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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Drittes Buch: Vom Verhältnis des Nützlichen zum Sittlichguten

XI. Kapitel

Jede Art des Truges ist verpönt. Abschreckende Beispiele aus dem Leben (70), aus der profanen (71—73) wie biblischen Geschichte (74). Den heuchlerischen Betrüger vergleicht Christus mit einem Fuchs, David mit einem Schermesser (75).

70. Ich will nicht Notiz nehmen vom Fingerschnalzen und Tanzen eines nackt auftretenden Erbfolgers beim Antritt von Erbschaften: es ist ja männiglich bekannt1; nicht von den zubereiteten Fischmengen aus einem erdichteten Fischfange, wodurch die Kauflust geködert werden sollte. Warum auch ließ sich der [S. 238] Käufer als Genußmensch und Feinschmecker ertappen, um solchem Trug zum Opfer zu fallen?

71. Wofür soll ich von jenem lieblichen und stillen Aufenthalt in Syrakus und der Hinterlist jenes Siziliers sprechen, der einen Fremden2 antraf und denselben, als er merkte, daß er Lust zum Ankauf eines Parkes habe, zur Tafel in seinen Park lud; daß der Geladene zusagte und am nächsten Tage auch erschien; daß er dort eine große Menge Fische vorfand, eine mit reichlichen und ausgesuchten Speisen besetzte Tafel; daß vor den Augen der Tafelrunde, vor den Gartenanlagen, wo nie zuvor Netze ausgeworfen lagen, Fischer aufgestellt waren? Jeder brachte um die Wette seinen Fang den Schmausenden. Haufenweise lagen die Fische auf dem Tische, bei ihrem Aufhüpfen eine Augenweide für die Zecher. Der Gast wunderte sich über die Unmenge Fische und die Unzahl Kähne. Auf seine Frage erhielt er die Antwort, es sei dort eine Bucht. Des süßen Wassers wegen kämen zahllose Fische dorthin. Kurz, er reizte den Gast, ihm den Park — abzupressen: er ließ sich nötigen, obschon er dessen Verkauf wünschte, und nahm (anscheinend) schweren Herzens den Kaufpreis entgegen.

72. Am folgenden Tage kommt nun der Käufer in Begleitung von Freunden zu dem Parke. Er findet kein Fahrzeug. Auf seine Erkundigung, ob etwa die Fischer an diesem Tage Feiertag hätten, erhält er die Antwort: nein. Auch sei hier nie außer gestern gefischt worden. Welchen Grund zur Beschwerde wegen Übervorteilung hätte der Lebemensch, der so schimpflich nach Genüssen haschte, gehabt? Wer den Nächsten der Sünde zeiht, muß selbst von Sünde frei sein. Ich will darum solche Flausen nicht vor das Forum des kirchlichen [S. 239] Gerichtes rufen, das ganz allgemein jedes Haschen nach schändlichem Gewinn verurteilt und mit kurzen Worten leichtfertiges und hinterlistiges Gebaren ausschließt.

73. Was soll ich denn von einem sagen, der auf Grund eines Testamentes, das er, wenn auch von anderen gefertigt, doch als gefälscht erkennt, Anspruch auf eine Erbschaft oder ein Vermächtnis erhebt und aus fremdem Verbrechen Nutzen zu ziehen sucht? Bestrafen doch sogar die staatlichen Gesetze einen, der sich wissentlich einer falschen Urkunde bedient, als Verbrecher3. Die Norm der Gerechtigkeit aber ist bekannt: Es ziemt dem Guten nicht, von der Wahrheit abzuweichen, jemand ungerechten Schaden zuzufügen, irgendwelche Hinterlist damit zu verbinden oder Trug zu ersinnen.

74. Was ist bekannter als das Verhalten des Ananias? Er behielt vom Erlös seines Ackers, den er selbst veräußert hatte, trügerisch etwas zurück und legte einen Teilbetrag des Erlöses für die volle Summe den Aposteln zu Füßen. Es war ihm doch freigestellt, auch nichts anzubieten, und er hätte dies ohne Trug tun können. Aber weil er solchen unterlaufen ließ, trug er keinen Dank für seine Freigebigkeit davon, sondern erntete vielmehr Strafe für seine Falschheit4.

75. Auch der Herr wies im Evangelium jene, die in Arglist ihm nahten, mit den Worten ab: „Die Füchse haben Gruben“5; er befiehlt uns nämlich in Einfalt und Unschuld des Herzens zu leben. Desgleichen rügt David: „Wie ein scharfes Schermesser übtest du Trug“6. Er beschuldigt den Verräter der Bosheit, insofern dieses [S. 240] Instrument wohl zur Verschönerung des Menschen dient, so manchmal aber auch zur Verwundung. Wenn daher jemand nach dem Beispiele des Verräters Doeg7 Wohlwollen zur Schau trägt und dabei den Trugfaden knüpft, um einen, den er schützen sollte, dem Tode auszuliefern, so paßt auf ihn der Vergleich mit jenem Instrumente. Es verletzt gern bei vorhandener Trunkenheit sowie bei zitternder Hand. So beschwor jener vom Wein der Schlechtigkeit trunkene Mensch mit seiner unseligen verräterischen Anzeige für den Priester Abimelech den Tod herauf, weil derselbe einen Propheten (David) gastlich aufgenommen hatte, den der König, vom Stachel des Hasses gereizt, verfolgte8.

1: Über diesen Brauch, den Cicero beispielsweise dem M. Crassus zutraute, vgl. Cic. l. c. 19, 75. 93.
2: Den römischen Ritter C. Canius. Der folgende Vorfall bei Cic. l. c. 14, 58 ff. als Beispiel eines offensichtlichen Betruges, der moralisch verwerflich, juristisch aber nicht klag- und strafbar erschien, indem erst der vom Prätor C. Aquilius Gallus (66 v. Chr.) geregelte Formularprozeß eine derartige Restitutionsklage ermöglichte.
3: Ambr. bezieht sich hier auf Cic. l. c. 18, 73 ff., wonach ein paar Betrüger ein angeblich von L. Minucius Basilius verfaßtes Testament aus Griechenland nach Rom brachten und zur rascheren Durchführung den M. Crassus und den Q. Hortensius zu Miterben einsetzten.
4: Apg. 5, 1 ff.
5: Matth. 8, 20.
6: Ps. 51, 4 [Hebr. Ps. 52, 4].
7: 1 Kön. 22, 9 ff. [= 1 Samuel].
8: 1 Kön. 21, 1 ff. [= 1 Samuel].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger