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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Drittes Buch: Vom Verhältnis des Nützlichen zum Sittlichguten

XII. Kapitel

Ein unehrenhaftes Versprechen (76), selbst in Eidesform, bindet nicht. So hatte der Schwur des Herodes (77—78), das Gelübde des Jephte keine bindende Kraft (79). Herrlicher als der Pythagoreer Damon sein Versprechen (80), löste Jephtes Tochter des Vaters Gelübde ein (81).

76. Rein und aufrichtig soll die Gesinnung sein. Schlicht sei darum die Rede, die einer vorbringt; in Heiligkeit trage er sein Gefäß1; er täusche den Bruder nicht mit listigen Worten und mache kein unehrenhaftes Versprechen. Und wenn er eines gemacht hat, wäre es erträglicher, es nicht zu halten, als etwas Schändliches zu tun2.

77. Häufig bindet sich gar mancher selbst durch einen Eidschwur. Und obschon er merkt, das [S. 241] Versprechen sollte nicht gegeben worden sein, löst er gleichwohl mit Rücksicht auf den Eid das Gelübde ein. Das haben wir oben in unserer Schrift3 beispielsweise von Herodes gezeigt, welcher der Tänzerin ein schimpfliches Versprechen machte und es grausam einlöste. Schimpflich war es, ein Reich für einen Tanz zu versprechen; grausam, um der Heiligkeit des Eides willen den Tod eines Propheten als Geschenk zu bieten. Wie unvergleichlich erträglicher wäre ein Meineid gewesen als ein solcher Eid, wenn man das überhaupt Meineid hätte nennen können, was ein Trunkener bei Wein beschworen, was ein Entmannter beim Reigen der Tanzenden versprochen hatte. Man bringt auf einer Schüssel das Haupt des Propheten herein: und das hielt man für Eidestreue, was nur Ausfluß von Raserei war.

78. Nimmer auch könnte ich zum Glauben bewogen werden, der Feldherr Jephte habe nicht unvorsichtig sein Gelübde gemacht, Gott zu opfern, was immer ihm bei seiner Rückkehr auf der Schwelle seines Hauses begegnen würde. Bereute er doch selbst sein Gelübde, da ihm seine Tochter begegnet war4. So zerriß er denn seine Kleider und klagte: „Wehe mir, o Tochter, du hast mich verwirrt, zum Stachel des Schmerzes bist du mir geworden“5. Obschon er aus religiöser Scheu und Angst das bittere Opfer der schmerzlichen Einlösung (des Gelübdes) brachte, hinterließ er doch selbst für die Folgezeit die Anordnung einer jährlichen Trauerfeier. Ein hartes Gelübde, noch bitterer dessen Erfüllung. Wie mußte jener selbst es bedauern, der es machte! So wurde denn folgende Vorschrift und Anordnung für ewige Zeiten erlassen: „Es ergingen sich“, so lautete sie, „die Töchter des Volkes Israel vier Tage im Jahre in Trauer über die Tochter des Galaditers Jephte“6. Ich kann den Mann nicht der Schuld zeihen, der sich zur Erfüllung seines Gelübdes verpflichtet [S. 242] hielt. Bedauerlich aber bleibt eine Pflicht, die mit Kindesmord eingelöst wird.

79. Besser kein Gelöbnis als ein Gelöbnis, dessen Erfüllung derjenige, dem es gemacht wird, nicht wünschen kann. So haben wir denn an Isaak ein Beispiel hierfür, indem der Herr statt seiner das Opfer eines Widders sich ausbedingte7. Nicht immer darf jedwedes Versprechen eingelöst werden. So ändert auch der Herr selbst häufig sein Urteil, wie die Schrift bezeugt. Auch in jenem Buche, das den Titel Numeri trägt, hatte er sich vorgenommen, über das Volk Tod und Untergang zu verhängen, ließ sich aber nachher auf Bitten des Moses mit seinem Volke wieder versöhnen8. Und wiederum sprach er zu Moses und Aaron: „Sondert euch ab von dieser Gemeine, und ich will sie mitsammen vertilgen“9. Während sie sich von der Rotte entfernten, teilte sich plötzlich die Erde mit tiefem Spalt und verschlang den Dathan und Abiron, die gottlosen10.

80. Herrlicher und älter ist das obige Beispiel von der Tochter Jephtes als das in philosophischen Kreisen gerühmte von den zwei Pythagoreern11. Der eine von ihnen nämlich bat, als er vom Tyrannen Dionysius zum Tode verurteilt war, am festgesetzten Todestage um die Erlaubnis, nach Hause gehen zu dürfen, um für die Seinigen noch Sorge zu treffen12. Um nun die Glaubwürdigkeit seiner Rückkehr außer Zweifel zu setzen, stellte er einen Todesbürgen mit dem Anerbieten, daß, falls er selbst zum bestimmten Termin nicht da wäre, sein Bürge die Verpflichtung anerkenne, für ihn zu sterben. Der bestellte Bürge lehnte auch die Bürgschaft, wie sie lautete, nicht ab und harrte standhaft des Tages [S. 243] der Hinrichtung. Der eine Freund kannte kein Sichweigern, der andere kehrte auf den Tag zurück. Das war etwas so Wundervolles, daß der Tyrann sie zu Freunden annahm, deren Leben er eben aufs äußerste gefährdete.

81. Was nun an angesehenen und gebildeten Männern voll des Staunenswerten ist, das findet sich noch viel großartiger und viel glänzender bei der Jungfrau eingelöst, die dem seufzenden Vater zuredete: „Tu mit mir gemäß dem Worte, das aus deinem Munde kam!“13 Doch einen Zeitraum von zwei Monaten erbat sie sich, um mit den Altersgenossinnen gemeinschaftlich auf den Bergen zu weilen: sie sollten mit liebevoller Teilnahme ihre dem Tode geweihte Jungfrauschaft beweinen. Weder rührten die Tränen der Genossinnen das Mädchen, noch stimmte deren Schmerz es um, noch ließ deren Seufzen es zaudern. Des Tages vergaß sie nicht, die Stunde entging ihr nicht: da kehrte sie zum Vater zurück, kehrte gleichsam zur Gelübdeerfüllung wieder und drang aus eigener Entschließung in den Zögernden und bewirkte kraft ihres freien Entschlusses, daß die übereilte Tat seines frevlen Beginnens zu einem Opfer der Frömmigkeit wurde14.

1: 1 Thess. 4, 4.
2: Der gleiche Grundsatz, an Beispielen erhärtet, Cic. l. c. 24, 93—95; vgl. I 10, 32. Sieh oben I 50, 254 f.
3: I 50, 255.
4: Richt. 11, 30 ff. Auch dieses Beispiel führte Ambr. bereits oben I 50, 255 im gleichen Zusammenhang an.
5: Richt. 11, 35.
6: Richt. 11, 39 f.
7: Gen. 22, 11 ff.
8: Num. 14, 11 ff.
9: Num. 16, 21.
10: Num. 16, 31 ff.
11: Die Erzählung bei Cic. l. c. 10, 45 in einem anderen Zusammenhang.
12: commendare suos (auch bei Cic. l. c. 10, 45) wörtlich = die Fürsorge für die Seinigen jemand empfehlen.
13: Richt. 11, 36.
14: Richt. 11, 37 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger