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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Drittes Buch: Vom Verhältnis des Nützlichen zum Sittlichguten

XIX. Kapitel

Wie sehr die Altvordern auf das Sittlichgute hielten, beweist ihre Bekriegung und Bestrafung der Gabaoniter wegen Schändung der Frau eines Leviten (111—117).

111. Wie sehr lag den Altvordern die Sorge um das Sittlichgute am Herzen, so daß sie das einem einzigen Weibe zugefügte Unrecht von Wüstlingen, die ihr Gewalt antaten, mit Krieg rächten und nach der Besiegung des Stammes Benjamin schwuren, den Angehörigen [S. 257] desselben ihre Töchter nicht mehr zur Ehe geben zu wollen! Dem Stamme wäre kein Weg zu einer Nachkommenschaft übrig geblieben, hätte er nicht den Ausweg notgedrungener List zugestanden erhalten. Gleichwohl scheint auch dieses Zugeständnis nicht der gebührenden Strafe für ihre Unenthaltsamkeit zu entbehren, da ihnen nur allein gestattet wurde, Verbindungen auf dem Wege der Entführung, nicht der sakramentalen Ehe einzugehen. Und es war in der Tat gebührend, daß sie, die ein fremdes Eheband gelöst hatten, selbst der herkömmlichen Form der Eheschließungen verlustig gingen1.

112. Wie voll des Ergreifenden aber ist die Geschichte! Ein Mann, so heißt es, ein Levite, hatte sich eine Frau genommen. ‚Beischläferin‘ ist sie (in der Schrift) genannt2, wie ich glaube, vom Beischlaf. Diese begab sich nun eines Tages, durch gewisse Vorkommnisse, wie es zu gehen pflegt, gekränkt, zu ihrem Vater und blieb vier Monate dort. Da brach ihr Mann auf und zog in das Haus seines Schwiegervaters, um sich mit seiner Gattin wiederum auszusöhnen, sie zurück- und heimzuführen. Die Frau kam ihm entgegen und führte den Gatten ins Haus ihres Vaters.

113. Der Vater der jugendlichen Frau war erfreut darüber, ging ihm entgegen und weilte drei Tage mit ihm zusammen. Man speiste und pflegte der Ruhe. Am folgenden Tage wollte der Levite aufbrechen. Der Schwiegervater hielt ihn zurück: er möge doch nicht so schnell das liebtraute Zusammensein abbrechen! Und auch am zweit- und drittfolgenden Tage gab der Vater des Mädchens die Abreise seines Schwiegersohnes nicht zu, bis nicht das Maß aller gegenseitigen Freude und Liebenswürdigkeit voll wäre. Doch als derselbe am siebten Tage, da der Tag sich schon zum Abend neigte, nach Tisch und frohem Gelage den nahen Anbruch der folgenden Nacht vorschützte und lieber bei den Seinigen als bei Fremden die Nachtruhe zubringen zu sollen [S. 258] glaubte, vermochte er ihn nicht mehr zurückzuhalten und entließ ihn samt seiner Tochter.

114. Nach Zurücklegung einer Strecke Weges aber meinte der Diener, da der Abend schon bald hereinzubrechen drohte und man der Stadt der Jebusäer sich genähert hatte, sein Herr solle hier zukehren. Sein Herr aber gab dem nicht statt, weil es keine Stadt der Söhne Israels war, sondern trachtete noch bis Gabaa zu gelangen, das von den Stammesgenossen Benjamins bewohnt war. Niemand fand sich da, der die Ankömmlinge gastlich aufgenommen hätte, außer einem Fremdling in fortgeschrittenen Jahren. Als nun dieser ihrer ansichtig wurde und den Leviten fragte: wohin gehst du? bezw. woher kommst du? da entgegnete dieser, daß er auf der Reise begriffen sei und ins Gebirge Ephraim zurückkehre. Und als niemand sich fand, der ihn aufnahm, bot er ihm gastlich eine Herberge an und richtete ein Mahl zu.

115. Nachdem man sich aber beim Mahl gesättigt hatte und der Tisch aufgehoben war, stürzten verkommene Mannspersonen heran und umringten das Haus. Da bot der Greis den lasterhaften Menschen seine Tochter an, eine Jungfrau, gleichalterig mit ihrer Schlafgenossin, nur um der fremden Gastfreundin nicht Gewalt antun zu lassen. Als aber mit Vernunft nur zu wenig auszurichten war und die Gewalt siegte, ließ der Levite von seinem Weibe. Und sie erkannten sie und trieben die ganze Nacht ihr Spiel mit ihr. Dieser Grausamkeit, oder aber dem Schmerz über die angetane Schmach erlag sie. Sie warf sich vor die Schwelle des Gastes, bei dem ihr Mann eingekerkert war, hin und hauchte ihren Geist aus. In den letzten Zügen liegend wahrte sie noch treu die Liebe einer guten Gattin: sie ermöglichte dem Gatten wenigstens noch die Bestattung ihres Leichnams.

116. Auf die Kunde davon entbrannte, um mich kurz zu fassen, fast das ganze Volk Israel zum Krieg. Obwohl der Kampf bei schwankendem Erfolg erst [S. 259] unentschieden blieb, fiel doch beim dritten Waffengang das Volk Benjamin dem Volke Israel in die Hand und mußte so kraft göttlichen Strafurteiles seine Unenthaltsamkeit büßen. Es wurde sodann auch verurteilt, daß niemand ihm aus der Zahl der Väter seine Tochter zur Ehe geben durfte, und zwar wurde dies durch einen Eidschwur bekräftigt. Doch von Reue ergriffen, daß sie gegen ein Brudervolk ein so hartes Urteil fällten, milderten sie dessen Strenge dahin, daß sie sich elternlose Jungfrauen, deren Väter für ein Vergehen hingerichtet wurden, zur Frau nehmen durften, bezw. auf dem Wege der Entführung eine Verbindung eingehen konnten. Einer Ehewerbung machten sie sich ja angesichts der verübten Schandtat als Verletzer fremden Eherechtes unwürdig. Aber damit das Volk auch nicht einen Stamm verliere, machte man nachsichtig ihrer List ein Zugeständnis.

117. Wie sehr die Altvordern auf das Sittlichgute bedacht waren, geht nun daraus hervor, daß vierzigtausend Mann wider ihre Brüder vom Stamme Benjamin das Schwert zogen. Sie wollten die Verletzung der Reinheit rächen und keine Schänder der Keuschheit dulden. So wurden denn in jenem Kriege fünfundsechzigtausend Streiter auf beiden Seiten niedergemacht und Städte verbrannt. Und obschon das Volk Israel anfänglich unterlag, ließ es sich gleichwohl durch die Furcht eines unglücklich verlaufenden Krieges nicht einschüchtern und den Schmerz nicht einschlafen, um die verletzte Keuschheit zu rächen. Es stürzte sich in den Kampf, bereit selbst mit dem Blute die Schmach der verübten Schandtat zu tilgen.

1: Richt. c. 19―21.
2: Richt. 19, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger