Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Drittes Buch: Vom Verhältnis des Nützlichen zum Sittlichguten

III. Kapitel

Die Gleichförmigkeit mit Christus (15), ja der bloße Name Mensch (16), seine soziale Stellung als Glied der menschlichen Gesellschaft (17—18), Naturgesetz (19) wie göttliches (20) und staatliches Gesetz (21) verbieten, den Nächsten um des eigenen Vorteils willen zu benachteiligen (22—23)1.

15. Wer aller Wohlgefallen wünscht, suche nicht seinen Nutzen, sondern den der großen Mehrheit, wie ihn Paulus suchte. Denn das heißt Christus gleichförmig werden: nicht nach fremdem Gute auslangen, nichts vom Nächsten ergattern, um es sich anzueignen. Christus der Herr nämlich, da er doch in Gottes Gestalt war, entäußerte sich, so daß er Menschengestalt annahm2, um sie mit den Tugendschätzen seines Wirkens zu bereichern. Du nun willst den berauben, den Christus ausstattete? Du willst den ausziehen, den Christus bekleidete? Denn das tust du, wenn du zum Nachteil des anderen deine eigenen Glücksgüter zu mehren trachtest.

16. Bedenke, o Mensch, woher du deinen Namen bekommen hast! Von der Erde doch3, die niemand [S. 212] etwas nimmt, sondern allen alles gibt und allen Lebewesen ihre mannigfaltigen Früchte zum Genusse darbietet. Daher der Name Menschlichkeit für jene besondere, dem Menschen eignende Tugend, die sich dem Nebenmenschen hilfreich erweist.

17. Schon die Gestalt deines Leibes und die Tätigkeit deiner Glieder mag dich belehren. Maßt sich etwa ein Glied an dir die Dienste eines anderen an? Maßt sich das Auge den Dienst des Mundes, oder der Mund den Dienst des Auges, oder die Hand den Dienst der Füße, oder der Fuß den Dienst der Hände an?4 Ja selbst die rechte und die linke Hand haben vielfach ihre unterschiedlichen Dienste, so daß es naturwidrig wäre, würde man die Tätigkeit der beiden vertauschen. Eher ließe sich der ganze Mensch verkehren als die Dienste seiner Glieder: wenn man mit der Linken Speise nähme, oder mit der Rechten eine Tätigkeit der Linken verrichtete, wie die Beseitigung von Speiseresten, es würde denn der Notfall es erfordern.

18. Setze den Fall und gib dem Auge die Kraft, daß es dem Haupte den Sinn, den Ohren das Gehör, dem Geiste die Gedanken, der Nase den Geruch, dem Munde den Geschmack nehme und sich selbst aneigne: würde das nicht die ganze Anlage der Natur aufheben? Daher der schöne Ausspruch des Apostels: „Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo wäre das Gehör? Wenn der ganze Leib Gehör wäre, wo wäre der Geruch?5 Alle sind wir sonach ein Leib und dessen verschiedene Glieder6, doch alle dem Leibe notwendige Glieder. Denn es kann nicht ein Glied vom anderen sagen: es ist mir nicht vonnöten. Vielmehr sind sogar die anscheinend schwächeren Glieder weitaus die notwendigeren7 und erfordern zumeist die größere Sorgfalt für ihren Schutz. Und wenn ein Glied leidet, leiden alle mit ihm8.

[S. 213] 19. Wie sündhaft ist es also, einen irgendwie zu schmälern, mit dem wir Mitgefühl haben sollten, und einen zu hintergehen und zu schädigen, dem wir teilnehmenden Dienst schulden! Ist dies doch ein Naturgesetz, das uns zu jeglicher Menschlichkeit verpflichtet: Wir sollen gegenseitig, einer dem andern, als Glieder eines Leibes zu Diensten stehen und nicht glauben, uns irgendeine Schmälerung erlauben zu dürfen, nachdem schon das Nichthelfen wider das Naturgesetz verstößt. Denn also treten wir ins Leben, daß zwischen den Gliedern Übereinstimmung herrscht, eines dem anderen anhängt, in gegenseitiger Dienstleistung untereinander Willfährigkeit herrscht. Läßt es nur eines an seiner Verrichtung fehlen, werden alle anderen behindert. Risse beispielsweise die Hand das Auge aus, hätte sie sich nicht damit die Ausübung ihrer Tätigkeit abgeschnitten? Würde sie den Fuß verletzen, wie viele ersprießliche Handlungen würde sie sich selbst versagen! Wie unvergleichlich schlimmer wäre die Schädigung des ganzen Menschen als die eines Gliedes! Liegt nun in einem Gliede die Verletzung des ganzen Leibes vor, so wird auch in einem Menschen die Gemeinschaft der ganzen Menschheit untergraben: man verletzt die Natur des Menschengeschlechtes und die Gemeinschaft der heiligen Kirche, die durch die Einheit des Glaubens und der Liebe zu einem fest verbundenen und gefügten Leibe ersteht. Auch wird es Christus den Herrn, der für alle gestorben ist, schmerzen, wenn er den Preis seines Blutes vereitelt sieht.

