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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Erstes Buch: Vom Sittlichguten

L. Kapitel

Von den Leviten: Name und Standestugenden im allgemeinen (246—247). Ihre standesmäßige Keuschheit (248—249). Die Erhabenheit ihres Amtes (250). Ihre Hauptfunktionen entsprechend den Kardinaltugenden (251—253). Besondere Pflichten derselben (254—256). Der Levitensegen des Moses (257—259).

246. Wenn durch das Evangelium des Herrn sogar auch das gewöhnliche Volk zur Verachtung des Reichtums angeleitet und angehalten ist, wieviel mehr dürft ihr Leviten nicht von irdischen Lüsten euch einnehmen lassen, da Gott euer Anteil ist. Als nämlich von Moses der Besitz des Landes an das Vätervolk ausgeteilt wurde, schloß der Herr die Leviten von der Teilnahme daran aus1, weil er selbst ihr Erblos sein wollte2. Daher Davids Bekenntnis: „Der Herr ist meines Erbes und meines Bechers Anteil“3. Das bedeutet denn auch der Name Levite: ‚er ist mein‘, oder aber: ‚er ist statt meiner‘4. Etwas Erhabenes muß es also um sein Amt sein, daß der Herr von ihm spricht: ‚er ist mein‘, oder wie er zu Petrus in Hinblick auf den im Rachen des Fisches gefundenen Stater sagte: „Gib ihnen denselben für mich und dich!“5 Auch der Apostel fügte hinzu, nachdem er vom Bischof verlangt hatte, er solle [S. 128] nüchtern, ehrbar, würdevoll, gastfrei, zum Lehren geeignet, nicht geizig, nicht streitsüchtig sein, seinem Hause ein guter Vorgesetzter6: „Desgleichen sollen die Diakonen gesetzt sein, nicht doppelzüngig, nicht viel dem Wein ergeben, nicht nach schnödem Gewinn trachtend, das Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen tragend. Auch sie sollen aber erst erprobt werden und so, wenn sie untadelig sind, den Dienst versehen“7.

247. Wir sehen, wie große Anforderungen an uns gestellt werden. Der Diener des Herrn soll von Wein sich enthalten, auf einen guten Leumund nicht bloß der Gläubigen, sondern auch „von seiten derer, die draußen sind“, sich stützen können8. Denn die öffentliche Meinung darf billig Zeuge unseres Handelns und Wirkens sein, damit der Ruf des Amtes nicht leide; damit, wer einen Diener des Altares im geziemenden Tugendschmucke erblickt, den Schöpfer preise und den Herrn ehre, der solche Diener hat. Denn wo rein die Habe und unsträflich die Zucht der Dienerschaft, erhebt sich das Lob des Herrn.

248. Was soll ich aber von der Reinheit sprechen? Ist doch nur eine Ehe und keine weitere erlaubt. Und in der Ehe selbst liegt das Gesetz, die Ehe nicht zu wiederholen und keine zweite eheliche Verbindung einzugehen9. Verwunderlich erscheint so manchem nur das, warum sogar aus einer vor der Taufe wiederholt eingegangenen Ehe für die Wahl zum (Leviten-) Amte und für das Vorrecht zum Weiheempfang Hindernisse [S. 129] erwachsen sollen, während selbst Verfehlungen, wenn sie durch das Taufsakrament nachgelassen sind, kein Hindernis bilden. Doch wir müssen bedenken, daß durch die Taufe wohl die Schuld nachgelassen, nicht aber ein Gesetz aufgehoben werden kann. In solcher Ehe liegt nicht Schuld, sondern Gesetz. Was Schuld ist, wird in der Taufe getilgt, was Gesetz ist in der Ehe, nicht aufgehoben. Wie könnte aber auch einer zum Witwenstand aufmuntern, der selbst mehrere Ehen eingegangen hat?

249. Ihr, die ihr in leiblicher Unversehrtheit, in unverletzter Reinheit, selbst in ehelicher Enthaltsamkeit das Gnadenamt eures heiligen Dienstes empfangen habt, begreift wohl, daß dieser Dienst sonder Tadel und Makel geleistet werden muß. Das ließ ich deshalb nicht unerwähnt, weil vielfach an abgelegeneren Orten Kleriker, da sie den Kirchendienst oder selbst das Priesteramt bekleideten, Kinder bekamen. Sie wollen dies gleichsam mit einem alten Herkommen beschönigen aus der Zeit, da man nach tagelangen Unterbrechungen das Opfer darbrachte. Und doch beobachtete, wie wir im Alten Testamente lesen, das gewöhnliche Volk, um rein zum Opfer zu treten, durch zwei und drei Tage hindurch keusche Enthaltsamkeit und wusch sich die Kleider10. Wenn schon im vorbildlichen Kulte so strenge Observanz herrschte, wie streng muß sie im wahren sein! Verstehe, Priester und Levite, was es bedeutet: ‚deine Kleider waschen‘. Du sollst einen reinen Leib zur Feier der Geheimnisse mitbringen! Wenn es dem Volke verboten war, ohne Reinwaschung seiner Kleider zum Opfer hinzutreten: du wolltest es wagen, unreines Geistes und Leibes zugleich für andere zu beten, für andere des Dienstes zu walten?

250. Nichts Geringes ist es um den Dienst der Leviten, von welchen der Herr spricht: „Sieh, ich erwähle die Leviten aus der Mitte der Söhne Israels statt jedes Erstgeborenen, der den Kindern Israels den Mutterleib [S. 130] öffnet. Sie sollen deren Lösegeld sein. Und mein sollen die Leviten sein; denn für mich habe ich die Erstgeburt im Lande Ägypten geheiligt“11. Wir wissen, daß die Leviten (in der Schrift) nicht unter die Zahl der übrigen gerechnet, sondern allen vorgezogen werden; sie werden aus allen auserwählt und geheiligt wie die Erstgeburt und die Erstlinge der Früchte, welche für den Herrn bestimmt sind, welche die Einlösung von Gelübden und die Loslösung von Sünden bedeuten: „Du sollst sie“, heißt es, „nicht unter die Söhne Israels aufnehmen, sondern sollst festsetzen, daß die Leviten über dem Zelte des Zeugnisses und über allen Gefäßen desselben und über allen Gerätschaften in demselben stehen. Sie sollen das Zelt und alle Gefäße desselben tragen und in demselben dienen und das Lager um das Zelt aufschlagen. Und beim Aufbruch sollen sie, die Leviten, das Zelt zusammenlegen. Und beim abermaligen Aufschlagen des Lagers sollen sie auch das Zelt aufstellen. Jeder Fremde, der hinzutritt, soll des Todes sterben“12.

251. Du nun bist der aus der Gesamtzahl der Söhne Israels Erkorene, gleichsam der als Erstling unter den heiligen Früchten Erlesene, der dem Zelte Vorgesetzte, so daß du den Vortritt im Lager der Heiligkeit und des Glaubens hast, dem kein Fremder nahen darf, ohne des Todes zu sterben; du der hierzu Berufene, die Lade des Bundes zu verhüllen. Denn nicht alle schauen die hohen Geheimnisse, weil sie von den Leviten verhüllt werden, damit die, welche sie nicht schauen dürfen, sie nicht schauen; die, welche sie nicht bewahren können, sie nicht empfangen. So schaute auch Moses die Beschneidung im geistigen Sinn, legte aber eine Hülle darüber, so daß er die Beschneidung nur im Zeichen vorschrieb. Er schaute „das ungesäuerte Brot der Wahrheit und Reinheit“13; er schaute das Leiden des Herrn: er verhüllte das ungesäuerte Brot der Wahrheit unter [S. 131] dem physischen; er verhüllte das Leiden des Herrn unter dem Opfer eines Lammes oder Kalbes. Gute Leviten wahrten das Geheimnis unter der Hülle ihres Glaubens: und du wolltest das, was dir anvertraut ward, für gering halten? Das erste ist, daß du die Erhabenheit Gottes schaust: das verlangt die Wahrheit; das zweite, daß du für das Volk wachst: das verlangt die Gerechtigkeit; daß du das Lager verteidigst und das Zelt hütest: das verlangt die Tapferkeit; dich selbst enthaltsam und nüchtern erweist: das verlangt die Mäßigkeit.

252. Diese Arten der Haupttugenden stellten auch jene auf, „die draußen sind“14, räumten jedoch der Gemeinschaftstugend (Gerechtigkeit) einen höheren Rang ein als der Weisheit, da doch die Weisheit das Fundament, die Gerechtigkeit der Bau darüber ist, der ohne das Fundament nicht denkbar ist15. Das Fundament aber ist Christus16.

253. Das erste nun ist der Glaube. Er gehört zur Weisheit. So beteuert Salomo, seinem Vater folgend17: „Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn“18. Und das Gesetz gebietet: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben“19, „du sollst den Nächsten lieben“20. Schön ist es, dein Herz und deine Dienste der menschlichen Gesellschaft zu widmen: doch als erstes geziemt sich, daß du das Kostbarste, was du hast, deinen Geist — Kostbareres als ihn hast du nicht —, Gott weihst. Erst wenn du gegen den Schöpfer deine Schuld [S. 132] eingelöst hast, magst du dein Wirken dem Wohltun und der Hilfeleistung der Menschen weihen und ihrer Not sei es durch eine Geldspende, sei es durch eine Gefälligkeit oder einen sonstigen Dienst, wozu in eurem Amte so reichliche Gelegenheit sich bietet, steuern: durch eine Geldspende, um eine Unterstützung zu gewähren; durch ein Darlehen, um einen Überschuldeten zu befreien; durch eine Gefälligkeit, um eine Hinterlage in Gewahrsam zu nehmen, deren Verlust der Gläubiger befürchtete.

254. Es ist nun Pflicht, die Hinterlage zu bewahren oder heimzuzahlen21. Zuweilen bedingt freilich die Zeit oder die Not etwas anderes, so daß keine Pflicht zur Rückgabe des Empfangenen besteht22: so, wenn jemand als ein offenkundiger Feind das Geld zur Unterstützung der Barbaren wider das Vaterland zurückfordern würde; oder wenn man es einem zurückerstatten wollte, der sich in den Händen eines Erpressers befindet; wenn man es einem Rasenden heimzahlen wollte, da er ja außerstande ist, es aufzubewahren. Einem Wahnsinnigen ein anvertrautes Schwert, mit dem er sich töten will, nicht vorenthalten, wäre solche Rückerstattung nicht pflichtwidrig? Wissentlich zur Hintergehung des Verlustträgers gestohlenes Gut annehmen, wäre das nicht pflichtwidrig?

255. Manchmal wäre es auch pflichtwidrig, ein Versprechen einzulösen, einen Eid zu halten23. So gab Herodes, welcher der Tochter der Herodias alles zu geben schwur, was nur verlangt würde, selbst die Ermordung des Johannes zu, um sein Versprechen nicht zu brechen24. Was soll ich denn von Jephte sagen, der zur Erfüllung des Gelübdes, das er gelobt hatte, nämlich Gott darzubringen, was immer ihm zuerst begegnen [S. 133] würde, seine Tochter opferte, weil sie ihm nach dem Siege zuerst in den Weg gekommen war?25 Besser wäre es gewesen, nichts Derartiges zu versprechen, als das Versprechen mit einem Kindesmord einzulösen.

256. Es ist euch nicht unbekannt, wieviel Besonnenheit dazu gehört, hier das Richtige zu treffen. Daher die Auswahl des Leviten, der das Heiligtum bewachen soll, damit er sich nicht in seiner Unbesonnenheit täuschen lasse, nicht vom Glauben abfalle, nicht den Tod fürchte, nichts überhaste, um schon äußerlich ein würdevolles Benehmen an den Tag zu legen, nicht bloß in der Gesinnung, sondern auch in den Blicken enthaltsam zu sein: auch eine zufällige Begegnung sollte schicklicherweise seine züchtige Stirn nicht erröten machen; denn „jeder, der ein Weib ansieht, um es zu begehren, hat mit ihr in seinem Herzen Ehebruch getrieben“26. So läßt sich nicht bloß durch eine Schandtat im Werk, sondern auch schon durch einen absichtlichen Blick Ehebruch begehen.

257. Das scheinen große, ja allzu strenge, aber in einem großen Amte nicht müßige Anforderungen zu sein. Ist doch das Gnadenamt der Leviten so erhaben, daß Moses in seinen Segenssprüchen von denselben sagt: „Gebt dem Levi seine Männer, gebt dem Levi seine Erlauchten, gebt dem Levi das ihn treffende Los und dem heiligen Mann seine Wahrheit! Denn in Prüfungen versuchten sie ihn, über dem Wasser des Widerspruches schmähten sie ihn. Der zu seinem Vater und seiner Mutter spricht: ‚ich kenne dich nicht‘, und seine Brüder nicht kennt und auf Kinder seinerseits verzichtete, er hütet deine Worte und wahrte deinen Bund“27.

258. Die Leviten nun sind „seine Männer“ und „seine Erlauchten“, welche „seine Worte hüten“ und in ihrem Herzen überdenken, wie Maria sie überdachte28. [S. 134] Sie „kennen ihre eigenen Eltern nicht“, um sie etwa ihrem Dienste vorzuziehen, hassen die Schänder der Keuschheit, rächen die Verletzung der Jungfräulichkeit und kennen die jeweiligen Anforderungen ihres Dienstes: welche Verrichtung die wichtigere, welche die weniger wichtige sei, zu welchem Zeitpunkt sie sich eigne. So wollen sie nur das Schickliche befolgen und, wo wirklich ein zweifaches Schickliches vorliegt, für das Schicklichere sich entscheiden. Sie sind mit Recht „die Gesegneten“.

259. Verkündet nun einer Gottes Recht und Gerechtigkeit, nimmt er die Räucherung vor, so „segne, Herr, seine Tugend, nimm auf die Werke seiner Hände!“29 Er möge die Gnade des prophetischen Segensspruches bei dem finden, der lebt und herrscht in die Ewigkeiten der Ewigkeiten, Amen. Zweites Buch: Vom Nützlichen

1: Num. 18, 20 ff.
2: Ps. 104, 11 [Hebr. Ps. 105, 11].
3: Ps. 15, 5 [Hebr. Ps. 16, 5].
4: Vgl. Num. 3, 12. 45. Über die Bedeutung des Namens Levi und Levite verbreitet sich Ambrosius auch Expos. in Ps. 118 serm. 8, 4 und De Cain et Abel II 3, 11.
5: [Vgl. Matth. 17, 27].
6: 1 Tim. 3, 2 ff.
7: 1 Tim. 3, 8 ff.
8: 1 Tim. 3, 7.
9: Das „in der Ehe selbst liegende Gesetz“ läßt die zweite Ehe nach Ambr. an sich nicht als verboten, sondern nur als unrätlich erscheinen. „Auch die Witwe empfing kein Gebot, sondern nur einen Rat“, keine zweite Ehe einzugehen. Gleichwohl betont er den Rat hauptsächlich mit Berufung auf die dem Gatten noch nach dem Tode geschuldete Treue und die den Kindern aus erster Ehe geschuldete Rücksicht mitunter als moralische Verpflichtung.
10: Exod. 19, 10 f.
11: Num. 3, 12 f.
12: Num. 1, 49 ff.
13: 1 Kor. 5, 8.
14: 1 Kor. 5, 12 f.; Kol. 4, 5. 11; 1 Tim. 3, 7.
15: Die Polemik richtet sich gegen Cic. l. c. I 43, 153, doch zu Unrecht. Auch Cicero erklärt die Weisheit (σοφία) [sophia], „die Wissenschaft vom Göttlichen und Menschlichen“, als „die Fürstin aller Tugenden“. Wohl aber setzt er die Klugheit (φρόνησις) [phronēsis], „die Wissenschaft von den Dingen, die anzustreben und zu fliehen sind“, den „aus dem Gemeinschaftsleben sich ergebenden Pflichten“, d. i. der Gerechtigkeit nach.
16: 1 Kor. 3, 11.
17: Ps. 110, 10 [Hebr. Ps. 111, 10].
18: Sprichw. 9, 10.
19: Deut. 6, 5; 11, 13 (Matth. 22, 37).
20: Vgl. Lev. 19, 18 (Matth. 22, 39. Röm. 13, 9).
21: Vgl. unten III 39, 144.
22: Vgl. Cic. l. c. 10, 31.
23: Vgl. Cic. l. c. 10, 32; III 24, 93—95. Auf die gleichen Ausführungen mit den gleichen Beispielen (Herodes, Jephte) kommt Ambr. unten III 12, 76—78 zurück.
24: Matth. 14, 7 ff.
25: Richt. 11, 30 ff.
26: Matth. 5, 28.
27: Deut. 33, 8 f.
28: Luk. 2, 19. 51.
29: Deut. 33, 10 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger