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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Drittes Buch: Vom Verhältnis des Nützlichen zum Sittlichguten

XV. Kapitel

Ältere und herrlichere Beispiele sittlichguten Handelns als die Profangeschichte (91) bietet die biblische Geschichte, so die Geschichte des Moses (92—93). Zwei seiner Wunderzeichen Vorbilder des Gottmenschen Christus (94—95).

91. Als denkwürdig feiern die Redner die Begebenheit, daß ein römischer Feldherr (C. Fabricius), als der Arzt des feindlichen Königs (Pyrrhus) mit dem Anerbieten zu ihm gekommen war, den König vergiften zu wollen, denselben gebunden zum Feind zurücksandte1. Und es war in der Tat ein rühmliches Handeln, daß er, der den tapferen Kampf auf sich genommen hatte, nicht durch Hinterlist den Sieg erlangen wollte. Er setzte nämlich die Ehrenhaftigkeit nicht in den Sieg, sondern erklärte offen den Sieg, wenn er nicht in Ehren errungen würde, für schimpflich.

92. Kehren wir zu unserem Moses zurück und wenden wir uns erneut den obigen Beispielen zu, um je [S. 248] ältere, desto herrlichere anzuziehen! Der König von Ägypten wollte das Vätervolk nicht ziehen lassen. Da sprach Moses zum Priester Aaron, er solle seinen Stab über alle Wasser Ägyptens ausstrecken. Aaron streckte ihn aus, und das Wasser des Flusses ward in Blut verwandelt. Und niemand konnte das Wasser trinken, und alle Ägypter waren daran, vor Durst umzukommen. Für die Väter aber strömte reines Wasser in Überfluß2. Jene warfen Glutasche gen Himmel, und an Menschen und Tieren entstanden Geschwüre und brennende Blattern3. Sie ließen Hagel unter flammendem Feuerregen niedergehen: alles auf dem Lande ward vernichtet4. Da legte Moses Fürbitte ein, und alles wandte sich wiederum zum Besten. Der Hagel legte sich, die Geschwüre heilten, und die Flüsse boten das gewohnte Trinkwasser5.

93. Eine dreitägige Finsternis bedeckte hinwiederum das Land von dem Augenblick, da Moses die Hand erhoben und Finsternis darüber ausgegossen hatte6. Alle Erstgeburt Ägyptens starb, während keinem Sprößling der Hebräer Leids geschah7. Gebeten, er möchte auch diesem Unheil ein Ende machen, flehte Moses und erflehte es. Darin verdient er Lob, daß er nicht auf Trug sich verlegte; darin Bewunderung, daß er die von Gott zugedachten Strafen kraft seiner Tugend selbst vom Feinde abwendete: fürwahr über die Maßen sanft und mild, wie es geschrieben steht8. Er wußte, daß der König mit seinen Versprechungen nicht Wort halten werde; dennoch dünkte es ihn für ehrenhaft, auf Bitten zu flehen, auf Beleidigungen zu segnen, auf Verlangen zu verzeihen.

94. Er warf seinen Stab hin, und er wurde zur Schlange, welche die Schlangenstäbe der Ägypter verschlang9. Er deutete damit die Menschwerdung des [S. 249] Wortes an, welche das Gift der unheilvollen Schlange durch Vergebung und Nachlaß der Sünden tilgen würde. Der Stab bedeutet ja das Richt-, das Herrscher-, das Machtwort, das Abzeichen der Herrschaft. Der Stab ward zur Schlange, weil derjenige, der Gottes Sohn war, von Gott Vater erzeugt, Menschensohn wurde, aus Maria geboren. Gleich der Schlange am Kreuze erhöht, träufelte er Heil in die Wunden der Menschheit. Daher beteuert der Herr selbst: „Gleichwie Moses die Schlange in der Wüste erhöhte, so muß der Menschensohn erhöht werden“10.

95. So bezieht sich auch noch ein anderes Zeichen, das Moses tat, auf den Herrn Jesus: „Er steckte seine Hand in den Busen und zog sie hervor, und seine Hand ward wie Schnee. Wiederum steckte er sie hinein und zog sie hervor, und sie hatte das Aussehen menschlichen Fleisches“11. Er deutete damit den ursprünglichen Glanz der Gottheit des Herrn Jesus und dessen nachmalige Menschwerdung an, eine Glaubenslehre, an welche alle Völker und Nationen glauben sollten. Mit Recht steckte er die Hand hinein, weil Christus die Rechte Gottes ist. Glaubt jemand nicht an seine Gottheit und Menschwerdung, verfällt er als Verruchter der Strafe gleich jenem Könige (Pharao), der, weil er den offensichtlichen Zeichen nicht glaubte, darauf gezüchtigt wurde und um Gnade flehte. Wieweit nun tugendhafte Gesinnung gehen muß, ergibt sich schon aus dem Bisherigen, am meisten aber daraus, daß Moses sich selbst für das Volk darbot und bat, Gott möge demselben verzeihen, oder aber ihn selbst aus dem Buche der Lebendigen löschen12.

1: Die Begebenheit bei Cic. l. c. 22, 86; ebenso I 13, 40 (an falscher Stelle).
2: Exod. 7, 13 ff.
3: Exod. 9, 10.
4: Exod. 9, 22 ff.
5: Exod. 9, 33.
6: Exod. 10, 22.
7: Exod. 11, 5 ff.; 12, 12 ff.
8: Num. 12, 3.
9: Exod. 7, 10 ff.
10: Joh. 3, 14. Vgl. Num. 21, 8 f.
11: Exod. 4, 6 f.
12: Exod. 32, 31 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger