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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Zweites Buch: Vom Nützlichen

XVII. Kapitel

[S. 174] Vom Nützlichen: Notwendige Eigenschaften eines Ratgebers (86). Vorbilder der Patriarch Joseph (87—88) und der Apostel Paulus (89—92).

86. Wer dem Nächsten Rat erteilen will, muß so beschaffen sein, daß er sich selbst anderen gegenüber als eine mustergültige Norm des guten Handelns erweist in Gelehrsamkeit, in Unsträflichkeit, in Würde, so daß sein Wort heilsam und untadelig, sein Rat nützlich, sein Leben ehrbar, seine Gesinnung lauter sei1.

87. So beschaffen war Paulus, der in der Weise den Jungfrauen Rat2, den Priestern Unterweisung gab3, daß er sich uns erst selbst als Vorbild zur Nachahmung hinstellte. Daher „wußte er sich zu demütigen“4, wie es auch Joseph wußte, der, ein Sprößling des hochedlen Patriarchengeschlechtes, den niederen Sklavendienst nicht verschmähte, ihn vielmehr in Gehorsam leistete und mit Tugenden adelte. Er wußte sich zu demütigen, der dem Verkäufer und Käufer sich fügte und letzteren seinen Herrn nannte. Vernimm, wie er sich demütigte! „Wenn mein Herr meinetwegen um nichts in seinem Hause weiß und alles, was er hat, in meine Hände gegeben hat, und mir nichts entzogen ist, ausgenommen dich, seine Gemahlin: wie dürfte ich dieses böse Werk verüben und sündigen vor Gott?“5 Eine Rede voll Demut, voll Keuschheit: voll Demut, weil seinem Herrn ergeben; voll Ehrerbietung, weil dankbar; voll Keuschheit desgleichen, weil er es für schwere Sünde hielt, mit einer Schandtat sich zu beflecken.

88. So muß denn ein Ratgeber beschaffen sein: nichts Unklares, nichts Trügerisches, nichts Erlogenes, [S. 175] nichts Erheucheltes, was sein Leben und seinen Charakter in schiefes Licht stellen würde, nichts Ruchloses und Böswilliges, was die Ratsuchenden abstoßen würde, darf er an sich haben. Das eine nämlich würde man fliehen, das andere verachten. Was Schaden anrichten, was, bösartig wie schleichendes Gift, Unheil anstiften könnte, das fliehen wir. Wenn beispielsweise der, den man um Rat fragen will, von unzuverlässigem Charakter und geldgierig wäre, so daß er sich um Geld umstimmen ließe, wenn er zur Ungerechtigkeit neigte, so flieht und meidet man ihn. Wer dagegen genußsüchtig, unenthaltsam und, wenn auch nicht trügerisch, doch habsüchtig und gewinnsüchtig wäre, den verachtet man. Welchen Beweis von Eifer, welche Frucht an Arbeit könnte denn einer aufweisen, welcher Wachsamkeit und Sorgfalt innerlich sich befleißigen, der sich der Gleichgültigkeit und Trägheit hingibt?

89. Darum das Bekenntnis eines guten Ratgebers: „Ich aber habe gelernt mich mit dem, was ich habe, zu begnügen“6. Er wußte nämlich, daß die Habsucht die Wurzel aller Übel ist7, und war daher mit dem Seinigen zufrieden und verlangte nicht nach fremdem Gut. Mir genügt, wollte er sagen, was ich habe; ob ich weniger habe oder viel, für mich ist’s viel. Eins, wie es scheint, verdient ausdrücklich hervorgehoben zu werden. Er bediente sich nämlich einer bezeichnenden Wendung: „Mir genügt, was ich habe“, spricht er, d. i. ich habe weder Mangel noch Überfluß: nicht Mangel, weil ich nichts Weiteres verlange; nicht Überfluß, weil mein Besitz nicht mir allein, sondern der Mehrzahl frommt. Soviel, was den Geldpunkt betrifft.

90. Im übrigen kann man ganz allgemein sagen: Er begnügte sich mit dem, was er augenblicklich besaß, d. i. er verlangte nicht nach größerer Auszeichnung, nicht nach mehr Gefälligkeiten, war nicht übermäßig ruhmsüchtig oder haschte nicht ungebührlich nach Gunst, sondern harrte, voll Geduld im Leiden und [S. 176] seines Verdienstes gewiß, auf das Ende des pflichtschuldigen Kampfes. „Ich weiß mich auch zu demütigen“, beteuert er8. Nicht also unbewußte, sondern selbstbeherrschende und selbstbewußte Demut findet hier Lob. Es gibt ja auch eine Demut voll Furchtsamkeit, es gibt eine volle Unerfahrenheit und Unwissenheit. Daher das Schriftwort: „Und die Demütigen im Geiste wird er retten“9. Ein prächtiges Wort: „Ich weiß mich auch zu demütigen“, nämlich an welchem Platz, in welchem Maß, zu welchem Zweck, zu welchem Dienst, in welchem Amt. Der Pharisäer wußte sich nicht zu demütigen, er ward darum erniedrigt; der Zöllner wußte es, er ward darum gerechtfertigt10.

91. Auch in Überfluß zu leben, verstand Paulus11, weil er ein reiches Herz besaß, wenn auch nicht eines Reichen Schatz. Er verstand es, in Überfluß zu leben, weil er keine Gabe in Geld verlangte, sondern Frucht in der Gnade zu erzielen trachtete. Auch so können wir es verstehen: Er verstand es, in Überfluß zu leben, weil er sprechen konnte: „Unser Mund ist aufgetan gen euch, ihr Korinther, unser Herz ist weit geworden“12.

92. In allem war er heimisch, im Sattwerden und Hungern13. Selig, der es verstand, in Christus sich zu sättigen! Nicht eine leibliche, sondern eine geistige Sättigung ist es, welche das Wissen bewirkt. Und mit Recht tut das Wissen not; denn „der Mensch lebt nicht vom Brote allein, sondern von jeglichem Worte Gottes“14. Wer also so sich zu sättigen und zu hungern verstand, der verstand nach Gott zu hungern, nach Gott zu dürsten, um immer neue Genüsse sich zu verschaffen. Er wußte zu hungern, weil er wußte, daß die Hungernden essen werden15. Er wußte und vermochte in Überfluß zu leben, weil er nichts hatte und alles besaß16.

1: Vgl. Tit. 2, 7 f. 1 Tim. 4, 12.
2: Vgl. 1 Kor. 7, 25 ff.
3: Namentlich in den Pastoralbriefen.
4: Vgl. Phil. 4, 12.
5: Gen. 39, 8 f.
6: Phil. 4, 11.
7: 1 Tim. 6, 10.
8: Phil. 4, 12.
9: Ps. 33, 19 [Hebr. Ps. 34, 19].
10: Luk. 18, 10 ff.
11: Phil. 4, 12.
12: 2 Kor. 6, 11.
13: Phil. 4, 12.
14: Matth. 4, 4 bezw. Deut. 8, 3.
15: Matth. 5, 6.
16: 2 Kor. 6, 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger