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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Zweites Buch: Vom Nützlichen

XXI. Kapitel

Vom Nützlichen: Gar sehr empfiehlt einen die Beschützung der Schwachen (102) und die Übung der Gastfreundschaft (103—108). Die zwei Arten des Gebens : Freigebigkeit und Verschwendung (109—110). Gerade dem Priester geziemt Maß in der Freigebigkeit (111).

102. Auch das trägt zur Förderung des guten Rufes bei, wenn man einen Armen den Händen eines Mächtigen entreißt, einen Verurteilten vom Tode errettet, soweit es ohne Aufsehen und Aufregung geschehen kann; es soll ja nicht den Anschein gewinnen, als handelten wir mehr aus Prahlerei denn aus Mitleid und schlügen, während wir leichtere Wunden zu heilen wünschen, schwere. Wenn man nämlich einen bedrängten Menschen, der mehr unter der Gewalttat und Machenschaft eines Mächtigen, als unter der verdienten Strafe für ein Verbrechen leidet, befreit, so gewinnt der gute Ruf, in dem man steht.

103. Gar manchem dient auch die Gastlichkeit zur Empfehlung1. Die allgemeine Tugend der Menschenfreundlichkeit verlangt nämlich, daß der Fremde nicht der gastlichen Herberge entrate; daß er zuvorkommend aufgenommen werde; daß ihm beim Kommen die Türe offen stehe. In der ganzen Welt gilt es für überaus edel, Fremde in Ehren aufzunehmen, es nicht am gastlichen Tische fehlen zu lassen, den Gästen mit Erweisen von Freigebigkeit entgegenzukommen, nach ihrer Ankunft sich zu erkundigen.

[S. 182] 104. Dieses Lob nun fand Abraham, der vor seiner Türe sich umsah, daß kein Fremdling etwa vorübergehe; der Obacht gab, um einem Gast entgegenzueilen, ihm zuvorzukommen, ihn mit Bitten zu bestürmen, er möchte nicht vorbeigehen. „Herr“, so bat er, „wenn ich Gnade vor dir gefunden habe, so geh nicht vorüber an deinem Diener“2. Dafür erhielt er zum Lohn seiner Gastlichkeit die Frucht der Nachkommenschaft3.

105. Ebenso wendete sein Neffe Lot, nicht bloß der Abstammung, sondern auch der Tugend nach sein Nächstverwandter, infolge seiner gastfreundlichen Gesinnung die Strafe der Sodomiten von sich und den Seinigen ab4.

106. So geziemt es sich denn, gastlich, wohlwollend, gerecht zu sein, nicht fremdes Gut zu begehren, vielmehr, wenn man herausgefordert wird, lieber irgendwie auf sein eigenes Recht zu verzichten, als an fremden Rechten zu rühren, Streitigkeiten zu meiden, Gezänke zu verabscheuen, Eintracht und holden Frieden wiederherzustellen. Ist doch der etwaige Rechtsverzicht von seiten der Guten nicht bloß ein Akt der Freigebigkeit, sondern gar oft auch eine Quelle des Vorteils. Fürs erste ist es kein geringer Gewinn, von Prozeßkosten verschont zu bleiben; dazu kommt als weitere Frucht die Mehrung der Freundschaft, aus der so viele Vorteile entspringen, die dem, der für den Augenblick einigen Verzicht leistet, später reichen Segen zeitigen werden.

107. Der Pflichtenkreis der Gastfreundschaft schließt gegen jedermann das Gebot der Menschenfreundlichkeit in sich, ein besonders reiches Maß von Ehrenbezeigung aber gebührt dem Gerechten. Denn „wer immer einen Gerechten im Namen eines Gerechten aufnimmt, wird den Lohn des Gerechten empfangen“5, [S. 183] wie der Herr feierlich versicherte. Soviel gilt Gastfreundschaft bei Gott, daß selbst der Trunk kalten Wassers nicht unbelohnt bleibt6. Du siehst, wie Abraham, da er sich nach Gästen umsah, Gott selbst gastlich aufnehmen durfte7. Du siehst, wie Lot Engel beherbergte8. Wer weiß, ob nicht auch du, wenn du einen Gast aufnimmst, Christus aufnimmst? Doch im Gaste selbst birgt sich Christus, wie er im Armen sich birgt. So beteuert er selbst: „Ich war im Gefängnisse, und ihr seid zu mir gekommen“; „ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet“9.

108. Süß ist’s, nicht auf Geld, sondern auf Liebenswürdigkeit bedacht zu sein. Doch hat jenes Übel sich längst in den menschlichen Sinn eingeschlichen, wonach Geld als Ehrensache gilt und das Menschenherz von Bewunderung für den Reichtum eingenommen ist10. Daher die Habsucht, die wie eine Dürre eingedrungen ist, die den Pflichtenkreis des Guten verheert, so daß der Mensch jeden Aufwand für Verlust erachtet, der über das herkömmliche Maß hinaus gemacht wird. Doch auch in diesem Punkte hat die ehrwürdige Schrift, um jede Schwierigkeit abzuschneiden, die man machen könnte, wider die Habsucht Vorsorge getroffen, indem sie erklärte: „Besser ist die Gastfreundschaft bei Gemüse“11, und im Folgenden: „Besser ist Brot in Lust genossen mit Frieden“12. Nicht verschwenderisch nämlich, wohl aber freigebig sollen wir nach der Lehre der Schrift sein.

109. Es gibt nämlich zwei Arten des Gebens: die eine besteht in Freigebigkeit, die andere in Verschwendung und Vergeudung13. Freigebigkeit ist es, einen Gast [S. 184] aufzunehmen, einen Nackten zu bekleiden, Gefangene loszukaufen, Dürftige durch eine Geldspende zu unterstützen14; Verschwendung ist es, bei kostspieligen Gelagen und reichlichem Weingenuß zu schlemmen. Daher lasest du: „Eine Verschwendung ist der Wein und eine Schande die Trunkenheit“15. Verschwendung ist es, um der Gunst der Leute willen sein Vermögen zu vergeuden, was jene tun, welche mit Zirkus- oder mit Theaterspielen, sowie mit Gladiatorenkämpfen oder aber mit Jagden ihr Vermögen vergeuden16, um Berühmtheiten aus den höheren Kreisen17 noch zu übertrumpfen. Ist doch all das, was sie treiben, eitel Ding, da es sogar ungeziemend ist, in Aufwendungen für gute Werke das rechte Maß zu überschreiten.

110. Rechte Freigebigkeit hält selbst gegen Arme Maß, um für eine größere Anzahl genügend zu haben, und geht auch aus Gunsthäscherei nicht über das Maß hinaus. Nur was aus reiner und aufrichtiger Gesinnung kommt, ist geziemend: nicht an unnötige Bauten heranzutreten, notwendige nicht zu unterlassen.

111. Am meisten schickt sich für den Priester folgendes: den Gottestempel mit geziemendem Schmuck zu zieren, damit der Palast des Herrn auch im Schimmer solcher Gottesverehrung erstrahle; häufige Spenden zu reichen, wie es sich für die Barmherzigkeit gebührt; nötigenfalls Fremden mitzuteilen, nicht in Überfluß, sondern was sich gehört, nicht in Übermaß, sondern was der Menschenfreundlichkeit angemessen ist. Er soll nicht mittels des Armenaufwandes fremde Gunst erschleichen, gegen die Kleriker weder zu knauserig noch zu freigebig sich erweisen. Das eine verstieße gegen die Menschenfreundlichkeit, das andere wäre Verschwendung, wenn einerseits die Mittel zur Linderung der Not derer, die man schmutziger Erwerbstätigkeit [S. 185] entziehen sollte, fehlen, andrerseits zu Vergnügen in Überfluß vorhanden sein würden.

1: Über die Pflicht der Gastfreundschaft siehe Cic. l. c. 18, 64.
2: Gen. 18, 1—3.
3: Gen. 18, 10. 14.
4: Gen. 19, 1 ff.
5: Matth. 10, 41.
6: Matth. 10, 42.
7: Gen. 18, 2.
8: Gen. 19, 1.
9: Matth. 25, 36.
10: Vgl. Cic. l. c. 20, 71 (vgl. unten 26, 129).
11: Sprichw. 15, 17.
12: Sprichw. 17, 1.
13: Nach Cic. l. c. 16, 55.
14: Vgl. Matth. 25, 35 f.
15: Sprichw. 20, 1.
16: Nähere Ausführung bei Cic. l. c. 16, 55—17, 60.
17: Bei Cic. l. c. 16, 55—17, 60 werden solche mit Namen aufgeführt.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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