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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Zweites Buch: Vom Nützlichen

V. Kapitel

Vom seligen Leben: Die äußeren Güter tragen nicht bloß nichts zur Seligkeit bei, sondern beeinträchtigen sie obendrein (16—18). Bedenken dagegen (19) lassen sich durch biblische Beispiele (20) und durch Kongruenzgründe (21) zerstreuen.

16. Aber auch umgekehrt: die Scheingüter Reichtum, Genuß und Freude, die kein Leid trübt, sind nach dem klar ausgesprochenen Urteil des Herrn für den Seligkeitsgenuß von Nachteil. Denn es heißt: „Wehe [S. 143] euch Reichen, denn ihr habt euren Trost! Wehe euch, die ihr gesättigt seid, denn ihr werdet hungern; (wehe) den Lachenden, denn sie werden trauern!“1 So sind also die leiblichen und äußeren Güter nicht bloß kein Vorteil für das selige Leben, sondern sogar ein Nachteil.

17. Daher denn war Naboth, selbst da er vom Reichen gesteinigt wurde, selig. Arm und schwach der Macht des Königs gegenüber, besaß er nämlich als einzigen Reichtum soviel Gefühl und Rücksicht, daß er den ererbten väterlichen Weinberg um des Königs Geld nicht vertauschen mochte; und war eben darum vollkommen, weil er den rechtlichen Besitz seiner Vorfahren mit dem eigenen Blute verteidigte. Daher war aber auch Achab sogar nach seinem eigenen Urteil unselig, weil er den Armen töten ließ, um in den Besitz seines Weinberges zu gelangen2.

18. Soviel ist gewiß: die Tugend ist das einzige und höchste Gut und allein übervoll der Frucht des ewigen Lebens; nicht die äußeren oder die leiblichen Güter, sondern nur die Tugend verschafft das selige Leben, durch das man das ewige Leben erlangt. Das selige Leben beruht im Gegenwärtigen, das ewige Leben aber in der Hoffnung auf das Zukünftige.

19. Und doch gibt es Leute, die das selige Leben in diesem so schwächlichen, so gebrechlichen Leibe für ausgeschlossen halten, da er notwendig Drangsale, Leiden, Tränen und Siechtum mit sich führt: als ob ich fürwahr behaupten wollte, das selige Leben beruhe im Wohlbefinden des Leibes und nicht in der Tiefe der Weisheit, in der süßen Ruhe des Gewissens, im Hochgefühl der Tugend. Denn selig sein heißt nicht ein Leidender, sondern Sieger über das Leiden sein und nicht unter der Regung des zeitlichen Schmerzes zusammenbrechen.

20. Setze den Fall, es treten Heimsuchungen ein, [S. 144] die sich angesichts des bitteren Schmerzes schwer ertragen lassen: Blindheit, Verbannung, Hunger, Entehrung einer Tochter, Verlust der Kinder. Wer möchte leugnen, daß Isaak selig gewesen ist, der im Alter nicht mehr sah und durch seine Segensworte Seligkeiten spendete?3 Oder war Jakob nicht selig, der, aus dem Vaterhause flüchtig, als gedungener Hirte die Verbannung ertragen, die Schändung seiner Tochter beklagen, Hunger leiden mußte?4 Jene Männer sollten nicht selig gewesen sein, durch deren Glauben Gott bezeugt wird, so oft es heißt: „Der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs“?5 Unselig ist die Knechtschaft, doch nicht unselig Joseph, vielmehr über die Maßen selig, da er in der Knechtschaft schmachtend den Lüsten seiner Herrin wehrte6. Was soll ich vom heiligen David sagen, der den Tod dreier Söhne7 und, was noch härter war, die Blutschande seiner Tochter8 zu beklagen hatte? Wie sollte er nicht selig gewesen sein, da aus seiner Nachkommenschaft der Urheber der Seligkeit hervorging, der so viele selig machte? Denn „selig, die nicht gesehen und doch geglaubt haben!“9 Auch sie fühlten sich schwach, erstarkten aber aus Schwachen zu Helden. Was aber gab es Leidvolleres als den heiligen Job, sei es wegen der Einäscherung seines Hauses, sei es wegen des plötzlichen Todes seiner zehn Kinder und seiner körperlichen Schmerzen?10 Wäre er etwa seliger gewesen, wenn er die Prüfungen, in denen er sich noch mehr erproben konnte, nicht ertragen hätte?

21. Doch es soll zugestanden werden, daß darin ein bitterer Wermutstropfen, ein Schmerz lag, den die Tugend der Seele nicht verbergen konnte. Ich möchte [S. 145] ja auch vom Meere nicht leugnen, daß es tief ist, weil die Ufer seicht sind; noch vom Himmel, daß er glänzt, weil er zuweilen von Wolken überzogen ist; oder von der Erde, daß sie fruchtbar ist, weil da und dort magerer Kiesboden sich findet; oder von den Saaten, daß sie froh sich wiegen, weil sie dazwischen gern einen tauben Halm haben. Ebenso glaube, daß die Erntefrucht des guten Gewissens von einigem Bitterkraut des Schmerzes durchsetzt ist! Wird nicht das Widerwärtige und Bittere, das etwa eintritt, wie ein tauber Halm von den Garben des seligen Gesamtlebens verdeckt oder wie der herbe Lolch vom schmackhaften Getreide verhüllt? — Doch jetzt zu unserem Gegenstand11.

1: Luk. 6, 24 f.
2: 3 Kön. c. 21 [= 1 Könige].
3: Gen. 27, 1 ff.
4: Gen. c. 28 f. 34.
5: Exod. 3, 6; 4, 5. Vgl. Matth. 22, 32.
6: Gen. 39, 7 ff.
7: 2 Kön. 12, 18; 13, 28 f.; 18, 14 f. [= 2 Samuel].
8: 2 Kön. 13, 1 ff. [= 2 Samuel].
9: Joh. 20, 29.
10: Job 1, 14 ff.; 2, 7 ff.
11: Mit denselben Worten leitet auch Cic. l. c. II 2, 8 nach dem Eingang zur Abhandlung über.

 

 

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