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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Zweites Buch: Vom Nützlichen

VII. Kapitel

Vom Nützlichen: Auch im Nützlichen gibt es Gradunterschiede (28). Nichts frommt mehr als Beliebtheit beim Volke (29) selbst dem Herrscher (30). Wie haben Moses (31) und David die Liebe des Volkes verdient und gefunden (32—38)! Zur Liebe gesellt sich von selbst das Vertrauen des Volkes (39).

28. Zwischen dem Sittlichguten und Nützlichen besteht sonach nicht bloß eine innige Beziehung, sondern das Nützliche deckt sich geradezu mit dem Sittlichguten. Darum suchte auch der, welcher allen das Himmelreich erschließen wollte, nicht seinen Nutzen, sondern den der Allgemeinheit. Auch wir sollen darum eine gewisse Ordnung und Stufenfolge von den Dingen gewöhnlicher und allgemeiner Art bis zu den erhabeneren einhalten, um aus dem Vielerlei einen Fortschritt im Nützlichen zu erzielen.

29. Fürs erste mögen wir wissen, daß nichts so nützlich ist als Beliebtheit, nichts so nachteilig als Unbeliebtheit1; denn ich halte Mißliebigkeit für unheilvoll und überaus verderblich. Laßt uns denn trachten, mit allem Eifer unsere Achtung und unseren Ruf zu heben und namentlich durch Sanftmut des Geistes und durch Herzensgüte uns die Zuneigung der Leute zu gewinnen! Denn Güte ist jedermann lieb und wert, und es gibt nichts, was so leicht den Weg in die Herzen der Menschen fände. Verbinden sich mit ihr auch noch ein sanftes, freundliches Wesen, sodann weise Mäßigung im Befehlen und Leutseligkeit im Gespräch, ehrende Worte und auch geduldiges Anhören von Widerrede sowie [S. 149] gewinnende Bescheidenheit, so möchte man es nicht glauben, zu welchem Maß von Beliebtheit sie fortschreitet2.

30. Wir lesen nämlich nicht bloß von gewöhnlichen Menschen, sondern selbst von Königen, wieviel Nutzen holde, liebenswürdige Herablassung, bezw. wieviel Schaden hochfahrendes Wesen und hochmütige Rede angestiftet haben, so daß sie sogar den Sturz ihrer Reiche, die Vernichtung ihrer Macht zur Folge hatten. Gewinnt nun einer durch Einsicht, Erfahrung, Dienstgefälligkeit die Gunst des Volkes, oder setzt einer unter Gefahr sein Leben für das ganze Volk ein, so strömt zweifellos so viel Liebe von seiten des Volkes auf ihn zurück, daß es sein Heil und sein Wohlbefinden dem eigenen vorzieht3.

31. Wieviel Schmähungen mußte nicht Moses von seiten des Volkes hinnehmen! Und doch bot er sich, als der Herr an den übermütigen Volksgenossen Rache nehmen wollte, wiederholt für das Volk zum Opfer dar, um es vom Zorne Gottes zu erretten4. Mit wie sanften Worten redete er auf Beleidigungen das Volk an, tröstete es in seinen Nöten, beschwichtigte es mit göttlichen Aussprüchen, erquickte es mit seinen Taten! Und obschon er beständig mit Gott redete, pflegte er doch die Leute demütig und freundlich anzureden und ins Gespräch zu ziehen. Mit Recht hielt man ihn für einen Übermenschen, so daß man selbst sein Angesicht nicht zu schauen vermochte5 und glaubte, sein Grab habe sich nicht finden lassen6. So nämlich hatte er die Herzen des ganzen Volkes an sich gefesselt, daß ihre [S. 150] Liebe zu ihm ob seiner Sanftmut größer war als ihre Bewunderung für seine Taten.

32. Wie steht es mit seinem Nachahmer, dem heiligen David, der aus allen zur Regierung des Volkes erkoren ward? Wie sanft und liebenswürdig war er, wie demütigen Geistes, arglosen Herzens, huldvoller Gesinnung! Noch vor dem Regierungsantritt setzte er für alle sein Leben ein. Als König tat er es allen im Kriegsdienst gleich und teilte mit ihnen die Kampfesmühe: tapfer in der Schlacht, milde auf dem Throne, geduldig bei Schmähung, bereit, lieber Unrecht zu ertragen als zu vergelten. Daher war er auch bei allen so beliebt, daß er, noch ein Jüngling, wider seinen Willen zum Könige begehrt und trotz Widerstreben hierzu genötigt ward, als Greis aber von den Seinigen gebeten wurde, sich nicht in die Schlacht zu mengen, indem lieber alle für ihn, statt er für alle, der Gefahr sich aussetzen wollten7.

33. In folgender Weise hatte er sich durch seine liebenswürdigen Dienste das Volk verbunden: Vor allem wollte er bei den Volksfehden lieber als Verbannter in Hebron denn als König in Jerusalem weilen8. Sodann liebte er auch am Feinde die Tugend und glaubte auch denen, welche die Waffen wider ihn getragen hatten, in gleicher Weise wie den Seinigen Gerechtigkeit widerfahren lassen zu müssen9. Endlich zollte er dem tapferen Vorkämpfer der Gegenpartei, dem Feldherrn Abner, seine Bewunderung, als er Schlachten gegen ihn lieferte, und wies ihn, da er um Gnade und Frieden bat, nicht ab, sondern ehrte ihn durch ein Gastmahl, betrauerte und beweinte ihn, als er in einem Hinterhalte ermordet wurde, gab seinem Leichenzug ein ehrenvolles Geleite, rächte seinen Tod, hielt gewissenhaft die Treue, die er seinem Sohne schriftlich unter den Erbrechten zusicherte, noch mehr besorgt, den Tod des [S. 151] Schuldlosen nicht ungestraft zu lassen, als seinen Tod zu betrauern10.

34. Es ist keine Kleinigkeit, zumal für einen König, so demütigen Diensten sich zu unterziehen, daß er selbst den Geringsten gegenüber sich herablassend erwies, unter Gefährdung anderer keine Speise sich zu verlangen, den Trank auszuschlagen, die Sünde zu bekennen und sich selbst für das Volk dem Tode weihen zu wollen, um Gottes Unwillen auf sich abzulenken. Bot er sich doch dem Strafengel mit den Worten an: „Sieh, ich bin’s, ich habe gesündigt und ich, der Hirte, Böses getan: was tat denn die Herde hier? Über mich komme Deine Hand!“11

35. Was soll ich denn des weiteren hervorheben, daß er seinen Mund nicht öffnete gegen die, so auf Trug sannen und, als hörte er nicht, keine Widerrede führen zu sollen glaubte12, auf Verunglimpfungen nicht antwortete, bei Herabsetzungen seiner Person betete, bei Schmähungen segnete?13 Daß er in Einfalt wandelte, die Stolzen floh, den Unschuldigen nachahmte, er, der Asche in seine Speisen streute, während er seine Sünden beweinte und seinen Trank mit Tränen mischte?14 Mit Recht war er beim ganzen Volke so beliebt, daß alle Stämme Israels zu ihm kamen und riefen: „Sieh, wir sind dein Gebein und dein Fleisch! Gestern und vorgestern, da Saul noch war und über uns herrschte, warst du es, der Israel aus- und einführte. Und zu dir sprach der Herr: Du sollst mein Volk weiden“15. Was soll ich mehr von ihm sagen? Erging doch über ihn der Ausspruch Gottes, der von ihm beteuerte: „Ich habe David nach meinem Herzen befunden“16. Wer wäre denn so wie er in Heiligkeit des Herzens und [S. 152] Gerechtigkeit gewandelt, um den Willen Gottes zu erfüllen? Ward doch um seinetwillen selbst noch seinen Nachkommen, wenn sie sich vergingen, Verzeihung gewährt und als seinen Erben Gnade vor Recht gewahrt17.

36. Wer hätte ihn denn nicht liebgewinnen müssen, wenn er sah, wie er den Freunden so lieb war, daß er, weil er selbst aufrichtige Freundesliebe übte, der gleichen Liebe von seiten seiner Freunde versichert war?18 So zogen ihn denn auch Eltern ihren Kindern, Kinder ihren Eltern vor. Saul geriet darob heftig in Zorn und wollte seinen Sohn Jonathas mit dem Speere durchbohren, weil er glaubte, Davids Freundschaft gelte bei ihm mehr als die Liebe und das Ansehen des Vaters19.

37. Zur Entfachung der Liebe trägt überhaupt am meisten bei, wenn einer den Liebenden Gegenliebe erweist und zeigt, daß seine Gegenliebe nicht hinter der Liebe, die er selbst findet, zurückbleibt, und dies aus Proben treuer Freundschaft offen erhellt. Was wäre denn so herzgewinnend als Wohlwollen? Was der Natur so eigen als einen Liebenden zu lieben? Was dem menschlichen Gemüte so eingepflanzt und eingeprägt als das Herzensbedürfnis, den zu lieben, von dem man geliebt sein möchte? Mit Recht spricht der Weise: „Laß um des Bruders und des Freundes willen Geld zu Verlust gehen!“20 Und an einer anderen Stelle: „Einen Freund zu grüßen, will ich mich nicht schämen und angesichts desselben mich nicht verbergen“21. Bezeugt doch das Wort des Ekklesiastikus [= Sirach], am Freunde habe man „eine Arznei des Lebens und der Unsterblichkeit“22. Und niemand zweifle, daß in der Liebe eine gar mächtige Schutzwehr liegt. Versichert doch der Apostel: „Alles erträgt sie, alles glaubt sie, alles hofft sie, alles duldet sie, nimmer kommt die Liebe zu Fall“23.

[S. 153] 38. Daher wankte Davids Thron nicht, weil er jedermann lieb war und von den Untertanen geliebt statt gefürchtet sein wollte. Die Furcht leistet ja nur eine vorübergehende Schutzwache, kennt keine dauernde Hut. Sobald daher die Furcht weicht, wagt Verwegenheit sich hervor; denn nicht Furcht erzwingt die Treue, sondern Liebe schafft sie24.

39. So gereicht uns denn in erster Linie Liebe zur Empfehlung. Es ist daher gut, wenn wir im Geruche allgemeiner Beliebtheit stehen. Daraus ersteht das Vertrauen, so daß selbst Fremde unbedenklich deiner Gewogenheit sich anvertrauen, wenn sie sehen, wie du bei der Mehrzahl beliebt bist. Ähnlich wie durch Liebe kann es auch durch Vertrauen dahinkommen, daß einer, der einem oder zweien die Treue wahrte, allen gleichsam ins Herz wächst25 und aller Gunst erwirbt.

1: Ebenso Cic. l. c. 7, 23 ff. mit Berufung auf Ennius.
2: Vgl. Cic. l. c. 7, 32.
3: Vgl. Cic. l. c. 7, 23—8, 29.
4: Vgl. Exod. 32, 11 f.
5: Exod. 34, 29 ff.
6: Vgl. Deut. 34, 6. Daran knüpfte sich der Volksglaube, den auch Ambrosius (nach Philo) teilt, daß des Moses Leib nach dessen Tod ins überirdische Paradies entrückt worden sei. Vgl. Niederhuber, Die Eschatologie des hl. Ambr., Paderborn 1907. S. 8 f.
7: Anspielungen an die verschiedenartigsten Stellen von 1 und 2 Kön., 1 Paral. und Psalmen [1 und 2 Samuel, 1 Chronik u. Ps.].
8: Vgl. 2 Kön. 2, 1 ff.; c. 3 f. [= 2 Samuel].
9: 2 Kön. c. 19; vgl. c. 9. 14. 16 [= 2 Samuel].
10: Vgl. 2 Kön. c. 3 f.; 3 Kön. 2, 5. 32 f. [= 2 Samuel und 1 Könige].
11: 2 Kön. 24, 17 [= 2 Samuel].
12: Ps. 37, 14 f. [Hebr. Ps. 38, 14 f.].
13: Vgl. Matth. 5, 44 ; 1 Petr. 2, 23.
14: Ps. 101, 10 [Hebr. Ps. 102, 10].
15: 2 Kön. 5, 1 f. [= 2 Samuel].
16: Ps. 88, 21; 1 Kön. 13, 14 [= 1 Samuel; Hebr. Ps. 89, 21].
17: Vgl. 2 Kön. 7, 8 ff. [= 2 Samuel]. Ps. 88, 4 ff.; 131, 11 ff. [Hebr. Ps. 89, 4 ff.; 132, 11].
18: Vgl. 1 Kön. c. 18—20 [= 1 Samuel].
19: 1 Kön. 20, 30 ff. [= 1 Samuel].
20: Sir. 29, 13.
21: Sir. 22, 31.
22: Sir. 6, 16.
23: 1 Kor. 13, 7 f.
24: Vgl. Cic. l. c. 7, 24―8, 29.
25: Auch Cic. l. c. 7, 24―8, 29 denkt sich die Liebe nur „in Verbindung mit Ehrfurcht und Vertrauen.“

 

 

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Gregor Emmenegger