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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Drittes Buch: Vom Verhältnis des Nützlichen zum Sittlichguten

XVII. Kapitel

[S. 251] Das Sittlichgute ging auch den Altvordern in der babylonischen Gefangenschaft über alles. Daher ihre Sorge für das heilige Feuer (98—102).

98. Erwägen wir eine andere Begebenheit. Sie trug sich in der Gefangenschaft zu und behauptete den Preis der Schönheit im sittlichguten Handeln. Dieses läßt sich nämlich durch keinerlei Widerwärtigkeiten beirren. Herrlicher noch strahlt es und großartiger leuchtet es hier als im Glück. Inmitten von Fesseln, inmitten von Waffen, von Flammen, von Knechtschaft, der allerschwersten Strafe für Freie, inmitten der qualvoll Sterbenden, der Vernichtung des Vaterlandes, der Angst der Überlebenden, des Blutes der Ermordeten büßten gleichwohl unsere Altvordern die Sorge um das Sittlichgute nicht ein, vielmehr glänzte und strahlte dieselbe inmitten der Asche und Lohe des vernichteten Vaterlandes in ihrer frommen Gesinnung wider.

99. „Als nämlich unsere Väter, die damals fromme Verehrer des allmächtigen Gottes waren, nach Persien abgeführt wurden, nahmen die Priester des Herrn das Feuer vom Altar und verbargen es heimlich in einem Tale.“ Dort befand sich anscheinend ein offen zugänglicher Brunnen, wegen Wassermangels aber nicht betreten und für eine Benützung der Leute tatsächlich unzugänglich, an unbekannter, von Zeugen unbehelligter Stelle. Hier versiegelten sie mit einem heiligen Zeichen ebenso wie mit Verschwiegenheit das verborgene Feuer1. Nicht darum war es ihnen zu tun, Gold zu vergraben, Silber zu verbergen, um es den Nachkommen aufzubewahren; sie waren vielmehr in ihrer äußersten Not auf das Sittlichgute bedacht und glaubten das heilige Feuer wahren zu müssen, daß nicht die Unreinen es schändeten oder das Blut der Toten es auslösche oder ein wirrer Trümmerhaufe es verschütte.

[S. 252] 100. Nun zogen sie nach Persien, nur in der religiösen Gesinnung frei; denn nur sie konnte ihnen durch die Gefangenschaft nicht entrissen werden. Nach gar langer Zeit aber, da es Gott gefiel, gab er dem Perserkönig in den Sinn, Befehl zu geben zur Wiedererbauung des Tempels in Judäa und zur Wiederherstellung der rechtmäßigen religiösen Bräuche. Mit dieser Aufgabe betraute der Perserkönig den Priester Nehemias. Dieser nun führte die Enkel jener Priester mit sich, welche beim Verlassen des heimatlichen Bodens das heilige Feuer verborgen hatten, daß es nicht zugrunde ginge. Als sie aber kamen, fanden sie, wie der Väter Wort überlieferte, nicht Feuer, sondern Wasser vor. Und als es an Feuer für den Altardienst gebrach, befahl ihnen der Priester Nehemias, das Wasser zu schöpfen und es ihm zu bringen und das Holz damit zu besprengen. Da nun ein sichtbares Wunder! Obschon der Himmel mit Wolken bedeckt war, leuchtete plötzlich die Sonne auf, ein großes Feuer entfachte sich, so daß alle ob der so augenscheinlichen Gnadentat des Herrn von Staunen ergriffen und von Freude erfüllt wurden. Nehemias betete, die Priester sangen Gott ein Loblied. Und als das Opfer verzehrt war, befahl Nehemias nochmals mit dem noch übrigen Wasser die größeren Steine zu begießen. Daraufhin entzündete sich eine Flamme. Das Licht aber, das vom Altare erstrahlte, ward auf der Stelle verzehrt2.

101. Als dieses Zeichen bekannt wurde, befahl der Perserkönig, daß an der Stelle, an der das Feuer verborgen war und nachher das Wasser gefunden wurde, ein Tempel erbaut würde. Man brachte eine große Menge Weihegaben dahin. „Die Begleitung des heiligen Nehemias aber nannte ihn Ephtar, was Reinigung bedeutet: die Mehrzahl nennt ihn Nephte“3. „In den Aufzeichnungen des Propheten Jeremias aber findet man, daß er den künftigen Nachkommen befahl, vom Feuer zu nehmen“4. Das ist das Feuer, das auf das [S. 253] Opfer des Moses fiel und es verzehrte, wie geschrieben steht: „Feuer ging aus vom Herrn und verzehrte das ganze Brandopfer, das auf dem Altare lag“5. Mit diesem Feuer mußte das Opfer geheiligt werden. Daher ging auch über die Söhne Aarons, die fremdes Feuer heranbringen wollten, wiederum Feuer vom Herrn aus und verzehrte sie, so daß man sie tot aus dem Lager hinauswarf6.

102. „Als aber Jeremias an die Stelle kam, fand er eine Behausung nach Art einer Höhle vor, brachte dahin das Zelt und die Lade und den Rauchopferaltar und verrammte den Eingang. Und obwohl die, welche mit ihm gekommen waren, genauer Obacht gaben, um sich den Platz zu merken, konnten sie ihn keineswegs mehr aufspüren und auffinden. Sobald aber Jeremias erkannte, was sie im Sinne gehabt hatten, sprach er: Der Ort wird unbekannt bleiben, bis Gott das Volk wieder sammeln und gnädig sein wird. Dann wird der Herr dies offenbar machen und die Herrlichkeit des Herrn erscheinen“7.

1: 2 Makk. 1, 19.
2: 2 Makk. 1, 20 ff.
3: 2 Makk. 1, 33 ff.
4: 2 Makk. 2, 1.
5: Lev. 9, 24.
6: Lev. 10, 1 ff.
7: 2 Makk. 5, 5—8.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger