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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Zweites Buch: Vom Nützlichen

XXII. Kapitel

Vom Nützlichen: Zu große Nachsicht und zu große Strenge ist zu vermeiden (112). Alles Unwahrhaftige ist nicht von Dauer. Absalons abschreckendes Beispiel (113—116).

112. Sogar auch in Wort und Befehl ist Maßhalten angezeigt. Es soll hierbei weder zu große Nachsicht noch zu große Strenge zutage treten. So mancher möchte lieber etwas nachsichtig sein, um gut zu erscheinen. Doch das ist gewiß: keine Heuchelei und Verstellung hat mit wahrer Tugend etwas gemein. Ja sie pflegt auch gar nicht von langer Dauer zu sein. Anfänglich gedeiht sie, allmählich verweht und vergeht sie wie eine schwächliche Blüte. Das Wahre und Aufrichtige aber schlägt tiefe Wurzel.

113. Um nun unsere Behauptungen durch Beispiele zu erhärten, daß Heuchelei nicht von Dauer sein kann, sondern wie vergängliche Blüte rasch abfällt, wollen wir zum Belege nur einen Fall von Heuchelei und Trug aus jener Familie herausgreifen, der wir schon so viele Beispiele zu unserer Tugendförderung entnommen haben.

114. Absalon war ein Sohn König Davids, von einzigartiger Schönheit, herrlicher Gestalt, ausnehmender Jugendlichkeit, so daß sich kein solcher Mann in Israel fand, ohne Fehl von der Fußsohle bis zum Scheitel1. Derselbe „schaffte sich Wagen und Rosse an und fünfzig Mann, die vor ihm hergingen. Er stand in der Frühe auf und stellte sich vor das Tor an den Weg, und wenn er jemand sah, der des Königs Entscheidungen [S. 186] suchte, trat er zu ihm hinzu und fragte: Aus welcher Stadt bist du? Wenn er dann erwiderte: Aus einem von den Stämmen Israels bin ich, dein Diener, da versetzte Absalon: Deine Worte sind gut und recht; und ist dir niemand vom Könige bestellt, der dir Gehör schenkt? Wer will mich als Richter aufstellen? Und wer immer zu mir kommt, wer immer ein Urteil braucht, gegen den werde ich recht handeln“2. Mit solchen Reden suchte er jeden zu gewinnen. „Und wenn die Leute ihm nahten, um ihm ihre Ehrfurcht zu bezeugen, streckte er ihnen die Hände entgegen, faßte sie und küßte sie“3. So nun gewann er sich aller Herzen, indem solche Schmeicheleien die Gefühlssaite der innersten Seele berühren.

115. Jene gemächlichen und ehrgeizigen Leute aber zogen das vor, was sie für einen Augenblick ehrte und angenehm und wohltuend berührte. Als ein kleiner Aufschub (im Kampf gegen Absalon) statt hatte, den der klügste Prophet von allen durch eine kurze Pause eintreten lassen zu sollen glaubte4, konnten sie’s nicht leiden und ertragen. Schließlich empfahl David, der am Siege nicht zweifelte, seinen Sohn den Kriegern, die zum Kampf bereit standen, daß sie seiner schonten5. Eben darum wollte er auch nicht selbst am Kampfe teilnehmen6. Es sollte nicht scheinen, daß er auch nur zur Gegenwehr wider den die Waffen ergreife, der zwar dem Vater nach dem Leben strebte, aber doch sein Sohn war.

116. So ist denn klar, daß nur das von Dauer und Bestand ist, was wahr ist, und was man lieber ehrlich denn hinterlistig gewinnt; daß hingegen das, was man sich durch Heuchelei und Schmeichelei verschaffte, nicht von langer Dauer sein kann.

1: 2 Kön. 14, 25 [= 2 Samuel].
2: 2 Kön. 15, 1—4 [= 2 Samuel].
3: 2 Kön. 15, 5 [= 2 Samuel].
4: 2 Kön. 17, 16 [= 2 Samuel].
5: 2 Kön. 18, 5 [= 2 Samuel].
6: 2 Kön. 18, 3 f. [= 2 Samuel].

 

 

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Einleitung: Von den Pflichten der Kirchendiener
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger