Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Zweites Buch: Vom Nützlichen

XXVI. Kapitel

Vom Nützlichen: Die Habsucht ein uraltes Laster, wie aus vielen Beispielen der Hl. Schrift erhellt (129—131). Wie töricht, daß man nur den Vermöglichen für ehrenwert hält (132)!

129. Übrigens ist die Bewunderung des Reichtums so Sitte bei den Menschen geworden, daß niemand als der Reiche für ehrenwert gilt1. Dieser Brauch ist nicht neu. Schon längst, und das ist noch schlimmer, hat sich vielmehr dieses Übel im Menschengeiste eingebürgert. Machte doch, als die große Stadt Jericho auf den Schall der Priestertrompeten eingestürzt war und Jesus Nave den Sieg davon trug2, letzterer die Beobachtung, daß die Tugend des Volkes durch Habsucht und Goldgier geschwächt sei. Denn als Achan3 von der Beute der eingeäscherten Stadt ein goldenes Gewand und zweihundert Doppeldrachmen Silber und eine goldene Zunge fortgenommen hatte, vermochte er es, vor den Herrn gestellt, nicht zu leugnen, sondern gestand den Diebstahl ein4.

130. Etwas Uraltes ist sonach die Habsucht. Ihr Anfang fällt mit dem Eintritt des göttlichen Gesetzes selbst zusammen, ja gerade zu ihrer Unterdrückung [S. 193] wurde das Gesetz gegeben5. Aus Habsucht, so meinte Balak, lasse sich Balaam durch Belohnungen gewinnen, dem Volke der Väter zu fluchen. Und die Habsucht hätte auch den Sieg davongetragen, hätte nicht der Herr ihm befohlen, von der Verfluchung abzustehen6. Aus Habsucht war Achan gefallen und hatte das ganze Vätervolk ins Verderben gestürzt7. Jesus Nave, der die Sonne zum Stillstehen zu bringen vermochte, daß sie nicht weiter rückte, konnte der Habsucht nicht Einhalt tun, daß sie nicht um sich greife. Auf sein Wort hielt die Sonne inne, die Habsucht hielt nicht inne. Beim Stillstand der Sonne errang Jesus einen glänzenden Sieg, beim Fortschreiten der Habsucht verlor er beinahe den Sieg8.

131. Wie? Beirrte nicht des Weibes Dalila Habsucht den Stärksten von allen, Samson?9 Er, der einen brüllenden Löwen mit seinen Händen zerriß10; der gebunden und den Fremden ausgeliefert, allein die Fesseln sprengte, ohne daß ihm jemand half, und tausend Mann von ihnen tötete; der Seile, aus Sehnen geflochten, wie schwache Spartonfäden zerriß11: er beugte seinen Nacken auf die Knie eines Weibes, ließ sich scheren und verlor so den Schmuck seines unbesieglichen Haares, den einzigartigen Vorzug seiner Kraft. Das Geld floß in den Schoß des Weibes, und die Gnade wich vom Helden12.

132. Verderblich also ist die Habsucht, verführerisch das Geld, das die Besitzenden mit Schuld befleckt, den Nichtbesitzenden nicht frommt. Gesetzt aber, das Geld komme einmal auch einem Geringeren zunutze, freilich auch ihm nur, weil er danach verlangte: warum wendet man sich mit seinem Interesse nicht auch jenem zu, der nicht danach verlangt, der nicht darauf ausgeht, der kein Bedürfnis nach solcher Hilfe empfindet? [S. 194] Warum nur anderen, wenn nämlich der Besitzende besonders vermöglich ist? Ist dieser vielleicht deshalb ehrenwerter, weil er einen Besitz hat, durch den die Ehrenhaftigkeit so oft verloren geht? Eine Habe, die er mehr zu bewahren als zu besitzen hat? Denn nur das besitzen wir, was uns zum Gebrauch dient; was darüber hinausgeht, das bringt wahrlich keine Besitzfrucht, sondern nur die Gefahr der Bewachung.

1: Nach Cic. l. c. 20, 71 ist die Bewunderung des Reichtums eine Quelle sittlicher Verderbtheit.
2: Jos. c. 6.
3: Ambr. (It. nach LXX) liest Achar.
4: Jos. c. 7.
5: Vgl. Exod. 20, 17.
6: Num. 22, 2 ff.
7: Jos. c. 7.
8: Vgl. Jos. 10, 12 ff.
9: Richt. 16, 4 ff.
10: Richt. 14, 5 f.
11: Richt. 15, 9 ff.
12: Richt. 16, 18 f.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Von den Pflichten der Kirchendiener
Bilder Vorlage

Navigation
Erstes Buch: Vom Sittl...
Zweites Buch: Vom Nüt...
. . Mehr
. . XIII. Kapitel
. . XIV. Kapitel
. . XV. Kapitel
. . XVI. Kapitel
. . XVII. Kapitel
. . XVIII. Kapitel
. . XIX. Kapitel
. . XX. Kapitel
. . XXI. Kapitel
. . XXII. Kapitel
. . XXIII. Kapitel
. . XXIV. Kapitel
. . XXV. Kapitel
. . XXVI. Kapitel
. . XXVII. Kapitel
. . XXVIII. Kapitel
. . XXIX. Kapitel
. . XXX. Kapitel
Drittes Buch: Vom Verh...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger