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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Zweites Buch: Vom Nützlichen

XV. Kapitel

Vom Nützlichen: Der Freigebigkeit vielfältige Betätigung, sei es in Form von Geldaufwendungen (68—72), sei es in Form von persönlichen Leistungen (73―75).1

68. Wenn es lobenswert ist, solchen Dingen gegenüber nüchternes Sinnes zu bleiben, wieviel vorzüglicher ist es, sich die Liebe der Menge durch Freigebigkeit zu erwerben, die weder gegen unverschämte Arme verschwenderisch noch gegen wahrhaft Dürftige knauserig ist!2

69. Recht vielartig aber betätigt sich die Freigebigkeit: sie reicht und teilt nicht bloß den des täglichen Bedarfes mangelnden Armen zum nötigen [S. 166] Lebensunterhalte Nahrung aus, sondern läßt auch den verschämten Armen ihre Sorge und Hilfe angedeihen, soweit nicht die allgemeinen Mittel zum Unterhalte der Armen dadurch erschöpft werden. Ich rede von dem Amtsvorsteher. Er soll, wenn er das Priester- oder Verwaltungsamt bekleidet, dem Bischof über solche Mitteilung machen und letztere nicht unterschlagen, wenn er von jemand weiß, daß er sich in dürftiger Lage befindet oder nach Einbuße des Vermögens in Not und Dürftigkeit geraten ist, zumal wenn er nicht durch Verschwendung in jungen Jahren, sondern durch Erpressung von irgendwelcher Seite und durch Vermögensverlust in diese mißliche Lage gekommen ist3, so daß er außerstande ist, den täglichen Aufwand zu bestreiten.

70. Eine recht große Freigebigkeit ist es ferner, Gefangene loszukaufen und aus Feindeshand zu befreien4, Menschen vom Tode und insbesondere Frauen vor Schande zu erretten, Kinder den Eltern, Eltern den Kindern zurückzuführen, Bürger dem Vaterlande wiederzugeben5. Dies sind nur zu bekannte Dinge aus der Verwüstung, die in Illyrien und Thrakien angerichtet wurde. Wie viele Gefangene gab es da nicht überall im ganzen Umkreis loszukaufen! Riefe man sie zurück, könnten sie nicht eine ganze Provinz vollzählig bevölkern? Gleichwohl gab es Leute, die sogar solche, welche die Kirchen loskauften, in die Knechtschaft zurückstoßen wollten: Leute, schlimmer als selbst die Gefangenschaft, da sie denselben das fremde Mitleid mißgönnten! Wären sie selbst in die Gefangenschaft geraten, würden sie, die Freien, nun in Knechtschaft schmachten; wären sie verkauft worden, würden sie sich vergeblich gegen den Sklavendienst sträuben: und sie wollen die Freiheit anderer aufheben, sie, die ihre eigene Knechtschaft nicht hätten aufheben können, es würde denn einem Käufer gefallen haben, den Kaufpreis zu erlegen! Und doch wäre das nicht Sprengung der Sklavenketten, sondern nur ein Loskauf gewesen.

[S. 167] 71. Eine besonders verdienstliche Freigebigkeit besteht sonach im Loskauf von Gefangenen, namentlich von einem barbarischen Feinde, der für Erbarmen nur soviel Menschlichkeit übrig hat, als die Habsucht sich im Fall des Loskaufes vorbehielt; ferner in der Übernahme fremder Schulden6, wenn der Schuldner zahlungsunfähig ist und dennoch zu einer Zahlung gedrängt wird, die von Rechts wegen geschuldet und wegen Dürftigkeit nicht geleistet werden kann; in der Aufziehung von Kindern und der Beschützung der Waisen.

72. Auch gibt es Personen, die elternlosen Jungfrauen zum Schutz ihrer Keuschheit zur Ehe verhelfen und nicht bloß für ihre Unterstützung sich bemühen, sondern auch selbst sie durch Geldaufwand betätigen7. Es gibt ferner jene Art Freigebigkeit, welche der Apostel lehrt: „Hat ein Gläubiger Witwen, soll er ihnen reichen, daß nicht ihre Ernährung der Kirche zur Last falle, damit diese denen, die wahrhaft Witwen sind, genügen könne“8.

73. Diese Art Freigebigkeit ist wohl nützlich, aber nicht jedermanns Sache. Denn es gibt gar manche, auch gute Menschen, die nur über geringes Vermögen verfügen: wohl zufrieden mit dem Wenigen für den eigenen Bedarf, aber außerstande, Hilfe zu leisten zur Linderung fremder Not. Doch da gibt es eine weitere Art von Wohltätigkeit, um einem Geringeren helfen zu können. Es gibt nämlich eine doppelte Freigebigkeit: eine, welche mit Sachunterstützung, d. h. mit Geldaufwand hilft; eine andere, oft viel glänzendere und viel rühmlichere, welche in werktätiger Hilfeleistung sich ergeht9.

74. Wie unvergleichlich herrlicher war es, daß Abraham seinen in Gefangenschaft geratenen Neffen mit siegreicher Waffe statt durch Loskauf [S. 168] wiedergewann! Wie unvergleichlich vorteilhafter war es, daß der heilige Joseph dem König Pharao mit fürsorglichem Rate statt mit Geldangebot an die Hand ging? Denn Geld hätte nicht für eine einzige Stadt die Kosten zur reichlicheren Versorgung gedeckt, die Vorsorge aber, die er traf, hielt sieben Jahre lang die Hungersnot von ganz Ägypten fern.

75. Geld wird leicht aufgebraucht, Rat läßt sich nicht erschöpfen10. Dieser steigert sich mit der Ausübung, das Geld verringert sich und geht bald ganz aus und macht der Mildtätigkeit ein Ende. Je mehr Dürftigen man geben will, desto wenigeren kann man helfen, und oft ermangelt man dessen überhaupt, was man anderen spenden zu sollen glaubt. Rat und Tat aber, die man übt, strömen, auf je mehr sie sich ergießen, um so voller und münden zu ihrer Quelle zurück. Denn der reiche Strom der Klugheit fließt in sich zurück, und je mehr Dürftigen er strömt, um so kräftigere Wogen schlägt der ganze Strom, der zurückflutet.

1: Vgl. Cic. l. c. 15, 52—24, 85. Cicero handelt 16, 54—18, 64 vom Wohltun in Form von Geldspenden (largitio), sei es von seiten der verschwenderisch (16, 54—17, 60), sei es von seiten der vernünftig Gebenden (18, 61—18, 64); 19, 65—24, 85 vom Wohltun in Form von persönlichen Leistungen (opera), sei es gegen den Einzelnen (19, 65—20, 71), sei es gegen die Gesamtheit (21, 72—24, 85).
2: Die Doppelforderung auch bei Cic. l. c. 15, 54 sq.
3: Derselbe Gedanke Cic. l. c. 18, 61 sq.
4: Das Beispiel auch Cic. l. c. 16, 55.
5: Vgl. Cic. l. c. 18, 63.
6: Cic. l. c. 16, 55 schränkt die Forderung der Schuldübernahme auf Freunde ein.
7: Vgl. Cic. l. c. 16, 55.
8: 1 Tim. 5, 16.
9: Nach Cic. l. c. 15, 52.
10: „Mit Rat einem an die Hand gehen und vor Gericht beistehen“, wird auch bei Cic. l. c. 19, 65 unter den persönlichen Leistungen der Freigebigkeit aufgezählt.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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