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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Drittes Buch: Vom Verhältnis des Nützlichen zum Sittlichguten

II. Kapitel

Nach christlicher Auffassung decken sich die Begriffe ‚sittlichgut‘ und ‚nützlich‘ (8—9). Der Unterschied zwischen Erstpflichten und Mittelpflichten (10), zwischen Tugend und Tugend überhaupt (11—12). Der Gerechte, bezw. der Weise lebt nicht sich, sondern anderen (13―14).

8. Weil wir die beiden früheren Abschnitte, worin wir das Sittlichgute und Nützliche behandelten, bereits [S. 208] besprochen haben, so ergibt sich nun die Frage, ob wir nicht das Sittlichgute und das Nützliche untereinander vergleichen und untersuchen sollen, was zu befolgen sei. Wie wir nämlich oben erörtert haben, ob diese und jene Handlung sittlichgut oder schimpflich, in zweiter Reihe, ob sie nützlich oder schädlich sei, so glaubten einige in ähnlicher Weise an dieser Stelle die Frage aufwerfen zu sollen, ob sie sittlichgut oder nützlich sei1.

9. Wir aber besorgen, wir möchten den Anschein wecken, als würden wir diese Begriffe sozusagen als Gegensätze einführen, nachdem wir doch oben bereits gezeigt haben, daß sie sich decken, daß nur das Nützliche sittlichgut, und nur das Sittlichgute nützlich sein kann. Wir folgen ja nicht der Weisheit des Fleisches, bei welcher der Nutzen, der im Geldgewinste liegt, am schwersten wiegt, sondern der Weisheit, die aus Gott ist2, vor der das Große in den Augen dieser Welt als Nachteil gilt3.

10. Dieses κατόρθωμα [katorthōma] nämlich, d. i. die vollkommene und vollendete Pflicht, entspringt nur der wahren Tugendquelle. Auf sie folgt in zweiter Reihe die gewöhnliche Leistung, die, wie schon das Wort andeutet, nicht Sache angestrengter und einzigartiger Tugend ist, sondern der großen Mehrzahl gemeinsam sein kann. Nach Geldgewinst haschen, ist vielen eigen, an feinerem Mahl und köstlicheren Speisen sich ergötzen, ist etwas [S. 209] Gewöhnliches; dagegen ist Fasten und Enthaltsamkeit Sache weniger, und Freisein von Begierde nach fremdem Gut eine Seltenheit. Das Gegenteil vom letzteren aber ist der Wunsch, den Nächsten zu benachteiligen, die Unzufriedenheit mit dem Seinigen: hierin begegnet man sich mit der großen Mehrzahl. So gibt es denn teils Erstpflichten, teils Mittelpflichten. Die Erstpflichten sind Gemeingut weniger, die Mittelpflichten Gemeinbesitz der Mehrheit4.

11. So liegt denn häufig in ein und denselben Worten ein verschiedener Sinn. In einem anderen Sinn heißen wir Gott, in einem anderen den Menschen gut. In ähnlicher Weise nennen wir in einem anderen Sinn Gott, in einem anderen den Menschen gerecht. Auch im Evangelium werden wir darüber belehrt: „So seid denn auch ihr vollkommen, wie euer Vater, der im Himmel ist, vollkommen ist!“5 Selbst von Paulus lese ich, er sei vollkommen und nicht vollkommen gewesen. Denn nachdem er erklärt hatte: „Nicht daß ich es schon erreicht hätte oder schon vollkommen wäre; ich strebe aber danach, ob ich’s etwa erreichen möchte“6, fügte er sogleich hinzu: „So viele nun von uns vollkommen sind“7. Es gibt nämlich zweierlei Arten von Vollkommenheit: eine halbvollendete und eine ganzvollendete; eine diesseitige und eine jenseitige; eine nach Maßgabe des Menschenmöglichen, eine nach Maßgabe der künftigen Vollkommenheit. Gott aber ist in allem gerecht, über alles weise, in allem vollkommen.