20. Lehrt uns doch auch das Gesetz des Herrn selbst die Norm festhalten, den Nächsten nicht um des eigenen Vorteils willen zu benachteiligen, wenn es gebietet: „Verrücke die Grenzen nicht, die deine Väter gesetzt haben!“9; wenn es befiehlt, man solle das herumirrende Kalb seines Freundes zurückbringen10; wenn es auf Diebstahl die Todesstrafe setzt11; wenn es [S. 214] verbietet, den Taglöhner um den schuldigen Lohn zu betrügen12; wenn es die Rückzahlung des Geldes ohne Zinsforderung verlangte13. Dem Mittellosen zu Hilfe zu kommen, ist Menschlichkeit; Hartherzigkeit hingegen ist es, mehr zu erpressen, als man hingegeben hat. Denn wenn er deshalb deiner Hilfe bedurfte, weil er nicht imstande war, aus eigenen Mitteln eine Heimzahlung zu leisten: wäre es nicht gottlos, unter dem Scheine der Menschlichkeit von einem, der außerstande war, eine geringere Summe heimzuzahlen, eine größere zu fordern? Du willst einem anderen einen Schuldner vom Halse schaffen, um ihn zum eigenen zu verurteilen: und das willst du Menschlichkeit nennen, wo Unrecht auf Unrecht sich häuft?

21. Das haben wir vor den übrigen lebenden Wesen voraus, daß die einen Arten von ihnen nichts von einem Mitteilen wissen, die wilden Tiere aber auf Raub ausgehen, der Mensch mitteilsam ist. Daher des Psalmisten Wort: „Der Gerechte ist mitleidig und teilt aus“14. Wohl gibt es Wesen, denen auch die wilden Tiere etwas zutragen. Sie nähren ja durch Zutragen ihre Brut. Und auch die Vögel atzen ihre Jungen mit Speise. Dem Menschen allein aber war es verliehen, allen Nahrung zu reichen, als wären sie die Seinigen. Er schuldet das schon kraft des Naturgesetzes. Wenn nun schon ein Nichtgeben pflichtwidrig wäre, wie könnte eine Benachteiligung erlaubt sein? Belehren uns nicht auch die Gesetze hierüber? Verlangen sie doch in erhöhtem Maße Rückerstattung des Schadens, der einem unter persönlicher oder unter Sachverletzung zugefügt wurde, um so den Dieb, sei es durch Strafen von Schädigung abzuschrecken, sei es durch Geldbuße davon zurückzuhalten.

22. Nimm jedoch den Fall, es wäre einer imstande, vor Strafe sich nicht zu fürchten, oder über die Strafe sich lustig zu machen: wäre es deshalb für jemand [S. 215] geziemend, dem Nächsten etwas zu entwenden? Das wäre das Laster der Sklaven, heimisch im niedrigsten Stande, so naturwidrig, daß es scheinen möchte, daß mehr die Not hierzu nötigte, als die Natur riet. Sklavenart ist heimlicher Diebstahl, der Reichen Art öffentliche Erpressung.

23. Was aber wäre so naturwidrig, als die Schädigung des Nächsten um eines eigenen Vorteiles willen, da doch das natürliche Gefühl einem die Pflicht nahelegt, auf alle seine Sorge auszudehnen, für sie Beschwerden auf sich zu nehmen, der Mühe sich zu unterziehen; da es für jeden als rühmlich gilt, wenn er unter eigenen Gefahren für die Ruhe und den Frieden der Allgemeinheit eintritt; jeder es für viel edler erachtet, wenn er lieber den Untergang des Vaterlandes denn eigene Gefahren abwendete; es für vorzüglicher hält, daß er sein Wirken dem Vaterlande weihte, statt unter tausend Genüssen in Muße ein ruhiges Leben zu führen?

1: Vgl. Cic. l. c. III 5, 21—6, 29. Cicero findet die gleiche Forderung begründet 1) im Staatswohl, das kraft des Naturrechtes und Gesetzes sie erheben kann und muß (21—23); 2) in der natürlichen Bestimmung des Menschen, wonach der einzelne für die Gesamtheit sich hingeben muß (23 — 26); 3) in der Interessengemeinschaft des ganzen Menschengeschlechtes, das nun einmal neben- und miteinander zu leben hat (27—29). Bei Ambr. erfährt die Begründung mit dem Hinweis auf Christi Vorbild und Gottes Offenbarungswillen noch eine wesentliche Bereicherung und Vertiefung.
2: Phil. 2, 6 f.
3: homo (Mensch) — humus (Erde).
4: Vgl. 1 Kor. 12, 12 ff. Röm. 12, 5.
5: 1 Kor. 12, 17.
6: Vgl. 1 Kor. 12, 20.
7: 1 Kor. 12, 21 f.
8: 1 Kor. 12, 26.
9: Sprichw. 22, 28.
10: Exod. 23, 4.
11: Exod. 22, 2 f.
12: Lev. 19, 13.
13: Deut. 23, 19 f.
14: Ps. 36, 21 [Hebr. Ps. 37, 21].

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Von den Pflichten der Kirchendiener
Bilder Vorlage

Navigation
Erstes Buch: Vom Sittl...
Zweites Buch: Vom Nüt...
Drittes Buch: Vom Verh...
. . I. Kapitel
. . II. Kapitel
. . III. Kapitel
. . IV. Kapitel
. . V. Kapitel
. . VI. Kapitel
. . VII. Kapitel
. . VIII. Kapitel
. . IX. Kapitel
. . X. Kapitel
. . XI. Kapitel
. . XII. Kapitel
. . XIII. Kapitel
. . XIV. Kapitel
. . XV. Kapitel
. . XVI. Kapitel
. . XVII. Kapitel
. . XVIII. Kapitel
. . XIX. Kapitel
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger