Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Zweites Buch: Vom Nützlichen

VI. Kapitel

Vom Nützlichen: Das wahrhaft Nützliche deckt sich mit dem Sittlichguten (22—26). Einteilung des Nützlichen (27).

22. Im vorausgehenden Buche machten wir folgende Einteilung: an erster Stelle kam das Sittlichgute und Schickliche, wovon die Pflichten sich herleiten, an zweiter Stelle das Nützliche. Und wie wir beim ersten Punkte betonten, daß zwischen dem Sittlichguten und Schicklichen ein gewisser Unterschied besteht, der sich mehr denken als sagen läßt, so scheint auch bei der Abhandlung über das Nützliche die Frage ins Auge zu fassen zu sein, was das Nützlichere sei.

23. Die Nützlichkeit aber bestimmen wir nicht nach dem Geldgewinste, den man abschätzt, sondern nach der Frömmigkeit, die man erwirbt, gemäß der Versicherung des Apostels: „Die Frömmigkeit aber ist zu allem nützlich, indem sie die Verheißung des gegenwärtigen [S. 146] und zukünftigen Lebens hat“1. So finden wir in der göttlichen Schrift, wenn wir uns genau darin umsehen, häufig das Sittlichgute nützlich genannt. „Alles steht mir frei, doch nicht alles ist nützlich“2. Im Vorausgehenden sprach der Apostel von den Lastern. Das will er sonach sagen: zu sündigen steht einem frei, aber es schickt sich nicht; die Sünde steht in seiner Gewalt, ist aber nicht geziemend; zu Völlerei bietet sich leicht Gelegenheit, sie ist aber nicht recht; denn nicht Gott, sondern dem Bauche dient die Speise, die man zu sich nimmt3.

24. Weil also das Nützliche mit dem Rechten sich deckt4, so ist es recht, daß wir Christus dienen, der uns erlöst hat. Gerecht waren, die sich für seinen Namen dem Tode weihten; ungerecht, die ihm auswichen. Diesen gilt das Wort: „Welcher Nutzen liegt in meinem Blute“5, d. i. welcher Vorteil in meiner Gerechtigkeit? Daher auch ihr Ruf: „Binden wir den Gerechten, weil er uns unnütz“6, d. i. weil er ungerecht ist, indem er uns anklagt, verurteilt, straft! Freilich läßt sich die Stelle auch auf die Habsucht gottloser Menschen, welche der Ruchlosigkeit nachbarlich ist, beziehen, wie wir es beim Verräter Judas lesen, der aus Habsucht und Geldgier in die Schlinge des Verrates geriet und fiel7.

25. Über jenes Nützliche ist sonach zu handeln, das voll Ehrbarkeit ist, wie es der Apostel ausdrücklich näher bestimmte mit den Worten: „Dies aber sage ich zu eurem Nutzen, nicht um euch eine Schlinge umzuwerfen, sondern zu eurer Ehrbarkeit“8. So ist denn klar, daß das Ehrbare nützlich und das Nützliche ehrbar ist, und daß das Nützliche gerecht und das Gerechte nützlich ist. Nicht gewinn- und habsüchtigen Krämerseelen nämlich, sondern meinen Söhnen gilt die Abhandlung, und zwar eine Abhandlung über die [S. 147] Pflichten, welche ich euch, die ich zum Dienste des Herrn erkoren habe, einschärfen und einflößen möchte, damit das, was eurem Geiste und sittlichem Verhalten bereits durch praktische Anleitung eingepflanzt und eingeprägt wurde, auch in Form einer schulgerechten Abhandlung erschlossen werde.

26. Wenn ich nun darangehe, über das Nützliche zu sprechen, möchte ich jenes Verses beim Propheten mich bedienen: „Wende mein Herz zu Deinen Zeugnissen und nicht zur Habsucht!“9 Der Laut des Nützlichen soll nicht die Geldgier reizen. So lesen denn auch andere: „Wende mein Herz zu Deinen Zeugnissen und nicht zum Nutzen“, d. i. jenem auf das Feilschen und Markten ausgehenden, jenem nach der Leute Brauch auf Geldgier bedachten und gerichteten Nutzen! Gewöhnlich nennt man ja nur das nützlich, was Gewinn einträgt. Wir aber handeln von jenem Nutzen, den man unter Nachteilen sucht, um Christus zu gewinnen10. Sein Gewinn besteht in der Frömmigkeit, verbunden mit Genügsamkeit11. Fürwahr ein großer Gewinn, wenn wir damit die Frömmigkeit erwerben, die bei Gott reich ist nicht an vergänglichen Schätzen, sondern an ewigen Gaben, die nicht verführerische Versuchung, sondern beständige und unvergängliche Gnade bergen.

27. So gibt es denn nach der Einteilung des Apostels einesteils einen Nutzen des Leibes, andernteils einen der Frömmigkeit. „Das leibliche Mühen nämlich“, versichert er, „ist zu wenigem nützlich; die Frömmigkeit aber ist zu allem nützlich“12. Was aber wäre so ehrbar als die Jungfräulichkeit? Was so schicklich, als den Leib unbefleckt, die Reinheit unverletzt und unversehrt zu bewahren? Was desgleichen so schicklich, als daß eine Witwe ihrem verstorbenen Gatten die Treue hält? Was nützlicher als ein Verdienst, durch das man sich [S. 148] den Himmel erwirbt? Denn „es gibt solche, die der Ehe entsagt haben um des Himmelreiches willen“13.

1: 1 Tim. 4, 8.
2: 1 Kor. 6, 12.
3: Vgl. 1 Kor. 6, 13.
4: Vgl. Cic. l. c. 3, 10.
5: Ps. 29, 10 [Hebr. Ps. 30, 10].
6: Weish. 2, 12.
7: Matth. 26, 14 ff.
8: 1 Kor. 7, 35.
9: Ps. 118, 36 [Hebr. Ps. 119, 36].
10: Phil. 3, 7 f.
11: 1 Tim. 6, 6.
12: 1 Tim. 4, 8.
13: Matth. 19, 12.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Von den Pflichten der Kirchendiener
Bilder Vorlage

Navigation
Erstes Buch: Vom Sittl...
Zweites Buch: Vom Nüt...
. . I. Kapitel
. . II. Kapitel
. . III. Kapitel
. . IV. Kapitel
. . V. Kapitel
. . VI. Kapitel
. . VII. Kapitel
. . VIII. Kapitel
. . IX. Kapitel
. . X. Kapitel
. . XI. Kapitel
. . XII. Kapitel
. . XIII. Kapitel
. . XIV. Kapitel
. . XV. Kapitel
. . XVI. Kapitel
. . XVII. Kapitel
. . XVIII. Kapitel
. . XIX. Kapitel
. . Mehr
Drittes Buch: Vom Verh...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger