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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Drittes Buch: Vom Verhältnis des Nützlichen zum Sittlichguten

XXII. Kapitel

Das Sittlichgute die Norm für die Freundespflichten (126), so für die Zeugenaussagen eines Freundes (127). Zu den Freundespflichten gehören vor allem Zurechtweisung (128), Offenherzigkeit, Zuvorkommenheit und Hilfsbereitschaft (129), ferner Opferwilligkeit (130— 131), Treue (132), Gleichgesinntheit (133), Liebe selbst bei Tadel und Uneigennützigkeit (134). Die Freundschaften zwischen Unbemittelten sind meist besser als die der Bemittelten (135). Freundschaft ein köstliches Gut. Ihr Band verknüpft den Menschen mit Gott und den Engeln (136), wenn er Gottes Gebote beobachtet, eines Sinnes mit ihm ist (137). Die fürbittende Kraft der Freundschaft (138). Schlußwort (139).

[S. 264] 126. Nichts also darf dem Sittlichguten vorgezogen werden. Daß man sogar im Interesse der Freundschaft nicht davon abgehen darf, auch das lehrt die Schrift über die Freundschaft. Von den Philosophen nämlich werden so manche Fragen aufgeworfen: ob einer aus Willfährigkeit gegen den Freund um des Freundes willen Anschläge wider das Vaterland machen dürfe oder nicht? Ob er in der Rücksicht und Absicht, dem Freunde Vorteile zu verschaffen, wortbrüchig werden solle?1

127. Wohl sagt die Schrift: „Keule und Schwert und ein eiserner Pfeil, so ist der Mensch, der falsches Zeugnis ablegt wider seinen Freund“2. Doch bedenke, was sie sagen will! Nicht die Zeugenaussage gegen den Freund, sondern nur das falsche Zeugnis tadelt sie. Denn wie? wenn jemand um der Sache Gottes willen, wie? wenn er um der Sache des Vaterlandes willen gezwungen wäre, Zeugnis abzulegen? Darf etwa die Freundschaft der Gottesfürchtigkeit, darf sie der Liebe zu den Mitbürgern vorgehen?3 Doch muß auch in diesen Fällen auf der Forderung der Wahrheit des Zeugnisses bestanden werden, damit nicht der Freund infolge der Treulosigkeit des Freundes gerichtlich belangt werde, statt durch dessen Treue losgesprochen zu werden. So darf denn der Freund einerseits dem schuldigen Freunde nicht zuhalten, andrerseits gegen den schuldlosen nicht hinterhältig sein.

128. Ist man wirklich, wenn man am Freunde einen Fehler gewahrt, als Zeuge hierüber zu sprechen gezwungen, übe man insgeheim Zurechtweisung. Will er nicht hören, weise man ihn offen zurecht. Denn Zurechtweisungen sind gut und so manchmal besser als stumme Freundschaft. Und sollte sich der Freund auch verletzt fühlen: du weis ihn dennoch zurecht! Und wenn das [S. 265] Bittere der Zurechtweisung seinem Herzen wehe tut: du weis ihn dennoch zurecht und fürchte nicht! Denn „erträglicher sind Freundeswunden als Schmeichlerküsse“4. Den irrenden Freund weis sonach zurecht, den unschuldigen Freund laß nicht im Stich! Denn die Freundschaft muß fest, in der Liebe beständig sein. Wir dürfen nicht nach Kinderart schwankenden Urteils die Freunde wechseln.

129. Öffne dem Freunde dein Herz, daß er dir treu sei, und du süße Lebenslabe von ihm schöpfest! Denn „ein treuer Freund ist Arznei des Lebens und Unsterblichkeitsgenuß“5. Komm dem Freunde wie deinesgleichen entgegen und schäme dich nicht, dem Freunde mit deinem Dienste zuvorzukommen! Denn die Freundschaft kennt keine Selbstüberhebung. Daher des Weisen Mahnung: „Einen Freund zu grüßen, schäme dich nicht!“6 Laß den Freund nicht im Stich und verlaß ihn nicht und versage ihm nicht deine Hilfe! Denn Freundschaft ist des Lebens Stütze. Laßt uns darum nach des Apostels Lehre unsere Lasten tragen!7 Denen schärft er es ein, welche das Liebesband des gleichen Leibes (der Kirche) verknüpft. Wenn der Freund im Glück dem Freunde hilft, warum soll nicht auch im Unglück des Freundes Hilfe dem Freunde bereitstehen? Helfen wir ihm mit Rat, bezeugen wir ihm unser Interesse, teilen wir das Leid mit ihm!

130. Tut es not, laßt uns auch herbe Opfer um des Freundes willen ertragen! So manchmal erheischt die Unschuld des Freundes Feindseligkeiten, oft Grobheiten auf sich zu nehmen, wenn man Widerstand oder Widerrede gegen Beschuldigungen und Anklagen wider den Freund betätigen soll. Laß dich solche Kränkung nicht verdrießen! Denn des Gerechten Stimme spricht: „Ob mir auch Schlimmes begegnet, ich ertrage es um [S. 266] des Freundes willen“8. Im Unglück bewährt sich ja der Freund; im Glück scheinen alle Freunde zu sein. Aber wie im Unglück des Freundes Dulden und Ertragen nottut, so geziemt sich im Glück Achtung, um den Übermut eines sich überhebenden Freundes zu dämpfen und zurechtzuweisen.

131. Wie schön fordert Job im Unglück: „Habt Erbarmen mit mir, Freunde, habt Erbarmen!“9 Das heißt nicht verzweifelt klagen, sondern seine Meinung sagen. Da er nämlich von den Freunden zu Unrecht getadelt wurde, entgegnete er: „Habt Erbarmen mit mir, Freunde!“ Das heißt: Barmherzigkeit solltet ihr üben; statt dessen bedrängt und bekämpft ihr einen Menschen, mit dessen Nöten ihr aus Freundschaft Mitleid haben solltet.

132. So wahret denn, Söhne, die Freundschaft, die ihr mit Brüdern eingegangen habt! Es gibt nichts Schöneres im Leben als sie. Sie ist ein Trost in diesem Leben. Du hast jemand, dem du dein Herz erschließen, dem du deine Geheimnisse mitteilen, dem du das Verborgene deines Herzens anvertrauen kannst; du gewinnst dir einen treuen Menschen, der sich im Glück mit dir freut, das Leid mit dir teilt, in Verfolgungen dir Mut zuspricht. Wie gute Freunde waren nicht die hebräischen Jünglinge, die nicht einmal die Flamme des Feuerofens von der gegenseitigen Liebe trennen konnte!10 Wir haben früher über diese Stelle gesprochen. Trefflich ruft der heilige David aus: „Saul und Jonathas, die Lieblichen und Lieblinge: unzertrennlich in ihrem Leben, wurden sie auch im Tode nicht getrennt!“11

133. Das ist die Frucht der Freundschaft. Nimmer darf dem Glauben um der Freundschaft willen Eintrag geschehen12. Denn niemand kann eines Menschen [S. 267] Freund sein, der Gott die Glaubenstreue bricht. Eine Hüterin der Liebe ist die Freundschaft und eine Lehrerin der Gleichheit. Der Höhere soll dem Niedereren, der Niederere dem Höheren gegenüber sich gleich fühlen. Denn bei Ungleichheit im Verhalten kann es keine Freundschaft geben; holde Übereinstimmung muß zwischen beiden herrschen. Dem Niedereren soll es, wenn es die Sache fordert, nicht an Ansehen, dem Höheren nicht an Demut fehlen: er höre ihn wie seinesgleichen, wie einen Altersgenossen an! Jener aber mahne, tadle als Freund, nicht in hochmütiger Absicht, sondern in liebevoller Gesinnung!

134. Die Mahnung soll nicht bitter, der Tadel nicht kränkend sein. Denn Freundschaft soll ebensosehr von Anmaßung sich frei halten als Schmeichelei fliehen. Was ist denn auch der Freund anders als ein Genosse der Liebe, an den man sein Herz hängt und schmiegt; mit dem man es so verschmilzt, daß man aus zweien eins machen möchte; dem man sich wie einem zweiten Ich anvertraut; von dem man nichts fürchtet, nichts Unrechtes um des eigenen Vorteils willen verlangt? Keine Geldquelle ist Freundschaft, sondern ein Füllhorn des Schicklichen, ein Füllhorn des Anmutigen. Eine Tugend ist die Freundschaft, keine Erwerbsquelle. Denn nicht um Geld, sondern um Liebe, nicht mit gesteigertem Preisangebot, sondern mit wetteiferndem Wohlwollen wird sie erworben.

135. So sind denn auch meist die Freundschaften zwischen Unbemittelten besser als die zwischen Vermöglichen. Und häufig haben Reiche keine Freunde, während Arme eine übergroße Zahl besitzen Denn es gibt keine Freundschaft, wo falsche Schmeichelei herrscht. Gerade die Reichen haben so gern ihre Liebediener, die ihnen schmeicheln: gegen den Armen spielt niemand den Heuchler. Jedes Entgegenkommen gegen den Armen beruht auf Wahrheit; die Freundschaft mit ihm erregt keinen Neid.

136. Was ist köstlicher denn Freundschaft, deren Band Engel und Menschen gemeinschaftlich verknüpft? [S. 268] Daher die Mahnung des Herrn Jesus: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, die euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen!“13 Gott selbst macht uns aus armseligen Dienern zu Freunden, wie er selbst beteuert: „Nunmehr seid ihr meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete“14. Er gab damit die Norm der Freundschaft, die wir zu befolgen haben: wir sollen dem Freund zu Willen sein; alle unsere Heimlichkeiten, die wir in der Brust tragen, dem Freunde erschließen und auch in seine Geheimnisse nicht uneingeweiht bleiben. Eröffnen wir ihm unser Herz, mag auch er uns das seinige erschließen. Daher „nannte ich euch Freunde“, versichert er, „weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe“15. Nichts verheimlicht der Freund, wenn er ein wahrer Freund ist. Er schüttet sein Herz aus16, wie der Herr Jesus es mit den Geheimnissen des Vaters machte.

137. Wer also Gottes Gebote beobachtet, der ist sein Freund und verdient diesen Ehrennamen. Wer eines Sinnes mit ihm ist, der ist sein Freund; denn Freunde haben nur einen Sinn. Und niemand ist verächtlicher, als wer die Freundschaft verletzt. Als das schwerste Unrecht am Verräter, dessentwegen er seine Ruchlosigkeit verurteilte, fand der Herr gerade dies, daß er nicht Wohlwollen mit Wohlwollen erwiderte und ins Gastmahl der Freundschaft das Gift des Übelwollens mischte. Daher sein Vorwurf: „Du aber, Mann eines Sinnes mit mir, mein Führer und Vertrauter, der du stets süße Speisen mit mir genossest!“17 Das heißt: das ist unerträglich, daß du, der eines Sinnes mit mir war, nun gegen den losgehst, der dir nur Wohlwollen geschenkt hatte. „Denn wenn mein Feind mich geschmäht hätte, hätte ich es immerhin ertragen; und vor meinem Hasser würde ich mich verbergen“18 Dem Feinde läßt sich aus dem Wege gehen, dem Freunde nicht, wenn er einem nachstellen will. Vor jenem, den [S. 269] wir in unsere Absichten nicht einweihen, können wir uns in acht nehmen, vor diesem nicht, den wir eingeweiht haben. Um daher das Gehässige der (Judas-) Sünde in seiner ganzen Größe zu zeigen, sprach er nicht: du aber, „mein Diener, mein Apostel“, sondern: „eines Sinnes mit mir“, das heißt: nicht mein, sondern zugleich dein Verräter bist du, nachdem du den verraten, der eines Sinnes mit dir war.

138. Der Herr selbst, ob auch von den drei Königen beleidigt, die dem Job kein Entgegenkommen gezeigt hatten, wollte ihnen lieber um des Freundes willen verzeihen. Die fürbittende Freundschaft sollte ihnen Sündenvergebung werden. Job flehte, und der Herr verzieh. Die Freundschaft frommte ihnen, während der Übermut ihnen schadete19.

139. Dies meine Hinterlage an euch, meine Söhne. Ihr sollt sie in eurem Herzen bewahren! Ob sie einigen Nutzen bringt, werdet ihr selbst erproben. Vorerst bietet sie eine große Menge Beispiele. Denn beinahe sämtliche Beispiele der Altvordern, dazu zahlreiche Aussprüche derselben sind in diesen drei Büchern enthalten. Mangelt auch der Rede jeglicher Schmuck, mag doch der Inhalt gleichsam mit seinem kurzen Abriß des (biblischen) Altertums recht viel des Belehrenden bieten.

1: Ambr. bezieht sich auf Cic. l. c. 10, 43—46, ergeht sich aber im folgenden, von ein paar (unten notierten) Wendungen abgesehen, in selbständigen Erörterungen.
2: Sprichw. 25, 18.
3: Vgl. Cic. l. c. 10, 43. 46.
4: Sprichw. 27, 6.
5: Sir. 6, 16.
6: Sir. 22, 31.
7: Gal. 6, 2.
8: Sir. 22, 32 (Vulg. 31).
9: Job 19, 21.
10: Dan. c. 3.
11: 2 Kön. 1, 23 [= 2 Samuel].
12: Vgl. Cic. l. c. 10, 43. 46.
13: Luk. 16, 9.
14: Joh. 15, 14.
15: Joh. 15, 15.
16: Vgl. Ps. 61, 9 [Hebr. Ps. 62, 9].
17: Ps. 54, 14 f. [Hebr. Ps. 55, 14 f.].
18: Ps. 54, 13 [Hebr. Ps. 55, 13].
19: Job c. 42.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger