) angeführt, worauf der obige Text sich bezieht.
3: So Cic. l. c. 23, 89; vgl. 6, 29—31. Der Konflikt ist dem 6. Buch der Pflichtenlehre Hekatos (2. Jahrh. v. Chr.) entnommen.
4: Matth. 26, 52.
5: Vgl. Cic. l. c. 7, 33—8, 37.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger