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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Zweites Buch: Vom Nützlichen

XVI. Kapitel

Vom Nützlichen: Die Freigebigkeit halte Maß, um nicht Unwürdige zu unterstützen (76—77), und zwar das Mittelmaß zwischen Knauserei und Verschwendung (78). Das vorbildliche Beispiel des Patriarchen Joseph (79—85).

76. Es ist klar, daß es in der Freigebigkeit ein Maß geben muß. Das Geben darf nicht zwecklos sein, es muß vielmehr eine vernünftige Grenze dabei eingehalten werden1, besonders von seiten der Priester, daß sie [S. 169] sich beim Ausspenden nicht von Prahlsucht, sondern von Gerechtigkeit leiten lassen2. Nirgend sonst gebärdet sich nämlich der Bettel zudringlicher. Da kommen kräftige Burschen, kommen Leute aus keinem anderen Grund als aus Stromerei und wollen die Armenunterstützungen aufzehren, deren Aufwand aufbrauchen. Mit Wenigem nicht zufrieden, verlangen sie größere Spenden, suchen mit der Kleidertracht ihrem Bettel nachzuhelfen und unter Vorspiegelung des Geburtstages doppelte Beträge zu ergattern. Wer solchen Leuten leicht Glauben schenkt, zehrt bald die Mittel auf, die dem Unterhalte der Armen dienen sollten. Ein Maß im Geben muß sein: die Armen sollen nicht leer ausgehen und ihr Lebensunterhalt nicht Gaunern als Beute überwiesen werden. Jenes Maß soll sein, daß einerseits der Menschenfreundlichkeit nicht Abbruch geschehe, andrerseits der Not die Hilfe nicht versagt bleibe.

77. Gar manche spiegeln Schulden vor. Man prüfe den wahren Sachverhalt! Sie klagen, sie seien durch Erpressungen ausgezogen worden. Das Unrecht, bezw. die Person, die einem etwa bekannt ist, müssen das beglaubigen, um dann desto bereitwilliger zu helfen. Den von der Kirche Ausgestoßenen soll eine Aufwendung zufließen, wenn es ihnen am nötigen Lebensunterhalt gebricht. Wer daher das rechte Maß einhält, ist gegen niemand knauserig, wohl aber gegen jedermann freigebig. Wir sollen ja nicht bloß ein Ohr für die Stimme der Bittenden, sondern auch ein Auge für die Nöten (der Nichtbittenden) haben. Einen lauteren Notschrei richtet der Anblick eines Bresthaften als die Stimme eines Armen an die Guttäter. Freilich es ist nicht anders denkbar: der laute, aufdringliche Bittruf von Flehenden erpreßt mehr. Aber nicht immer soll frecher Zudringlichkeit stattgegeben werden. Nach jenem sollst du dich umsehen, der dir nicht unter die Augen tritt; nach jenem dich erkundigen, der als verschämter Arme sich nicht blicken läßt; jener Sträfling im Gefängnis [S. 170] ferner soll dir (im Geiste) begegnen; jener mit Krankheit Behaftete deinen Geist treffen, wenn er dein Ohr nicht treffen kann.

78. Je mehr das Volk dich wirken sieht, um so mehr wird es dich lieben. Ich weiß von so manchen Priestern: je mehr sie gaben, um so mehr hatten sie. Denn jeder, der einen guten Arbeiter sieht, gibt ihm, daß er’s kraft seines Amtes verteile3, dessen gewiß, daß sein Mitleid den Weg zu einem Armen findet; denn nur einem Armen will jeder seine Gabe zugute kommen lassen. Sieht er von einem Almosenverteiler, daß er verschwenderisch oder aber zu knauserig ist, wird er beides verächtlich finden, sei es, daß derselbe durch überflüssige Aufwendungen die Früchte fremder Arbeit vergeudet, sei es, daß er sie im Säckel zurückbehält. Wie daher Maß in der Freigebigkeit zu halten ist, so scheint gar manchmal auch ein Ansporn hierzu am Platz zu sein: Maß deshalb, um täglich seinem Wohltun nachgehen zu können, um nicht die vergeudeten Summen der Not zu entziehen; Ansporn darum, weil das Geld in der Schüssel des Armen mehr bezweckt als im Säckel des Reichen. Hüte dich, das Wohl der Dürftigen in deinen Schrank zu sperren und das Leben der Armen sozusagen ins Grab zu betten!

79. Joseph hätte die ganzen Reichtümer Ägyptens verschenken und des Königs Schätze vergeuden können: doch er wollte nicht als Verschwender fremden Gutes erscheinen. Er wollte das Getreide lieber verkaufen4 als an die Hungernden verschenken, weil es der großen Mehrzahl gemangelt hätte, wenn er es an wenige verschenkt hätte. Jene Freigebigkeit zog er vor, durch die er an die Gesamtheit reichlich austeilen konnte. Er öffnete die Scheunen5. Doch alle sollten das nötige Getreide kaufen, daß sie nicht, wenn sie es [S. 171] unentgeltlich bekämen, die Bestellung des Ackerlandes unterließen6. Wer vom fremden Gut zehrt, vernachlässigt das eigene.

80. Zunächst trieb er nun für den König Geld in Menge ein; sodann verschaffte er ihm sonstige Fahrnisse; endlich das Besitzrecht auf Ländereien7, nicht um alle des Ihrigen zu berauben, sondern zu deren Unterstützung, zur Festsetzung einer öffentlichen Abgabe behufs größerer Sicherung ihres Besitzstandes. Das nahmen auch alle, denen er Ländereien abgenommen hatte, willig hin: sie erblickten darin nicht den Verkauf ihres rechtlichen Besitzes, sondern den Erlös ihres Lebens. So beteuerten sie denn auch: „Du hast uns Heil verschafft; wir haben Gnade gefunden vor den Augen des Herrn“8. Sie hatten ja auch am Eigentum nichts verloren, nachdem sie rechtmäßig dafür entschädigt worden waren; und hatten am eigenen Vorteil nichts eingebüßt, nachdem sie ihre dauernde Existenz dafür gefunden hatten.

81. O großer Mann, der nicht nach dem vergänglichen Ruhm verschwenderischer Freigebigkeit haschte, sondern durch nützliche Fürsorge ein dauerndes Denkmal sich setzte! Er bewirkte ja nur, daß das Volk durch seine Abgaben sich eine Selbsthilfe schuf und in der Zeit der Not nicht auf fremde Hilfe angewiesen war. Es war besser, daß es einen Teil von den Früchten abgab, statt seinen ganzen rechtlichen Besitz zu verlieren. Den fünften Teil bestimmte er als Abgabe9, in der Fürsorge ebenso umsichtig, wie in der Besteuerung milde. So erlebte denn auch Ägypten später keine solche Hungersnot mehr.

82. Wie wunderbar aber erschloß er die künftigen Dinge! Vor allem wie haarscharf brachte er als Traumdeuter des Königs nur die Wirklichkeit zum Ausdruck! [S. 172] Zum erstenmal träumte es dem König also: Sieben junge Kühe, wohlgestaltet und fettleibig, stiegen aus dem Flusse und weideten an dessen Ufer. Auch noch andere Jungrinder, häßlich an Gestalt und mager an Körper, stiegen nach jenen Kühen aus dem Flusse und weideten neben ihnen an eben jenem schwellenden Uferrande. Da sah man, wie diese hageren, mageren Jungrinder jene an Gestalt und Schönheit vorzüglicheren auffraßen. Und zum zweitenmal träumte es ihm also: Sieben fette, erlesene und fruchtbare Ähren hoben sich von der Erde, und nach ihnen richteten sich sieben dünne, vom Winde geknickte und welke Ähren auf. Und man sah, wie die unfruchtbaren und dünnen Ähren die frischen und vollen Ähren aufzehrten10.

83. Diesen Traum erklärte Joseph dahin, daß die sieben jungen Kühe sieben Jahre, und ebenso die sieben Ähren sieben Jahre bedeuteten, indem er die Zeiten nach dem Ertrag und der Fruchtbarkeit auslegte. Die Trächtigkeit einer Kuh besagt ja einen Jahresumlauf, und die Frucht des Saatfeldes läßt wiederum ein volles Jahr zur Rüste gehen. Darum stiegen jene vom Flusse herauf, weil die Tage, die Jahre und Zeitläufte nach Art der Flüsse vorüberziehen und eilends dahingleiten. Die ersten sieben Jahre nun, erklärt er, würden Jahre reichen Segens für das Land sein, ergiebig und fruchtbar; die letzten anderen sieben Jahre unfruchtbar und ertragslos, und ihre Unfruchtbarkeit werde den Überfluß der vorausgehenden aufzehren. Daher seine Mahnung zur Vorsorge: es sollten in den Segensjahren Getreidemittel angesammelt werden, welche die Not der kommenden Hungersnot heben könnten.

84. Was soll ich zuerst bewundern? Die Einsicht, mit der er in den Schacht der Wahrheit selbst hinabdrang? Oder den Rat, mit dem er einer so schweren und langen Not vorbeugte? Oder die Umsicht und die Gerechtigkeit, von denen die eine der ihr obliegenden großen Aufgabe zufolge so vielfache Lebensmittel [S. 173] ansammelte, die andere gleiches Maß für alle wahrte? Was soll ich denn von seinem Großmut sprechen, daß er, obwohl von den Brüdern in die Sklaverei verkauft11, ihr Unrecht nicht vergalt, sondern ihren Hunger stillte?12 Was von der Liebenswürdigkeit, mit der er sich durch fromme List die Anwesenheit seines geliebten Bruders verschaffen wollte, den er auf einen fein ersonnenen Scheindiebstahl hin der Entwendung schuldig erklärte, um ihn als holden Geisel zurückzubehalten?13

85. Mit Recht sprach darum der Vater zu ihm: „Reich gesegnet14 ist mein Sohn Joseph, reich gesegnet mein Sohn, der Eiferer15, mein jugendlicher Sohn. Dir stand bei mein Gott und segnete dich mit dem Segen des Himmels aus der Höhe und mit dem Segen der Erde mit all ihren Gütern um der Segnungen deines Vaters und deiner Mutter willen. Er überbot die Segensfülle der unvergänglichen Berge und die Erwartung der ewigen Hügel“16. Und im Deuteronomium heißt es: „Der im Dornbusch Erschienene komme über Josephs Haupt und dessen Scheitel! Verehrungswürdig ist er unter seinen Brüdern. Dem Erstgeborenen des Stieres gleicht seine Schönheit, Hörner des Einhorns sind seine Hörner: er wird damit die Völker insgesamt stoßen bis an die Grenzen der Erde. Ihm gehören Zehntausende von Ephraim und ihm Tausende von Manasse“17.

1: Ebenso Cic. l. c. 15, 54 sq. Auch Cicero dringt auf Vorsicht (diligenter) und Maßhalten (moderate) beim Geben.
2: Auch Cic. l. c. 20, 71 erklärt die Gerechtigkeit als das „höchste Gebot“ im Wohltun.
3: Cic. l. c. 15, 53 ein ähnlicher Gedanke, aber nicht auf Geldspenden bezogen, sondern auf persönliche Wohltätigkeitsleistungen eingeschränkt.
4: Vgl. Gen. 41, 56 ff.
5: Gen. 41, 56 ff.
6: Vgl. Gen. 47, 19.
7: Gen. 47, 14 ff.
8: Gen. 47, 25.
9: Gen. 47, 24.
10: Gen. 41, 1 ff.
11: Gen. 37, 27 ff.
12: Gen. 42, 25 ff.
13: Gen. 44, 2 ff.
14: ampliatus (wörtlich nach LXX; hebr.: ein junger Fruchtbaum) = gemehrt, reich entwickelt. Das Prädikat erinnert an die (volksetymol.) Bedeutung des Namens Joseph = der Hinzufügende, der Mehrer (Augustus). Vgl. Gen. 30, 24.
15: Die Itala hat statt ζηλωτός [zēlōtos] der LXX (= der Beneidenswerte; der Übersetzer hat fälschlich das hebr. ajin für ‚Auge‘ statt für ‚Quelle‘ genommen) ζηλώτης [zēlōtēs] = der Eiferer gelesen.
16: Gen. 49, 22 ff.
17: Deut. 33, 16 ff.

 

 

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