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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Drittes Buch: Vom Verhältnis des Nützlichen zum Sittlichguten

XX. Kapitel

[S. 260] Vorbildlichen Eifer für das Sittlichgute und Schickliche bewiesen auch die vier Aussätzigen von Samaria im syrischen Lager (118—123).

118. Was Wunder auch, wenn dem Volke Gottes jenes Schickliche und Sittlichgute so am Herzen lag, da selbst Aussätzigen, wie wir in den Büchern der Könige lesen1, der Sinn für das Sittlichgute nicht fehlte?

119. Große Hungersnot herrschte in Samaria wegen der Belagerung durch das syrische Heer. Der König hielt voll Besorgnis Nachschau bei den Kriegswachen auf der Mauer. Da redete ihn ein Weib an und sprach: Diese Frau hat mich beredet, meinen Sohn herzugeben, und ich gab ihn her, und wir kochten und aßen ihn. Und sie gab ihr Wort, daß auch sie daraufhin ihren Sohn hergeben werde, und daß wir zusammen sein Fleisch essen würden. Jetzt aber versteckt sie ihren Sohn und will ihn nicht hergeben. Der König, tief ergriffen, daß die Frauen, wie er sah, nicht bloß von Menschen-, sondern von den durch eigene Mutterhand getöteten Kindesleichen sich nährten, und erschüttert über den Vorfall, der das schauerliche Elend beleuchtete, ließ dem Propheten Elisäus den Tod ankündigen2, weil er glaubte, es läge in dessen Gewalt, die Belagerung aufzuheben, die Hungersnot zu vertreiben; oder aber weil er dem König nicht gestattet hatte, die Syrer niederzumetzeln, die er mit Blindheit geschlagen hatte3.

120. Elisäus weilte bei den Ältesten in Bethel. Und bevor noch des Königs Bote zu ihm eintrat, sprach er zu den Ältesten: Habt ihr gesehen, daß der Sohn jenes Mörders (Achab) hergeschickt hat, mir das Haupt [S. 261] abzuschlagen? Da trat der Bote ein und überbrachte den Auftrag des Königs mit der Meldung, daß es sich augenblicklich um seinen Kopf handle. Der Prophet erwiderte ihm: Morgen um diese Stunde kostet das Maß Weizenmehl einen Sekel und zwei Maß Gerstenmehl einen Sekel am Tore Samarias. Und als der Königsbote das nicht glaubte und meinte, wenn der Herr Getreide in Überfluß vom Himmel regnen ließe, nicht einmal auf solche Weise wäre dies möglich, da sprach Elisäus zu ihm: Weil du nicht geglaubt hast, sollst du es mit deinen Augen sehen und nicht davon essen4.

121. Da plötzlich entstand im syrischen Lager eine Art Gerassel von vierspännigen Wagen und ein großes Geschrei von Reitern und das Geschrei eines großen Kriegsheeres und ein ungeheurer Schlachtenlärm. Da meinten die Syrer, der König von Israel habe den König Ägyptens und den König der Amorrhäer zur Teilnahme an der Schlacht herbeigerufen, und sie flohen bei Tagesanbruch und ließen ihre Zelte zurück aus Furcht, sie möchten durch die Ankunft der neuen Feinde überwältigt werden und den vereinten Streitkräften der Könige nicht widerstehen können. In Samaria wußte man nichts davon. Von Furcht übermannt und von Hunger erschöpft, wagte man sich solches nicht einmal zu denken5.

122. Es hielten sich aber am Stadttore vier Aussätzige auf, denen das Leben Qual und das Sterben Gewinn war6. Und sie sprachen zueinander: Sieh, wir sitzen hier und sterben. Betreten wir die Stadt, werden wir Hungers sterben; bleiben wir hier, erübrigt uns nichts zum Leben. Laßt uns ins syrische Lager gehen! Das wird entweder unser rascher Tod, oder aber unser Heil und unsere Rettung sein. Sie zogen also fort und betraten das Lager: und sieh, alles war leer von den Feinden. Sie gingen in die Zelte. Da fanden sie zunächst [S. 262] Nahrungsmittel und stillten damit ihren Hunger; hierauf nahmen sie Gold und Silber, soviel sie konnten. Und obwohl ihr Sinnen und Trachten nur der Beute galt, beschlossen sie doch, den König von der Flucht der Syrer zu benachrichtigen, weil sie das für ehrenhafter hielten, als die Anzeige zu unterdrücken und nur listigem Raube zu frönen7.

123. Auf diese Anzeige ging nun das Volk hinaus und plünderte das syrische Lager. Und der Vorrat der Feinde brachte Überfluß, schaffte wiederum billiges Getreide, und das Maß Weizenmehl kostete gemäß dem Worte des Propheten einen Sekel und zwei Maß Gerstenmehl den gleichen Preis. Bei diesem Freudentaumel des Volkes wurde jener Bote, auf welchen der König sich (beim Gehen) zu stützen pflegte, ans Tor gestellt. Da wurde er im Gedränge der hastig Hinausstürmenden und freudig Zurückkehrenden von den Leuten zertreten und starb8.

1: 4 Kön. c. 6 f. [= 2 Könige].
2: 4 Kön. 6, 25—31. [= 2 Könige].
3: 4 Kön. 6, 18 ff. [= 2 Könige].
4: 4 Kön. 6, 32—7, 2 [= 2 Könige].
5: 4 Kön. 7, 6 f. [= 2 Könige].
6: Vgl. Phil. 1, 21.
7: 4 Kön. 7, 3 ff. [= 2 Könige].
8: 4 Kön. 7, 16—20 [= 2 Könige].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger