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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Zweites Buch: Vom Nützlichen

IV. Kapitel

Vom seligen Leben: Durch Leiden und Widerwärtigkeiten erfährt es nicht bloß keinen Eintrag, sondern vielmehr Förderung. Biblische Beispiele (10—14) und Christi Seligpreisungen (15) beweisen das.

10. Selbst mit dem Schmerz verträgt sich die Seligkeit; denn die Tugend, voll Süßigkeit, sich selbst überreich an inneren Gütern, sei es an Gewissens-, sei es an Gnadengütern, dämpft und stillt ihn. Nicht wenig selig war Moses, da er, vom ägyptischen Volke rings bedrängt und vom Meere eingeschlossen, kraft seiner frommen Verdienste für sich und das Vätervolk einen gangbaren Weg durch die Fluten gefunden hatte1. Wann aber wäre er starkmütiger gewesen als damals, da er, von äußersten Gefahren umgeben, nicht an der Rettung verzweifelte, sondern den Sieg erzwang?

11. Wie steht es bei Aaron? Wann hätte er sich seliger gefühlt als damals, da er in der Mitte zwischen den Lebenden und Toten stand und sich selbst dem Tode entgegenstellte und ihm Einhalt gebot, daß er nicht von den Leichen der Toten zu den Scharen der Lebendigen überginge?2 Was soll ich vom Knaben Daniel reden, der so weise war, daß er inmitten der von [S. 141] Hunger gereizten Löwen nimmer aus Angst vor der Wut der Bestien die Fassung verlor; so furchtlos, daß er ohne Besorgnis, er möchte durch sein Beispiel die wilden Tiere zur Freßgier reizen, zu essen vermochte?3

12. So birgt auch im Leid sich Tugend, die das süße Glück eines guten Gewissens genießt und so den Beweis liefert, daß der Schmerz den Genuß der Tugend nicht beeinträchtigt. Wie nun die Tugend durch Schmerz keinerlei Einbuße erfährt, so durch leiblichen Genuß oder günstige äußere Vorteile keinerlei Zuwachs. Mit Rücksicht darauf spricht der Apostel so schön: „Was mir Gewinn gewesen, das erachtete ich um Christus willen für Nachteil“4. Und er fügte hinzu: „Um seinetwillen erachtete ich alles für Schaden und halte es für Kot, um Christus zu gewinnen“5.

13. Darum glaubte denn auch Moses, die Schätze der Ägypter seien für ihn nur Nachteil, und zog ihnen die Schmach des Kreuzes des Herrn vor: weder damals reich trotz Überfluß an Geld, noch später arm trotz Mangel an Nahrung, es müßte denn sein, daß er einem damals, als es ihm und seinem Volke in der Wüste an Nahrung gebrach, weniger selig dünkte. Doch da ward ihm — und niemand dürfte dem den Charakter höchsten Gutes und höchster Seligkeit abzusprechen wagen — das Manna, d. i. das Brot der Engel vom Himmel gereicht; desgleichen gab es auf den täglichen Regen Fleisch im Überfluß zur Nahrung des ganzen Volkes6.

14. Ebenso hätte es dem heiligen Elias an Brot zum Lebensunterhalte gefehlt, würde es dessen Erwerbes bedurft haben; aber es mangelte offensichtlich nicht, weil es dessen nicht bedurfte: durch der Raben täglichen Dienst ward ihm des Morgens Brot, des Abends Fleisch herbeigebracht7. War er etwa deshalb weniger selig, [S. 142] weil er für sich selbst dürftig war? Keineswegs. Im Gegenteil, um so seliger, weil er für Gott reich war8. Denn besser ist es für andere, als für sich reich zu sein, wie er es war. Er erbat sich in der Hungersnot von einer Witwe Speise, um ihr die Wohltat zu erweisen, daß der Mehltopf drei Jahre und sechs Monate lang nicht ausging, und das Ölgefäß der armen Witwe den täglichen Bedarf hinlänglich deckte und bot9. Mit Recht wollte Petrus dort sein, wo er solche Selige schaute10. Mit Recht erschienen sie auf dem Berge mit Christus in der Verklärung11, weil auch dieser arm wurde, da er reich war12.

15. So trägt denn Reichtum nichts zum seligen Leben bei. Das bezeugte der Herr klar im Evangelium mit den Worten: „Selig, ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes! Selig, die jetzt hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden! Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen!“13 Damit ist klar und deutlich ausgesprochen, daß Armut, Hunger, Schmerz, die man für Übel hält, nicht bloß kein Hindernis, sondern sogar eine Förderung für das selige Leben bilden.

1: Exod. c. 14.
2: Num. 16, 47 f.
3: Dan. 14, 30 ff.
4: Phil. 3, 7.
5: Phil 3, 8.
6: Exod. 18, 13 ff. Num. 11, 31 ff.
7: 3 Kön. 17, 6 [= 1 Könige].
8: Vgl. Luk. 12, 21.
9: 3 Kön. 17, 10 ff. [= 1 Könige].
10: Matth. 17, 4.
11: Matth. 17, 3.
12: 2 Kor. 8, 9.
13: Luk. 6, 20 f.

 

 

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