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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Zweites Buch: Vom Nützlichen

II. Kapitel

Vom seligen Leben: Die verschiedenen Auffassungen der Philosophie (4). Die Hl. Schrift verlegt es in die Gotteserkenntnis und die guten Werke (5), lange bevor man von einer Philosophie hörte (6): die beiden Elemente sind unzertrennlich (7).

4. Von den Philosophen nun verlegten die einen das selige Leben in die Schmerzlosigkeit, wie Hieronymus, andere in die Erkenntnis der Dinge, wie Herillus. Dieser hörte nämlich, wie Aristoteles und Theophrast der Erkenntnis der Dinge wunderbares Lob spendeten, und setzte darum in sie allein das höchste Gut, während jene sie wohl als ein Gut, nicht aber als das einzige Gut [S. 137] priesen. Andere, wie Epikur, nannten den Genuß; andere, wie Kallipho und nach ihm Diodor, erklärten sich dahin, daß der eine das Sittlichgute mit dem Genusse, der andere mit dem Freisein von Schmerz zugleich verband, indem es ohne dasselbe kein seliges Leben geben könne. Der Stoiker Zeno behauptete, das Sittlichgute sei das einzige und höchste Gut; Aristoteles hingegen, bezw. Theophrast und die übrigen Peripatetiker, das selige Leben beruhe zwar in der Tugend, d. i. im Sittlichguten, aber zum Vollmaß ihrer Seligkeit gehörten auch die leiblichen und äußeren Güter.

5. Die göttliche Schrift dagegen verlegte das ewige Leben in die Erkenntnis Gottes und die Frucht des guten Wirkens. Für beide Behauptungen spricht denn auch das Zeugnis des Evangeliums. Was einerseits die Erkenntnis anlangt, so äußerte sich der Herr Jesus folgendermaßen: „Das ist aber das ewige Leben, daß sie Dich, den alleinigen wahren Gott, erkennen, und den Du gesandt hast, Jesus Christus“1. Was andrerseits die Werke betrifft, so gab er folgenden Bescheid: „Jeder, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen verläßt, wird hundertfältig empfangen und das ewige Leben besitzen“2.

6. Damit man jedoch nicht glaube, das sei etwas Neues und, bevor es im Evangelium ausgesprochen ward, von den Philosophen behandelt worden — die Philosophie nämlich, d. i. Aristoteles und Theophrast, oder auch Zeno und Hieronymus, sind wohl älter als das Evangelium, doch jünger als die Propheten —, so höre man, wie beide Punkte, lange bevor man von den Philosophen auch nur dem Namen nach vernahm, durch den Mund des heiligen David offen ausgesprochen erscheinen. Denn es steht geschrieben: „Selig, wen Du, o Herr, unterweist und über Dein Gesetz belehrst!“3 Auch anderen Orts lesen wir: „Selig der Mann, der den [S. 138] Herrn fürchtet! An seinen Geboten wird er übergroße Lust haben“4. Auf die Erkenntnis bezog sich unsere Belehrung. Als deren Lohn nannte der Prophet die Frucht der Ewigkeit und setzte bei, im Hause eines Menschen, der den Herrn fürchtet, bezw. der im Gesetze unterrichtet ist und an den göttlichen Geboten seine Lust hat: „Ehre und Reichtum ist in seinem Hause, und seine Gerechtigkeit währt in alle Ewigkeit“5. Ebenso fügte er bezüglich der Werke im gleichen Psalme hinzu, sie verschaffen dem gerechten Mann den Lohn des ewigen Lebens. So beteuert er: „Selig der Mann, der mitleidig ist und leiht! Er wird seine Worte stellen im Gerichte; denn in Ewigkeit wird er nicht zum Wanken gebracht werden“6. Und im folgenden: „Er teilte aus, gab den Armen: seine Gerechtigkeit währt in Ewigkeit“7.

7. Der Glaube besitzt das ewige Leben: er ist dessen gute Grundlage. Aber auch die guten Werke besitzen es. In Wort und Tat zugleich bewährt sich nämlich der Gerechte. Denn wenn er nur im Reden bewandert, in Werken aber lässig ist, straft das Tun seine Einsicht Lügen, und um so schwerer ist die Verantwortung, wenn man weiß, was man tun sollte, aber nicht tat, was man zu tun für notwendig erkannte. Aber auch umgekehrt. Im Handeln gewissenhaft, in der Gesinnung schwankend sein, hieße über schlechter Grundlage schöne Giebelbauten aufführen wollen. Je mehr man aufbaut, umso mehr stürzt ein. Ohne die feste Stütze des Glaubens können die guten Werke nicht bestehen. Eine unzuverlässige Reede im Hafen macht das Schiff zerschellen; und ein sandiger Boden entweicht rasch und vermag die Last des aufgeführten Baues nicht zu tragen. Dort also winkt der volle Lohn, wo vollendete Tugend herrscht und vernünftiges Handeln mit vernünftigem Reden gleichsam gleichen Schritt hält.

1: Joh. 17, 3.
2: Matth. 19, 29.
3: Ps. 93, 12 [Hebr. Ps. 94, 12].
4: Ps. 111, 1 [Hebr. Ps. 112, 1].
5: Ps. 111, 3 [Hebr. Ps. 112, 3].
6: Ps. 111, 5 f. [Hebr. Ps. 112, 5 f.].
7: Ps. 111, 9 [Hebr. Ps. 112, 9].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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