12. Auch zwischen den Menschen selbst besteht ein Abstand. In einem anderen Sinn ist Daniel weise, von dem es heißt: „Wer ist weiser als Daniel?“8, in einem [S. 210] anderen Sinn sind es sonstige Weise, in einem anderen Sinn Salomo, der mit einer Weisheit erfüllt war, die alle Weisheit der Alten und alle Weisen Ägyptens überragte9. Denn zwischen der gewöhnlichen Weisheit und der vollkommenen Weisheit ist ein Unterschied. Die Weisheit des gemeinen Weisen bewegt sich um das Zeitliche, bewegt sich um das eigene Ich, um von dem Nächsten etwas zu ergattern und sich anzueignen. Dem vollkommenen Weisen liegt es fern, auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein; sein ganzes Sinnen und Trachten geht vielmehr auf das Ewige, auf das Schickliche und Sittlichgute, indem er nicht seinen Nutzen, sondern den der Allgemeinheit sucht.

13. Um also auf jenen beiden Gebieten des Sittlichguten und Nützlichen nicht in die Irre zu gehen, bleibe das die Losung: der Gerechte glaube nicht, den Nächsten beeinträchtigen zu sollen, und wünsche nicht, daß ihm aus der Benachteiligung des Nächsten Vorteil erwachse! Diese Norm schreibt dir der Apostel mit den Worten vor: „Alles ist erlaubt, doch nicht alles frommt; alles ist erlaubt, aber nicht alles erbaut. Niemand suche das Seinige, sondern was des Nächsten ist“10, das heißt: niemand suche seinen Vorteil, sondern den des Nächsten; niemand suche seine Ehre, sondern die des Nächsten! Daher mahnt er auch an einer anderen Stelle: „. . . . indem einer den anderen höher achtet als sich selbst, ein jeder nicht an das Seinige denkt, sondern auf das, was der anderen ist“11.

14. Niemand gehe ferner auf Selbstgefälligkeit, niemand auf Eigenlob aus, sondern auf des Nächsten Lob. Das finden wir klar auch im Spruchbuche ausgesprochen, in dem der Heilige Geist durch Salomo mahnt: „Mein Sohn, wenn du weise bist, so sei weise zu deinem und des Nächsten Vorteil; wirst du aber böse, schlürfe allein das Böse ein!“12 Denn auch der Weise ist auf [S. 211] andere bedacht, wie der Gerechte, nachdem ja beide Tugendnormen auf das gleiche hinauszielen.

1: Vgl. Cic. l. c. 1, 17. Danach lautet die dritte Frage bei Panätius, welche Entscheidung im Kollisionsfall zwischen Tugend und Nutzen zu treffen sei. Panätius selbst beantwortet die Frage nicht mehr, da sein Werk unvollendet blieb. Cicero schließt sich der „stoischen Regel“ an, wonach „alles Tugendhafte zugleich nützlich erscheint und nichts nützlich, was nicht tugendhaft ist.“ Denselben Grundsatz teilt Ambr. In der praktischen Anwendung folgt er freilich nicht immer dem heidnischen Autor. Letzterer verteidigt beispielsweise nach antiker Auffassung die sittliche Erlaubtheit des politischen Mordes eines M. Brutus an Cäsar. Vgl. Cic. 4, 19; 6, 29 ff.
2: Vgl. 2 Kor. 1, 12.
3: Vgl. Phil. 3, 7 f.
4: Über diese stoische Einteilung der Pflichten in vollkommene oder Erstpflichten (officia perfecta, prima) und mittlere Pflichten oder Pflichten zweiten Grades (officia media, secunda) sieh Cic. l. c. I 3, 8, insbes. III 3, 14―4, 16 (Vgl. oben I 11, 36 ff.).
5: Matth. 5, 48.
6: Phil. 3, 12.
7: Phil. 3, 15.
8: Ezech. 28, 3.
9: 3 Kön. 4, 29 ff. [= 1 Könige].
10: 1 Kor. 10, 22—24.
11: Phil. 2, 3 f.
12: Sprichw. 9, 12.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger