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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Erstes Buch: Vom Sittlichguten

XLVI. Kapitel

Von der Mäßigkeit: Einteilung des Schicklichen (222). Alles Natürliche ist schicklich, alles Naturwidrige schimpflich (223). Das zweifache Schickliche im Spiegelbild der Schöpfung (224).

222. Das Schickliche ist sonach etwas, was in die Erscheinung tritt. Seine Einteilung ist eine zweifache. Es gibt nämlich eine Art allgemeine Schicklichkeit, die sich durch das Ganze des Sittlichguten erstreckt und sozusagen an seinem ganzen Leibe sichtbar ist; und auch eine besondere, die an irgendeinem Teile desselben hervorleuchtet1. Mit jener allgemeinen verhält es sich so, als böte sie in jeder ihrer Handlungen in schönem Einklang das Gleichförmige und Ganze des Sittlichguten, indem ihr Leben mit sich selbst übereinstimmt, ohne daß der geringste Mißton es störte2. Die besondere (tritt hervor), so oft sie innerhalb des Tugendbereiches eine besonders vorzügliche Handlung setzt.

223. Zugleich beachte folgendes: Schicklich ist das naturgemäße Leben, die naturgemäße Lebensführung, schimpflich das Naturwidrige. Denn so warnt der Apostel in Form einer Frage: „Geziemt dem Weibe unverhüllt zu Gott zu beten? Lehrt euch nicht die Natur selbst, daß es dem Manne, wenn er (langes) Haar [S. 118] trägt, zur Unehre gereicht“3, weil es wider die Natur ist? Und wiederum versichert er: „Trägt aber das Weib (lange) Haare, ist’s für sie eine Zierde“4; denn das ist naturgemäß, weil die Haare als Schleier dienen: es ist der natürliche Schleier. Person und äußere Tracht bestimmt uns sonach die Natur selbst, und wir müssen sie wahren5. O daß wir auch ihre Unschuld hätten bewahren können! Daß unsere Bosheit sie nicht, nachdem wir sie empfangen hatten, verkehrt hätte!

224. Das allgemeine Schöne (Schickliche) findet man vor, weil die Schönheit dieser Welt Gottes Schöpfung ist. Aber auch in den einzelnen Teilen trifft man es an; denn auch das Einzelne fand Gottes Gutheißung, als er das Licht schuf und den Tag und die Nacht ausschied, als er den Himmel festigte, als er die Lande und Meere voneinander absonderte, als er die Sonne, den Mond und die Sterne zu Leuchten über die Erde setzte6. So strahlte denn dieses Schöne, indem es in den einzelnen Teilen der Welt aufleuchtete, im ganzen All wider, wie es die Weisheit mit den Worten bestätigt: „Ich war es, die seinen Beifall fand, da er sich des vollendeten Erdkreises freute“7. Ähnlich ist auch am menschlichen Körperbau jedes Teilglied gefällig; doch mehr noch ergötzt der symmetrische Gliederbau als Ganzes, indem so die Glieder in ihrer gegenseitigen Anpassung und Übereinstimmung in die Erscheinung treten8.

1: Nach Cic. l. c. 27, 96. Die weitere Erklärung unabhängig von der Vorlage.
2: Vgl. Cic. l. c. 31, 111.
3: 1 Kor. 11, 13 f.
4: 1 Kor. 1, 15.
5: Vgl. Cic. l. c. 28, 97 f.
6: Gen. 1, 1 ff.
7: Sprichw. 8, 30 f.
8: Vgl. Cic. l. c. 28, 98.

 

 

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