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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Drittes Buch: Vom Verhältnis des Nützlichen zum Sittlichguten

XIV. Kapitel

[S. 245] Das Verhalten des Elisäus gegen die gefangenen Syrer, das einen ähnlichen Vorgang aus der griechischen Geschichte in Schatten stellt (86—88), sowie das des Täufers (89) und der Susanna (90) bestätigen, daß das Sittlichgute und Nützliche unzertrennliche Begriffe sind.

86. Was anderem aber als dem Sittlichguten ging Elisäus nach, als er das syrische Heer, das zu seiner Belagerung erschienen war, gefangen nach Samaria führte?1 Er hatte dessen Augen mit Blindheit geschlagen und bat: „Herr, öffne ihnen die Augen, daß sie sehen! Und sie sahen“2. Als nun der König von Israel die eingetretenen Syrer niedermetzeln wollte und vom Propheten die Erlaubnis dazu sich erbat, verbot dieser das Gemetzel, nachdem er ihre Gefangennahme nicht durch Kriegsgewalt und -waffen bewirkt hatte, sondern befahl, sie lieber durch Lebensmittelreichung zu unterstützen. So glaubten denn auch die syrischen Piraten, die reichlich mit Speisen erquickt worden waren, nie mehr neuerdings ins Land Israel einfallen zu sollen“3.

87. Wie unvergleichlich erhabener liest sich diese Begebenheit als jene griechische!4 Zwei Völker5 lagen danach um Ruhm und Herrschaft im Kampfe, und eines von ihnen hatte es in seiner Macht, die Schiffe des anderen heimlich zu verbrennen. Doch es hielt das für schimpflich und wollte lieber weniger Macht in Ehren als mehr Macht in Schanden haben. Sie konnten es ja nicht ohne Schandtat verüben, das Volk, welches zur Beendigung des Perserkrieges ein Bündnis mit ihnen eingegangen hatte, mit solcher Hinterlist zu [S. 246] übervorteilen. Wohl hätten sie dieselbe ableugnen können, der Scham hierüber hätten sie sich jedoch nicht entschlagen können. Elisäus hingegen wollte die Syrer, die zwar auch Betrogene waren, aber nicht durch Überlistung, sondern von der Macht des Herrn getroffen, lieber retten als verderben, weil es geziemend war, den Feind zu schonen und dem Gegner das Leben zu schenken, das er wohl hätte nehmen können, wenn er nicht Schonung geübt hätte.

88. So ist denn klar: was geziemend ist, ist stets auch nützlich. Denn auch die heilige Judith machte durch die schickliche Hintansetzung ihres eigenen Wohls der Gefahr der Belagerung ein Ende und verschaffte durch ihre Tugendhaftigkeit der Allgemeinheit Nutzen. Und für Elisäus war es ruhmvoller, daß er Verzeihung angedeihen als ein Blutbad anrichten ließ; und er stiftete dadurch den größeren Nutzen, daß er die gefangenen Feinde am Leben erhielt.

89. Was anders aber hatte Johannes im Auge als das Sittlichehrbare, so daß er selbst beim Könige kein unehrbares Ehebündnis dulden mochte und sprach: „Es ist dir nicht erlaubt, jene zur Gattin zu haben“?6 Er konnte schweigen, hätte es ihm nicht für unziemlich geschienen, aus Furcht vor dem Tode die Wahrheit nicht zu sagen, dem prophetischen Ansehen dem Könige gegenüber etwas zu vergeben und seinem Verhalten den Anschein von Schmeichelei zu geben. Er wußte recht wohl, daß ihm der Widerstand gegen den König das Leben kosten werde, aber er zog die Tugendhaftigkeit dem Leben vor. Und doch, was hätte größeren Nutzen gebracht als ein Verhalten, das dem heiligen Mann den Ruhm des Martyriums eintrug?

90. So auch die heilige Susanna, als sie die schauerliche Kunde von dem falschen Zeugnisse vernommen hatte. Da sie sich einerseits von Gefahr, andrerseits von Schande bedrängt sah, wollte sie lieber durch [S. 247] einen ehrenvollen Tod der Schande entgehen, als aus Sorge um ihr Wohl ein schimpfliches Leben führen und ertragen. Indem sie sich nun der Ehrenhaftigkeit befleißigte, rettete sie zugleich das Leben7. Hätte sie einem Scheinvorteil für das Leben den Vorzug gegeben, hätte sie keinen so großen Ruhm erlangt. Ja vielleicht wäre ein solches Verhalten, das nicht bloß keinen Vorteil, sondern sogar eine Gefahr in sich barg, der Strafe des Verbrechens nicht entronnen. So sehen wir denn, daß das Schimpfliche nicht nützlich, und umgekehrt das Ehrbare nicht schädlich sein kann; denn das Nützliche hat das Ehrbare und das Ehrbare das Nützliche zum unzertrennlichen Begleiter.

1: 4 Kön. 6, 8 ff. [= 2 Könige].
2: 4 Kön. 6, 20 [= 2 Könige].
3: 4 Kön. 6, 21 ff. [= 2 Könige].
4: Letztere Cic. l. c. 11, 49.
5: Athener und Lacedämonier.
6: Matth. 14, 4.
7: Dan. 13, 22 ff.

 

 

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Einleitung: Von den Pflichten der Kirchendiener
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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